Alarmsignal: Schmerz verstehen, Schmerzmittel einschätzen
20 Minuten 1 Punkte
- 1Schmerz im Überblick
- 2Akuter Schmerz
- 3Starker Schmerz
- 4UAW von Opioiden
- 5Cannabis und mehr
- 6Lernerfolgskontrolle
01. Mai 2026
Cannabis in der Schmerztherapie
Medizinalcannabis hat sich in der Schmerzmedizin als mögliche Therapieoption der zweiten oder dritten Wahl etabliert. Leitlinien verschiedener Fachgesellschaften – darunter die Deutsche Gesellschaft für Neurologie, die Deutsche Schmerzgesellschaft und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) – empfehlen Cannabis vor allem dann, wenn etablierte Therapien unzureichend wirken.
In Deutschland zählen Cannabisarzneimittel zur individuellen Therapieoption und können bei bestimmten chronischen Schmerz- und Symptombereichen leitlinienkonform eingesetzt werden.
- Gegen therapieresistente chronische neuropathische Schmerzen sind Cannabiszubereitungen am besten untersucht.
- Sie sind ebenfalls gut wirksam bei Spastik-verursachten Schmerzen bei Multipler Sklerose und Polyneuropathien.
- Auch bei unzureichender Wirkung von Opioiden unter tumorassoziierten Schmerzen und
- in der Palliativversorgung, wenn Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit oder Ängste vorliegen, kommen Cannabinoid-Arzneimittel zum Einsatz.
- Außerdem sind Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen ein weiterer möglicher Anwendungsbereich.
Für die Therapie werden Cannabisblüten, Cannabisextrakte und cannabishaltige Fertigpräparate verordnet. Anders als die Blüten, die inhalativ angewendet werden, enthalten ölige Tropfen standardisierte THC- oder THC/CBD-Gehalte. Und sie können präzise dosiert werden. Allerdings ist der Wirkungseintritt bei der oralen Anwendung etwas langsamer als inhalativ.
Schwere psychische oder kardiale Erkrankungen sowie Süchte sind Kontraindikationen für die Verordnung.
Beratungsaspekte bei Neuverordnung
- Die Dosierung soll langsam eintitriert werden.
- Blüten sollen vaporisiert und nicht verbrannt oder geraucht werden.
- Der Wirkungseintritt bei oraler Gabe ist erst nach etwas 30 bis 120 Minuten zu erwarten. Aus Ungeduld sollte nicht nachdosiert werden.
- Verstärkte Effekte sind mit anderen sedierenden Wirkstoffen möglich.
- Gerade zu Beginn der Therapie sind Einschränkungen der Reaktionsfähigkeit und Konzentration möglich, deshalb sollte am Straßenverkehr mit Vorsicht teilgenommen werden.
Einschränkungen
Die Praxisleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) „Cannabis in der Schmerztherapie“ betont außerdem, dass eine Cannabis-Therapie immer eine Add-on-Therapie und niemals eine Monotherapie darstellt. Die Verordnung vor dem 24. Lebensjahr gilt weiterhin als problematisch. In palliativmedizinischen Situationen sollte eine engmaschige Überwachung erfolgen.
Insbesondere schnell anflutende Darreichungsformen (Blütentherapie) sollten weiterhin vermieden werden. Jede Verordnung sollte daraufhin überprüft werden, dass es sich um eine Cannabis-Verordnung zu medizinischen Zwecken handelt und nicht für den Freizeitkonsum.
Koanalgetika
Bei der Therapie von neuropathischen Schmerzen werden Antidepressiva und Antikonvulsiva häufig begleitend eingesetzt. Sie werden als Koanalgetika bezeichnet, weil sie eine andere Primärindikation haben, zum Beispiel eben die Behandlung der Depression oder Epilepsie. Sie unterstützen die eigentliche analgetische Therapie, die den Schmerz nicht ausreichend lindert.
Die Dosierungen, die zur Schmerzstillung eingesetzt werden, liegen in der Regel niedriger als unter der antidepressiv oder antikonvulsiv wirksamen. Sie modulieren die Schmerzempfindung.
Amitriptylin, Gabapentin und Pregabalin sind Vertreter der Koanalgetika, die insbesondere bei brennenden, einschießenden neuropathischen Schmerzen gegeben werden, und zwar niedrig dosiert am Abend, weil sie sedierende Begleiteffekte haben.
Sonstige Maßnahmen
Neben den verschiedenen Optionen zur medikamentösen Therapie sollten andere Maßnahmen abhängig vom individuellen Schmerzgeschehen ergriffen werden. So spielen Bewegung, Physiotherapie und Ergotherapie bei Rücken- oder muskulären Beschwerden eine wichtige Rolle. Die Mobilisierung durch Fachleute, aber auch Elektrotherapie können eine wertvolle Unterstützung der medikamentösen Schmerztherapie sein.
Im Rahmen der Selbstmedikation bei akuten Beschwerden können Sie auch Wärmepflaster anraten, zum Beispiel bei Verspannungen und Kopfschmerzen. Oder Kühlkompressen bei akuten Zahnschmerzen oder Prellungen.
Menschen, die unter einem chronischen Schmerzgeschehen leiden, profitieren auch von einer psychologischen Schmerzbehandlung. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Betroffene mit seinem Verhalten auf Stresssituationen mit erhöhtem körperlichem Schmerz reagiert. Es handelt sich um ein komplexes Wechselspiel zwischen Psyche und Körper. Mit der kognitiven Verhaltenstherapie kann dieser Kreislauf unterbrochen werden, wenn Stressfaktoren identifiziert sind und damit anders umgegangen wird.
Auch Entspannungstechniken, Biofeedback und Akupunktur können die Schmerzwahrnehmung verändern.
Das A und O ist die individuelle Situation des von Schmerzen geplagten Kunden zu erkennen und zielgerichtet Empfehlungen zu geben.
Weitere Informationen
Um den Therapieverlauf mit dem Arzt zusammen zu optimieren, sollte der Kunde seine Schmerzen, Intensität, Zeitpunkte und die Schmerzmedikation dokumentieren. Hier eignen sich konventionelle Schmerztagebücher oder spezielle Apps.
- Zu weitergehenden Information eignet sich die SchmerzApp der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V., die relevante Schnell-Informationen und Kurzartikel rund um das Thema Schmerz zur Verfügung stellt. Basis der SchmerzApp sind über 70 Beiträge, an deren Erstellung rund 60 Schmerzexperten beteiligt waren. Weiterführende Informationen sind auf der vereinseigenen Homepage schmerzgesellschaft.de erhältlich.
- Patientenratgeber der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin: dgschmerzmedizin.de/kontakt/fuer-patienten/
- Informationen für Schmerzpatienten auf der Seite der Internisten: internisten-im-netz.de/krankheiten/schmerzen/tipps-fuer-schmerz-patienten.html
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