zwei Blutproben liegen auf einem Zettel© Ca-ssis / iStock / Getty Images Plus
Menschen, die unter einer homozygoten familiären Hypercholesterinämie (HoFH) leiden, haben oft sehr hohe Gesamtcholerolwerte. Ein neuer Lipidsenker soll ihn helfen.

Neue Wirkweise

EINZIGARTIGER NEUER LIPIDSENKER ZUGELASSEN

Die homozygote familiäre Hypercholesterinämie (HoFH) ist eine seltene erblich bedingte Störung des Cholesterinstoffwechsels. Betroffene können bereits im Kindesalter tödliche Herzinfarkte erleiden. Bisherige Therapien versagen oft. Nun ist ein Durchbruch gelungen.

Seite 1/1 3 Minuten

Seite 1/1 3 Minuten

Im September wurde der Antikörper Evinacumab (Evkeeza®) auf den Markt gebracht. Er besitzt einen völlig neuen Wirkmechanismus und kann auch Patienten helfen, bei denen die gängigen Wirkstoffe nicht anschlagen.

Ursache der Erkrankung ist ein genetischer Defekt im Rezeptor, der Low Density Lipoprotein (LDL) in die Leberzellen aufnimmt und so aus dem Blut entfernt. Bei der schwersten Form sind die LDL- Blutspiegel extrem erhöht.
 

Komplett neue Wirkweise

Das innovative Medikament zeichnet aus, dass es den LDL-Rezeptor für seine Wirkung nicht benötigt. Das ist der große Unterschied zu Statinen und den PCSK9-Inhibitoren Leqvio®, Repatha® und Praluent®. Evinacumab richtet sich gegen ein Protein namens Angiopoietin-like 3 (ANGPTL3). Dieses Eiweiß hemmt in der Leber zwei Lipasen. Wird seine Wirkung durch den Antikörper abgeschwächt, steigt die Aktivität der Lipoproteinlipase und der Endothellipase. Beide sorgen dafür, dass weniger LDL-Vorstufen im Blut zirkulieren und so letztlich weniger LDL gebildet wird. Die Zahl oder Funktion der LDL-Rezeptoren spielt hier keine Rolle, anders als bei bisher zugelassenen Lipidsenkern.

Evinacumab wird als Infusion einmal im Monat verabreicht. Es ist zunächst bedingt zugelassen für die Anwendung ab zwölf Jahren, der Hersteller hat aber bereits die Zulassung ab fünf Jahren beantragt. Dieses und die Tatsache, dass Evinacumab bereits in der neuesten Publikation der Europäischen Atherosklerosegesellschaft empfohlen wird, zeigen den Stellenwert des neuen Medikamentes. 
 

Überragende Wirkung

In der randomisierten, placebokontrollierten Zulassungsstudie konnte Evinacumab den LDL-Wert bei 65 Patienten mit HoFH um durchschnittlich 49 Prozent senken. Die Studienteilnehmer hatten vor Studienbeginn bereits die maximal mögliche Therapie mit den bewährten Wirkstoffen erhalten, teils kombiniert mit Apherese, der Entfernung von LDL aus dem Blut mittels spezieller Filtermethoden. Trotzdem wurden bei den Probanden im Schnitt LDL-Werte von 255,1 mg/dl gemessen. Nach 24 Wochen lagen die Blutspiegel bei durchschnittlich 132,1 mg/dl, während sie unter Placebo sogar leicht anstiegen. Auch eine noch laufende offene Verlängerungsstudie an 81 Patienten zeigte eine Senkung der LDL-Werte um 43 Prozent innerhalb von 24 Wochen. 

Häufigste Nebenwirkung waren Nasopharyngitis, grippeähnliche Erkrankungen, Schwindel, Rückenschmerzen und Übelkeit. Bei der Anwendung der einstündigen Infusion können schwere Überempfindlichkeitsreaktionen vorkommen, die den Therapieabbruch erfordern. 

Der Antikörper darf nicht bei Schwangeren angewendet werden, weil er den Fötus schädigen kann. Behandelte Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und mindestens fünf Monate nach Beendigung der Therapie verhüten. In den ersten Tagen der Stillzeit können Antikörper in die Muttermilch übergehen, daher soll Evinacumab nur, wenn nötig, nach dieser Zeit bei Stillenden angewendet werden. 

Die Markteinführung von Evinacumab ist eine gute Nachricht für Betroffene. Es ist der erste Wirkstoff, der nicht über den bei dieser Erkrankung nicht funktionsfähigen LDL-Rezeptor wirkt.

Warum andere Wirkstoffe bei HoFH versagen
Statine hemmen ein Enzym, das in der Leberzelle Cholesterin, einen notwendigen Baustein für Zellmembranen, herstellt. So entsteht ein Cholesterinmangel in der Zelle, was zu einer Erhöhung der Zahl von LDL-Rezeptoren auf der Zellmembran führt. Diese nehmen mehr LDL aus dem Blut auf, wodurch der Blutspiegel sinkt. PCSK9-Hemmer hemmen ein Enzym, das in der Leber am Abbau von LDL-Rezeptoren beteiligt ist. Dadurch steigt die Zahl der LDL-Rezeptoren, der Blutspiegel sinkt. Wenn die LDL-Rezeptoren aber fehlerhaft sind, helfen beide Substanzgruppen nur unzureichend. Die familiäre Hypercholesterinämie kommt bei einem von 500 Menschen vor. Betrifft sie nicht nur ein, sondern beide Gene für den LDL-Rezeptor, handelt es sich um die homozygote Form, die gleichzeitig die schwerste ist. Die Betroffenen haben ein stark erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Quellen:
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/neuartiger-lipidsenker-auf-dem-markt-142549/
https://www.ema.europa.eu/en/documents/overview/evkeeza-epar-summary-public_de.pdf
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/evinacumab-im-handel-142080/
https://www.aerzteblatt.de/archiv/161185/Familiaere-Hypercholesterinaemie
https://www.univadis.de/viewarticle/homozygote-famili%25C3%25A4re-hypercholesterin%25C3%25A4mie-2023a1000dno

×