Mehr als nur ein Bläschen: Das müssen Sie zu Lippenherpes wissen
12 Minuten 100 Punkte
- 1Lernziele
- 2Herpesviren im Überblick
- 3Was ist Lippenherpes?
- 4Abgrenzung zu anderen Lippenveränderungen
- 5Selbstmedikation und ihre Grenzen
- 6Was gibt es Neues?
- 77 Beratungstipps
- 8Abschlussquiz
01. Mai 2027
Herpes
Eine beginnende Erkältung, anspruchsvolle Trainingseinheiten oder stressige Phasen im Job und schon bricht er aus: Lippenherpes. Herpes labialis, so der medizinische Fachbegriff, betrifft schätzungsweise 60 bis 90 Prozent aller Menschen in Deutschland. Die WHO geht von zwei Dritteln der Weltbevölkerung aus.
Zumindest tragen in etwa so viele das auslösende Virus Herpes simplex vom Typ 1 (HSV-1) in sich. Herpes simplex vom Typ 2 (HSV-2) ist nicht für Lippenherpes, sondern für Genitalherpes verantwortlich.
Nicht bei allen bricht jedoch Lippenherpes als äußerliche Manifestation der Virusinfektion aus. Ein Großteil der Infizierten läuft symptomfrei durchs Leben. Man geht davon aus, dass bei etwa 20 bis 40 Prozent die Krankheit ausbricht. Doch wenn es eine Person erwischt, dann meist zu einem Zeitpunkt, in dem das Immunsystem geschwächt oder sehr gefordert ist. So finden gerade zu Beginn der nasskalten Jahreszeit wieder viele Menschen mit kribbelnden Lippen den Weg in die Apotheke.
Wie man sich mit Lippenherpes anstecken kann
Übertragen werden die Viren durch die Flüssigkeit in den Lippenbläschen. Also zum Beispiel beim Küssen, Kuscheln oder auch durch gemeinsam genutzte Gegenstände wie Gläser oder Besteck, Kosmetik oder Make-up. Auch beim Oralverkehr können HSV-1-Viren übertragen werden. Auch wenn sie klassischerweise Lippenherpes verantworten, können sie im Intimbereich des Sexualpartners Genitalherpes auslösen.
Doch Vorsicht: HSV kann auch ohne sichtbare Symptome wie Lippenbläschen ausgeschieden werden. Bei aktiven Läsionen ist die Ansteckungsgefahr allerdings besonders hoch.
Für Ihre Beratung ist ein grundlegender biologischer Punkt entscheidend: Eine durchgemachte HSV-Infektion verschwindet nicht wieder vollständig aus dem Körper. Nach der Erstinfektion gelangt das Virus über Nervenfasern zu Nervenzellen, insbesondere in das Trigeminusganglion, und verbleibt dort in einem latenten Zustand.
Kommt es zur Reaktivierung, wandert das Virus entlang dieser sensiblen Nervenfasern zur Haut oder Schleimhaut und beginnt, sich dort erneut zu vermehren. Ihr*e Kund*in spürt dies als Kribbeln oder Brennen und sieht es später als kleine Bläschen am Mund – der Lippenherpes ist wieder da.
„Warum bekomme ich immer wieder Herpes, obwohl ich ihn doch richtig behandelt habe?“ – „Sie haben lediglich die aktive Virusvermehrung einer Herpesepisode gestoppt, das Virus lässt sich leider nicht beseitigen“.
Typische Reaktivierungs-Trigger
Warum genau in diesem einen Moment ein Rezidiv auftritt, lässt sich selten genau bestimmen. Es gibt aber bestimmte Triggerfaktoren, die eine Reaktivierung von HSV-1 begünstigen:
- Infektionskrankheiten oder auch andere akute Erkrankungen
- UV-Strahlung (klassischerweise der erste Sonnentag nach dem Winter)
- körperlicher oder psychischer Stress
- lokale Verletzungen oder Irritationen wie Pickel, aber auch Neurodermitis-Schübe
- hormonelle Veränderungen, zum Beispiel durch den Zyklus, eine Schwangerschaft, die Wechseljahre
- Operationen und andere körperliche Belastungen wie eine Sportverletzung, ein Bruch oder eine größere Verbrennung
Wichtig für Ihre Beratung: Die genannten Punkte sind nicht die Ursache des Lippenherpes, denn die Ursache ist die Reaktivierung. Diese wird durch diese Faktoren gefördert.
Warum manche Menschen immer wieder Lippenherpes bekommen, während andere Zeit ihres Lebens nicht daran erkranken, obwohl sie Virusträger*in sind, ist bis heute nicht geklärt.
Vom Kribbeln zur Kruste
Wer bereits eine HSV-1-Reaktivierung durchgemacht hat, trägt ein höheres Risiko für weitere Lippenherpes-Episoden. Ein solcher rezidivierender Herpes labialis durchläuft klassischerweise mehrere Phasen, auch wenn die Übergänge fließend sind und nicht bei jeder Episode im gleichen Maße auftreten müssen.
1. Prodomalphase
Typische Symptome dieser Initialphase sind
- Kribbeln
- Brennen
- Jucken
- Spannungsgefühl
- manchmal auch leichte Rötung oder Schwellung
- ein unangenehmes Gefühl an der Lippe, manche beschreiben es als Vorahnung
2. Bläschenbildung, Vesikelbildung
Kleine Grüppchen mit klarer Flüssigkeit gefüllter Bläschen werden sichtbar, typischerweise nur an einer Seite der Lippe. Die Bläschen können sich aber auch auf die umliegende Haut ausbreiten – teilweise bis in den Mund oder die Nase hinein. Für manche Menschen ist dieses Stadium schmerzhaft.
3. Erosion
Die Bläschen platzen auf, das kann leicht beim Sprechen, Kauen oder Lachen passieren. Dadurch entstehen nässende, oberflächliche Hautwunden (Erosionen). Saure, salzige oder anderweitig stark gewürzte Lebensmittel oder Getränke können die entstandenen Wunden reizen.
4. Krustenbildung
Das Sekret trocknet ein, bei der Abheilung bildet sich ein gelblich-brauner Schorf.
5. Vollständige Abheilung
Die Kruste löst sich von selbst ab und neue, gesunde Haut kommt zum Vorschein.
Achtung Erstinfektion
Tritt Lippenherpes zum ersten Mal auf, verursacht er häufig stärkere Beschwerden wie Fieber, Schwäche oder geschwollene Lymphknoten. Das Immunsystem kennt das Virus noch nicht und fährt alle Geschütze auf. Bei einer Reaktivierung sind bereits Gedächtniszellen gebildet und spezifische Antikörper beginnen mit ihrer Arbeit. Das Allgemeinbefinden ist daher bei einer Reaktivierung nicht ganz so betroffen wie bei einer Erstinfektion.
Bei einer Erstinfektion kann auch die Mundschleimhaut betroffen sein. Diese Entzündung verursacht häufig starken Mundgeruch, weshalb viele von Mundfäule sprechen.
Bei ansonsten gesunden Menschen heilt ein Lippenherpes nach ein bis zwei Wochen spontan und komplikationsfrei ab und hinterlässt keine sichtbaren Wunden (keine Narbenbildung). Bei Menschen mit einer geschwächten Hautbarriere, zum Beispiel durch Neurodermitis, kann das Herpesvirus größere Flächen besiedeln, die ärztlich behandelt werden sollten – das ist aber eher die Seltenheit. Ebenso wie der Befall der Augenlider mit HSV-1-Vesikeln. Komplikationen wie eine herpesbedingte Enzephalitis sind sehr selten und treten meist bei einem generell geschwächten Immunsystem auf, wie beispielsweise unter einer Chemotherapie.











