Blasenprobleme in den Griff bekommen
21 Minuten 1 Punkte
- 1Harnwegsinfektionen
- 2Unkompliziert – kompliziert
- 3Therapieoptionen
- 4Rezidive
- 5Reizblase & Inkontinenz
- 6Lernerfolgskontrolle
01. Juli 2026
Achtung Reizblase
Eine Reizblase stellt sich häufig nach wiederkehrenden Harnwegsinfektionen ein. Ursache ist eine Hyperaktivität der Blasenmuskulatur als Folge einer chronischen Schleimhautreizung durch uropathogene Erreger. Aber auch eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur begünstigt eine Reizblase, beispielsweise nach Schwangerschaften und Geburten oder aufgrund hormoneller Veränderungen während der Wechseljahre.
Die Symptome einer Reizblase, auch überaktive Blase genannt, ähneln denen einer Blasenentzündung. Eine Reizblase zeichnet sich ebenso durch häufiges Wasserlassen (mehr als acht Toilettengänge pro Tag) mit kleinen Urinmengen (auch nachts; Nykturie), sehr starkem und plötzlichem Harndrang und leichtem Brennen beim Wasserlassen aus, wobei letzteres Symptom nicht immer auftritt. Allerdings – und das ist der große Unterschied zu einer Harnwegsinfektion – bleibt die Bakteriendiagnostik negativ.
Reizblase und Blasenschwäche werden von Kunden häufig synonym verwendet – fragen Sie für Ihre Beratung nach konkreten Symptomen.
Ein Problem der Reizblase ist, dass sich durch den häufigen Harndrang die Blasenkapazität immer weiter verringert und sich damit der Drang, zur Toilette zu müssen, immer öfter einstellt. Ein Teufelskreis, der die Betroffenen stark belastet.
Dazu kann sich ein weiterer Circulus vitiosus gesellen: Denn zwischen einer Reizblase und einer Blasenentzündung besteht eine enge Wechselbeziehung in beide Richtungen. So ist nicht nur die Entwicklung einer Blasenüberaktivität – also einer Reizblase – durch wiederholte Harnwegsinfektionen möglich. Eine derart gereizte, überaktive Blase wird mit der Zeit auch zunehmend anfälliger für erneute bakterielle Besiedlungen.
Problem Inkontinenz
Zusätzlich ist es für die Betroffenen sehr unangenehm, dass sich bei einer Reizblase die überaktive Blasenmuskulatur krampfartig zusammenzieht, bevor die Blase voll ist. Aufgrund des plötzlich auftretenden starken Harndrangs kann es zu einem unwillkürlichen Urinverlust kommen. Man spricht von einer Dranginkontinenz, eine der häufigsten Inkontinenzformen bei älteren Frauen. Dabei löst ein geringer Füllungszustand der Blase einen nicht unterdrückbaren Harndrang aus (imperativer Harndrang).
Die Dranginkontinenz ist für die Betroffenen mit einem großen Leidensdruck verbunden. Tagsüber trauen sich viele nicht mehr aus dem Haus, aus Angst, die Toilette nicht mehr zu erreichen. Aber auch nachts sorgt die Reizblase für Unruhe: Sie meldet sich nicht nur mehrmals in kurzen Zeitabständen, mitunter kann es dabei auch zum Einnässen kommen.
Verschiedene Inkontinenzformen
Von der Dranginkontinenz ist eine Belastungs- oder Stressinkontinenz abzugrenzen. Bei dieser Form kommt es durch Druckerhöhung im Bauchraum zum unbeabsichtigten Urinverlust. Typischerweise gibt der schwächelnde Blasenschließmuskel beim Niesen, Husten, Lachen oder Heben schwerer Gegenstände der Belastung nach. Mit zunehmender Funktionsschwäche kann es schließlich auch ohne erhöhten Druck im Bauchraum zu ungewolltem Urinabgang kommen. Häufig liegt einer Belastungsinkontinenz ein schwacher Beckenboden zugrunde.
Grundsätzlich kann eine Dranginkontinenz Personen jeder Altersstufe treffen. Mit steigendem Alter nimmt die Häufigkeit allerdings deutlich zu. Ein Grund dafür ist bei beiden Geschlechtern die altersbedingte nachlassende Elastizität des Gewebes im Bereich von Blase, Harnröhre und Beckenboden.
Was ist eigentlich der Beckenboden?
Der Beckenboden besteht aus mehreren Muskelschichten, Bindegewebe, Bändern und Nervenbahnen. Die Beckenbodenmuskulatur umschließt die Körperöffnungen im Unterleib. Sie ist wie eine flache Schale geformt und stabilisiert Harnblase, Darm und Gebärmutter, indem sie die Organe des Unterbauchs in der vorgesehenen Position zusammenhält.
Ist die Muskulatur geschwächt oder geschädigt, werden die Organe (und damit auch die Harnblase) nicht mehr optimal gestützt. Vorschub leisten zudem mit zunehmendem Alter vermehrt eingenommene Medikamente (z. B. Diuretika, Betablocker, ACE-Hemmer, Neuroleptika, Antidepressiva), außerdem Operationen im Unterleib sowie Übergewicht.
Frauenleiden
Vor allem Frauen entwickeln aufgrund ihrer Anatomie und der von Natur aus schwächeren Beckenbodenmuskulatur deutlich häufiger als Männer eine Reizblase und unwillkürlichen Harnverlust. Der männliche Beckenboden ist dicker und stärker von Muskeln durchsetzt und hat nur zwei Durchgänge (Harnröhre und Anus). Frauen haben eine Öffnung mehr (Vagina) als Männer, was das Gewebe anfälliger für Schwächen macht. Zudem ist der weibliche Beckenboden aufgrund des breiteren knöchernen Beckens flächiger aufgebaut als der des Mannes, und aufgrund der notwendigen Dehnbarkeit für Geburten ist er an sich weniger kompakt und elastischer.
Neben der Belastung durch Geburtsprozesse wird das Bindegewebe zusätzlich durch die sinkenden Östrogenspiegel im Zuge der hormonellen Umstellung in und nach den Wechseljahren zunehmend schlaffer.
Bei Männern kann eine Prostatahyperplasie die Entwicklung eines schwächeren Beckenbodens und einer Reizblase mit der Folge einer Harninkontinenz begünstigen. Die vergrößerte Prostata engt die Harnröhre ein, wodurch es zu einem erhöhten Pressdruck beim Wasserlassen kommt. Das kann zu einer überaktiven Blase führen, deren Blasenwand verdickt und überempfindlich wird, da sie ständig gegen den Widerstand arbeiten muss. Starker Harndrang und eine Dranginkontinenz können sich folglich einstellen.
Gleichzeitig führt das vermehrte Pressen beim Wasserlassen zu einem dauerhaft erhöhten Druck auf den Beckenboden, was ihn überlastet. Folge ist eine Schwächung oder Fehlspannung des Beckenbodens, die eine Funktionsstörung begünstigen und somit das Risiko für eine Harninkontinenz erhöhen.
Vielfältige Therapiemöglichkeiten
Um erneuten Harnwegsinfektionen vorzubeugen und Inkontinenz möglichst zu verhindern, sollte eine Reizblase frühzeitig behandelt werden. Die Therapie der Reizblase kombiniert verschiedene Verfahren. Neben dem Einsatz verschiedener Medikamente (inklusive pflanzlicher Mittel) spielen vor allem eine große Rolle:
- Das Erlernen von Übungen zur Entspannung (z. B. autogenes Training)
- Eine Verhaltensänderung (Anpassung der Trinkmenge, Verzicht auf harntreibende Getränke)
- Ein Blasen- und Beckenbodentraining
Zudem lässt sich die gestörte Blasenkontrolle durch eine Messung und Wahrnehmung (Biofeedbackverfahren) oder durch eine elektrische Stimulation der Blasenmuskulatur verbessern. Letzteres Verfahren wird als sakrale Neuromodulation (SNM) bezeichnet. Sie ist eine minimalinvasive Therapieoption, bei der durch Einlage eines Implantats (sogenannter Blasenschrittmacher) der Sakralnerv elektrisch stimuliert und damit die Harnspeicherung und -entleerung reguliert wird.
Blasentraining
Beim Blasentraining handelt es sich um eine verhaltenstherapeutische Methode, bei der erlernt wird, die Blase bewusst zu kontrollieren, um die Abstände zwischen den Blasenentleerungen nach und nach zu vergrößern. Dabei sollten feste Toilettenzeiten etabliert, vorbeugende Toilettengänge vermieden und der Gang zur Toilette hinausgezögert werden. Ein Trinkplan komplettiert das Training. Die Blase lernt auf diese Weise, sich stärker zu dehnen und mehr Harn zu speichern.
Beckenbodentraining
Unverzichtbar ist zudem ein konsequentes Beckenbodentraining, mit dem die Beckenmuskulatur gestärkt werden kann. Das gelingt mit Übungen, die Muskulatur und Bänder des Halteapparates nachhaltig kräftigen. Dafür wird die Muskulatur bewusst angespannt. Mit einem einfachen Trick lässt sich die Beckenbodenmuskulatur erspüren: Schafft man es, beim Wasserlassen durch Zusammenziehen der Muskulatur den Harnstrahl zu unterbrechen, hat man die Muskeln des Beckenbodens gefunden. Diese Muskelgruppen lassen sich gezielt trainieren, beispielsweise mit diesen drei Übungen:
- Spannen Sie Ihren Beckenboden an, indem Sie Scheide und After verschließen und quasi in die Körpermitte einsaugen. Halten Sie für fünf Sekunden an. Lassen Sie dann alle Anspannung für zehn Sekunden los und wiederholen Sie das Ganze zehnmal. Konzentrieren Sie sich auf die Phase der Entspannung.
- Spannen Sie Ihren Beckenboden wie oben beschrieben kurz an und lassen Sie sofort wieder locker. Wenn Ihr Beckenboden sich vollständig entspannt anfühlt, wiederholen Sie die Übung insgesamt zehnmal. Damit simulieren Sie eine kurze Anspannung wie beim Husten oder Niesen.
- Spannen Sie die Beckenbodenmuskulatur so leicht an, dass Sie gerade eine Anspannung spüren. Halten Sie für 20 Sekunden die Spannung.
Für besonders Interessierte: Beckenboden und Beckenbodentraining erklärt
Medikamentöse Optionen
Die Gabe des selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmers Duloxetin kann den Blasenschließmuskel stärken. Mit Anticholinergika (z. B. Trospiumchlorid) lässt sich eine Entspannung der Blasenmuskulatur erreichen. Alternativ erfolgen Botulinumtoxin-Injektionen in die Blasenmuskulatur.
Für Frauen nach der Menopause kann eine lokale Therapie mit östrogenhaltigen Vaginalcremes in Betracht gezogen werden. Sie verbessern die Durchblutung der urogenitalen Schleimhaut und stärken damit die Verschlusskraft der Harnröhre. Die Reizzustände an Blase, Harnröhre und Scheide werden gemindert.
Bewährte Phytotherapie
Auch Pflanzenextrakte können dazu beitragen, eine überaktive Blase zu beruhigen, krampfartige Beschwerden zu lindern und die Blasenfunktion zu unterstützen. Von einer Durchspülungstherapie ist aber abzuraten. Denn eine übermäßige Flüssigkeitszufuhr kann die Blase zusätzlich reizen und den Harndrang verstärken.
Ein traditionelles Mittel zur Stärkung der Blasenfunktion sind die Kürbissamen des Gartenkürbisses (Cucurbita pepo L.) aus der Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae). Sie werden aufgrund langjähriger Erfahrung bei Beschwerden der ableitenden Harnwege im Zusammenhang mit einer Reizblase eingesetzt und sind für diese Indikationen positiv monographiert. Vor allem reduzieren die enthaltenen Phytosterole – darunter Delta-7-Sterole – sowie Lignane den Harndrang und verbessern die Speicherfunktion der Blase. Die enthaltene Linolsäure trägt zur Kräftigung der Blasenmuskulatur bei. Zudem hemmen die Phytosterole Entzündungsprozesse, die mit einer Reizblase einhergehen.
Ein weiterer Klassiker ist die Echte Goldrute (Solidago virgaurea L.). Neben der aquaretischen Wirkung wurden für den Korbblütler entzündungshemmende, analgetische und schwach spasmolytische Wirkungen nachgewiesen. Die Effekte werden auf Flavonoide, Saponine und Phenolglykoside zurückgeführt. Zubereitungen der Echten Goldrute sind daher zur Behandlung der Reizblase positiv monographiert, da die Pflanze über die durchspülende und krampflösende Wirkung hinaus über beruhigende Effekte auf die gereizte Blasenschleimhaut verfügt. Die Kapazität der Blase wird somit deutlich erhöht und der Harndrang spürbar reduziert.
Auch die Wurzel des Eibischs (Althea officinalis) aus der Familie der Malvengewächse (Malvaceae) hat sich bei der Reizblase bewährt. Ihre beruhigenden Schleimstoffe legen sich schützend auf die Blasenschleimhaut und wirken so reizlindernd. Bei der Teezubereitung aus den Wurzeln gilt es zu beachten, dass der wässrige Auszug kalt angesetzt (Kaltmazerat) werden muss, um ein Verkleistern der Stärke zu verhindern.
Die Autorin versichert, dass keine Interessenkonflikte im Sinne von finanziellen oder persönlichen Beziehungen zu Dritten bestehen, die von den Inhalten dieser Fortbildung positiv oder negativ betroffen sein könnten.











