Etwa 20 bis 30 Prozent aller Schlaganfälle sind laut der Deutschen Herzstiftung auf Vorhofflimmern zurückzuführen. © onsuda / iStock / Getty Images Plus

Vorhofflimmern | Herzwoche

HERZRHYTHMUSSTÖRUNGEN SIND TÜCKISCH

Am schlimmsten waren die Nächte. «Ich habe kaum noch Luft gekriegt und hatte ständig das Gefühl, dass ich sterben muss. Es war fürchterlich», erinnert sich Ronald Voß. Bei dem 67-jährigen Berliner ist das Herz vor etwa einem Jahr außer Takt geraten. Immer wieder schlug es völlig chaotisch statt gleichmäßig, vor allem nachts.

Seite 1/1 3 Minuten

Seite 1/1 3 Minuten

Das Vorhofflimmern ist bundesweit die häufigste Herzrhythmusstörung - mit über 1,8 Millionen Betroffenen. Und es werden immer mehr. Laut Deutscher Herzstiftung kommen jährlich etwa 150 000 Patienten hinzu. «Es gibt immer mehr ältere Menschen und damit auch Krankheiten, die mit zunehmendem Alter auftreten. Dazu gehört auch das Vorhofflimmern», sagt der Berliner Herzspezialist und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Dietrich Andresen.

Die Krankheit gilt als tückisch, weil sie einen Schlaganfall verursachen kann, aber nicht immer rechtzeitig erkannt wird. «Viele Patienten verspüren gar keine Symptome», so Andresen. Und weil bei vielen die Symptome auch nur hin und wieder auftreten, ist es schwer für Ärzte, sie zu erkennen. Die gängigste Methode - ein EKG - ist nur eine kurze Momentaufnahme. Wenn das Flimmern dann gerade ausbleibt, wird es nicht entdeckt.

Die Herzstiftung widmet der gefährlichen Volkskrankheit ihre diesjährigen Herzwochen. Vom 1. bis 30. November informieren Experten vier Wochen lang in Seminaren, Vorträgen, Telefon- und Online-Aktionen über das Vorhofflimmern. Denn obwohl es viele trifft, kennen es nur wenige.

«Es ist ja eigentlich ein elektrischer Unfall der Vorhöfe», erklärt Andresen. Er wird durch elektrische Störimpulse aus den Lungenvenen verursacht, die in den linken Vorhof einmünden. Dieser «Unfall» sorgt dafür, dass das Herz plötzlich anfängt völlig unregelmäßig zu schlagen oder zu rasen - mit bis zu 160 Schlägen pro Minute, mitunter noch schneller. Normal sind 60 bis 100 Schläge. «Manche Patienten haben ein Schwindelgefühl oder können auch bewusstlos werden», erläutert Andresen.

Besonders häufig betroffen sind laut dem Kardiologen Patienten mit Bluthochdruck. Er empfiehlt deshalb eine ganz einfache Methode, mit der sich das Vorhofflimmern erkennen lassen kann: «Diese Patienten sollten täglich neben dem Blutdruck auch den Puls messen, das geht mit günstigen Geräten aus der Drogerie oder der Apotheke», so der Experte. Der Puls gibt Aufschluss über die Herzfrequenz. Springt der Puls schlagartig von normal auf langsam oder schnell oder liegt die Zahl der Pulsschläge über 100 pro Minute kann das laut Herzstiftung ein Anzeichen für Vorhofflimmern sein.

Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt Bluthochdruckpatienten ebenfalls das Pulsmessen zur Vorsorge sowie allgemein Männern und Frauen ab dem 65. Lebensjahr. Die Stiftung bietet eine kostenlose Pulskarte an, auf der erläutert wird, wie man misst.

Zu den Ursachen für das Vorhofflimmern zählen unter anderem auch Übergewicht, Schilddrüsen- und Herzkranzgefäßerkrankungen. Ronald Voß fühlte sich eigentlich fit und gesund - bis zum Dezember 2017. «Ich hatte plötzlich fürchterliche Schmerzen, bekam kaum noch Luft, mir wurde schwindelig», erinnert sich Ronald Voß an den Tag, als bei ihm die Krankheit festgestellt wurde. Seine Ärzte versuchten zunächst eine medikamentöse Therapie - mit einem Antiarrhythmikum gegen das Flimmern und einem Gerinnungshemmer fürs Blut.

Letzterer ist wichtig, weil die Vorhöfe sich nicht mehr an der Pumparbeit des Herzens beteiligen. Dadurch können sich in einer kleinen Ausstülpung Blutgerinnsel bilden. Diese wiederum können - vom Blutstrom mitgeschleppt - unter anderem im Gehirn landen - ein Schlaganfall ist die Folge. Laut Deutscher Herzstiftung sind etwa 20 bis 30 Prozent aller Schlaganfälle auf Vorhofflimmern zurückzuführen.

Bei Voß schlugen die Medikamente nicht wie gewünscht an. «Bei mir war das Flimmern zu massiv», sagt der ehemalige Polizeibeamte. Laut Andresen tritt bei etwa jedem zweiten Patienten das Flimmern trotz der Medikamente im ersten Jahr wieder auf.

Voß hatte auch tagsüber oft Beschwerden. «Drei Treppen zu steigen war oft schon ein Problem», erinnert er sich. Auch Staubsaugen oder andere einfache körperliche Arbeiten seien oft nach wenigen Minuten zu einer Höchstanstrengung geworden. Gut ein halbes Jahr nach der Diagnose unterzog er sich deshalb einer so genannten Katheterablation.

Bei diesem Eingriff werden Herzmuskelzellen im Übergangsbereich von Lungenvenen und linkem Vorhof mit Hitze oder Kälte verödet, damit rings um die Venen Narben entstehen. Den störenden elektrischen Impulsen wird dadurch der Weg abgeschnitten. «Mit den Narben bauen wir eine Mauer um das Gefängnis. Die bösen Buben sind dann eingesperrt», sagt Andresen mit Blick auf die Signale.

«Für mich ist die Welt wieder in Ordnung», sagt Voß. Aber nicht bei allen Patienten seien die Eingriffe gleich beim ersten Mal dauerhaft erfolgreich, erläutert Andresen. Die Erfolgsrate beim ersten Mal liege bei bis zu 65 Prozent. Die Narben könnten sich zurückbilden und das Vorhofflimmern komme zurück. Bei einem erneuten Eingriff liege die Erfolgsquote dann bei bis zu 85 Prozent, so Andresen.

Allerdings sei dieser Eingriff nicht für jeden Patienten geeignet: «Bei einigen ist der Vorhof sehr groß, da lohnt die Ablation nicht», so der Arzt. Ronald Voß freut sich über die erfolgreiche Operation. «Ich kann endlich wieder an mein altes Leben anknüpfen.»

Quelle: dpa

×