Mehr als nur ein Bläschen: Das müssen Sie zu Lippenherpes wissen
12 Minuten 100 Punkte
- 1Lernziele
- 2Herpesviren im Überblick
- 3Was ist Lippenherpes?
- 4Abgrenzung zu anderen Lippenveränderungen
- 5Selbstmedikation und ihre Grenzen
- 6Was gibt es Neues?
- 77 Beratungstipps
- 8Abschlussquiz
01. Mai 2027
Neuer Ansatz mit Pritelivir
Aciclovir, Penciclovir und auch die systemischen Virustatika Valaciclovir (Prodrug von Aciclovir) und Famciclovir (Prodrug von Penciclovir) verfolgen dasselbe Ziel: Sie unterbrechen die virale DNA-Replikation durch Enzymhemmung und Kettenabbruch und erschweren es dem Virus damit, sich zu vermehren. Dafür müssen sie zuvor aktiviert werden.
Bei Pritelivir handelt es sich nicht um ein weiteres Nukleosid-Analogon, sondern es hemmt den Helikase-Primase-Komplex. Dieser Komplex spielt eine zentrale Rolle bei der DNA-Synthese von Herpesviren, denn er trennt den DNA-Doppelstrang auf und stellt kurze RNA-Sequenzen her, sogenannte Primer, damit die DNA-Synthese starten kann. Durch die Hemmung greift Pritelivir mechanistisch sehr früh in die Virusreplikation ein. Und: Es muss hierfür nicht zuvor aktiviert werden.
Warum ist das interessant? Innerhalb einer gesunden Bevölkerungsgruppe liegt die Resistenzrate gegen Aciclovir stabil unter einem Prozent. Bei immunsupprimierten Patient*innen können häufiger HSV-Stämme nachgewiesen werden, die gegen Aciclovir oder verwandte Wirkstoffe resistent sind, die Prävalenz liegt hier zwischen 3,5 und 10 Prozent. Diese Herpesviren haben gelernt, ohne virale Thymidinkinase zurechtzukommen – das bedeutet, dass die Nukleosid-Analoga nicht aktiviert werden und folglich unwirksam sind. Doch gerade für immungeschwächte Personen stellen Herpesinfektionen ein gesundheitliches Risiko dar.
Pritelivir ist derzeit noch nicht zugelassen, hat jedoch laut Hersteller die klinische Prüfung abgeschlossen, weshalb ein Antrag auf Zulassung bei der FDA vorgelegt wurde.
Im Gegensatz zu VZV gibt es derzeit keine Impfung gegen HSV-1 oder andere Vertreter der Herpesfamilie. Das hat verschiedene Faktoren:
- HSV-1 und -2 zeigen ein komplexes Latenz-Reaktivierungs-Muster, sie reagieren teils völlig unvorhersehbar.
- HSV oder andere Vertreter wie auch das Epstein-Barr-Virus können sich viel besser verstecken und tricksen gezielt das Immunsystem aus, täuschen Antikörper oder vermehren sich zunächst unbemerkt in vielen verschiedenen Zelltypen – sie bleiben besser unter dem Radar und agieren verdeckt.
- Die Praxis schlägt die Theorie: Trotz zahlreicher Versuche, zum Beispiel im Bereich des Genitalherpes, konnte in klinischen Studien schlicht keine ausreichende Wirksamkeit erzielt werden.
Neue Ansätze verfolgen unter anderem mRNA-Impfstoffe, um gegen HSV-2-Primärinfektionen zu schützen, oder innovative Applikationswege, zum Beispiel die Applikation eines Impfstoffes plus Adjuvans direkt in die Schleimhäute, um Reaktivierungen bei Genitalherpes zu verhindern.











