Stimmungsschwankungen und Depressionen
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Depressionen und Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen und Depressionen sind nicht das gleiche, obwohl sie sich durch gemeinsame Symptome zeigen können. Manchmal gehen sie schleichend ineinander über. Wann sind Freudlosigkeit und fehlender Antrieb krankhaft?

20 Minuten

Beratungsintensives Johanniskraut

Bei leichten und mittelschweren depressiven Episoden bietet sich als erster medikamentöser Therapieversuch ein Johanniskraut-Präparat an. Pflanzliche Präparate werden, so die NVL, von einigen Patienten eher akzeptiert als synthetische Varianten.

Die Leitlinie betont zugleich, dass die Wahl nur auf Phytotherapeutika fallen darf, die als Arzneimittel zugelassenen sind. Nur diese enthalten einen standardisierten, ausreichend hoch dosierten und durch Studien belegten Johanniskraut-Trockenextrakt. Nur für einen solchen Extrakt wurde im Rahmen des Zulassungsverfahrens umfangreiches Datenmaterial geliefert zur Sicherheit und Wirksamkeit bei der Behandlung von Depressionen. Ebenso hebt die Leitlinie hervor, dass der Patient über spezifische Nebenwirkungen und Interaktionen aufgeklärt werden muss.

Altbekannte Heilpflanze

Schon seit dem frühen Altertum wird Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) geschätzt. In den goldgelben Blüten des Johanniskrauts sah man die eingefangene Kraft der Sonne, die alles Dunkle und Dämonische vertreiben und Licht ins verdunkelte Gemüt bringen konnte. Inzwischen gehört die bis zu einem Meter hoch wachsende Staude aus der Familie der Hartheugewächse (Hypericaceae) zu den am besten untersuchten Arzneipflanzen.

Extrakt und Dosierung wählen

Die Wirksamkeit von Johanniskraut gilt bei leichter bis mittelgradiger depressiver Symptomatik als erwiesen – vorausgesetzt es kommen in ausreichender Dosierung hochwertige, standardisierte Extrakte mit einem hohen Gehalt an wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen zum Einsatz. Evidenz für eine Wirksamkeit haben bislang nur Extrakte mit Methanol 80 Prozent (V/V) oder Ethanol 50 bis 80 Prozent (V/V) erbracht. Empfohlen wird eine Dosierung von 900 Milligramm (mg) Extrakt pro Tag. Bei leichter Verstimmung können auch 500 bis 750 mg genügen.

Zulassungsstatus bei Johanniskraut-Präparaten beachten

Ausreichend hoch dosierte, standardisierte Extrakte finden sich nur in apotheken- und verschreibungspflichtigen Präparaten. Verschreibungspflichtige Johanniskraut-Präparate haben im Rahmen ihres Zulassungsverfahrens umfangreiches Datenmaterial zur Sicherheit und Wirksamkeit bei der Behandlung von mittelschweren Depressionen geliefert.

Für die Selbstmedikation stehen diese Präparate auch in einer apothekenpflichtigen Variante mit einem geringfügig abgewandelten Namen zur Verfügung. Sie dürfen ohne Rezept abgegeben werden, obwohl sie genau denselben Extrakt in identischer Dosierung (je nach Präparat 300, 600 oder 900 mg) enthalten.

Die apothekenpflichtigen Ausführungen haben jedoch lediglich eine Zulassung für leichte vorübergehende depressive Störungen erhalten und sind nicht zur Behandlung einer Depression gedacht. Da diese eine ernst zu nehmende Erkrankung ist, soll sie – so der Gesetzgeber – vom Arzt mit verschreibungspflichtigen Präparaten behandelt werden.

Wie wirkt Johanniskraut?

Als Wirkmechanismus wird eine Wiederaufnahme-Hemmung verschiedener Neurotransmitter aus dem synaptischen Spalt angenommen. Genauer: vonNoradrenalin, Serotonin und Dopamin.  Damit wirkt Johanniskraut ähnlich wie synthetische trizyklische Antidepressiva (TZA) und Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI).

Für die Wirkung ist das Zusammenspiel mehrerer Inhaltsstoffe des Gesamtextraktes entscheidend. Es tragen sowohl Naphthodianthrone (z. B. Hypericin) als auch Phloroglucinderivate (z. B. Hyperforin) und Flavonoide (z. B. Hyperosid) dazu bei. Vor allem lässt sich eine antidepressive Wirkung für den Hauptwirkstoff Hyperforin belegen.

Zu Johanniskraut beraten

Bei der Abgabe ist darauf aufmerksam zu machen, dass die Wirkung von Johanniskraut erst nach circa zwei bis vier Wochen einsetzt. Zudem ist auf mögliche Wechselwirkungen hinzuweisen. Substanzen, die über gleiche Enzymsysteme (CYP-Enzyme) in der Leber verstoffwechselt werden (z. B. orale Kontrazeptiva), können schneller metabolisiert werden. Das hat absinkende Wirkstoffspiegel der Komedikation zur Folge.

Nicht fehlen sollte auch der Hinweis auf eine erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut unter Johanniskrauteinnahme, wobei der fotosensibilisierende Effekt nur bei intensiver Sonneneinstrahlung und wiederholter Gaben sehr hoher Extrakt-Konzentrationen einsetzen soll. Tagesdosierungen von bis zu 900 mg Extrakt werden als unproblematisch angesehen.

Johanniskrautpräparate aus dem Drogeriemarkt

Von den apotheken- und rezeptpflichtigen Arzneimitteln sind Präparate mit Johanniskraut abzugrenzen, die hauptsächlich in Drogerie- und Supermärkten vertrieben werden, sich aber auch in Apotheken finden. Dabei handelt es sich um freiverkäufliche („apothekenfreie“), also von der Apothekenpflicht ausgenommene Arzneimittel, die aufgrund rechtlicher Vorgaben aus Sicherheitsgründen deutlich geringer dosiert sind. Damit liegen sie unter den empfohlenen Tagesdosierungen, sodass keine ausreichende antidepressive Wirkung zu erwarten ist.

Schließlich werden noch Nahrungsergänzungsmittel (NEM) angeboten, die lediglich der Ergänzung der allgemeinen Ernährung dienen und somit weder krankheitsbedingte Aussagen treffen, noch sich auf Indikationen festlegen dürfen. Bei den NEM ist die Wirksamkeit völlig unklar und die Qualität oft fragwürdig. Denn sie unterliegen nur den Regelungen des Lebensmittelrechts und müssen kein aussagekräftiges Datenmaterial liefern.

Achtung: Serotonin-Syndrom

Eine gemeinsame Einnahme von Johanniskraut und synthetischen Antidepressiva sollte unterbleiben, da Johanniskraut ebenso wie viele Antidepressiva die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt erhöht. Ein Überschuss des Neurotransmitters an Synapsen des zentralen und peripheren Nervensystems kann das potenziell lebensbedrohliche Serotonin-Syndrom auslösen.

Je nach Schweregrad kann sich das Syndrom beispielsweise in Form von Schwitzattacken, Schweißausbrüchen, Fieber über 40 Grad Celsius (Hyperthermie), Nervosität, Verwirrtheit, Tachykardie, Bluthochdruck, motorischer Unruhe, Durchfall, Muskelzuckungen/-krämpfen oder Muskelstarre zeigen und einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen.

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