Schmerzen und ihre Behandlung
PTA-Fortbildung

Alarmsignal: Schmerz verstehen, Schmerzmittel einschätzen 

Von der Kopfschmerztablette bis zum Opioidpflaster reicht das Spektrum der Schmerzmittel in der Apotheke. Die fundierte Beratung der unterschiedlichen Kundengruppen zur richtigen Schmerztherapie ist eine zentrale Aufgabe von PTA und Apothekern. 

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Schmerzmittel gehören zu den am häufigsten abgegebenen Arzneimitteln in Apotheken. Kunden holen besonders bei akuten Beschwerden den Rat aus der Apotheke ein, aber auch die Begleitung von Menschen mit chronischen Schmerzen wird benötigt. Manche Menschen kommen mit dem Wunsch nach einer guten Tablette gegen Kopf-, Glieder- und Zahnschmerzen in die Apotheke, andere benötigen etwas gegen Schmerzen des Bewegungsapparates und der Kunde mit Tumorschmerz löst ein Rezept über ein BtM-pflichtiges Pflaster ein.

Lernziele

Lernen Sie in dieser von der Bundesapothekerkammer akkreditierten Fortbildung unter anderem,  

  • wie Schmerz entsteht, 
  • welche Schmerzarten es gibt, 
  • wie sich ein Schmerzgedächtnis bildet, 
  • welche Schmerzskalen die Intensität von Schmerzen bestimmen, 
  • welche Arzneistoffe bei welchen Schmerzen zum Einsatz kommen, 
  • wie Kunden in der Schmerztherapie beraten werden, 
  • welche Interaktionen von Analgetika beachtet werden müssen, 
  • was bei der Anwendung von Opioiden zu wissen ist, 
  • welche Nebenwirkungen bei Opioiden zu beachten sind, 
  • was man unter Koanalgetika versteht und 
  • wann Cannabis-Arzneimittel angezeigt sind. 

Schmerz in Zahlen

Insbesondere in der Selbstmedikation ist die Apotheke eine wichtige Anlaufstelle, um erst einmal zu klären, was die richtige therapeutische Maßnahme ist: ein apothekenpflichtiges Arzneimittel gegen leichte Beschwerden – oral oder lokal – oder die Empfehlung, den Arzt aufzusuchen. In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach apothekenpflichtigen Schmerzmitteln einer Umfrage von Allensbach zufolge deutlich gestiegen. In Deutschland haben im Oktober bis Dezember 2023 circa 35 Millionen Menschen ab 14 Jahren rezeptfreie Schmerzmittel eingenommen. 

Die Deutsche Schmerzgesellschaft schätzt die Zahl der Menschen mit chronischen Schmerzen auf 8 bis 16 Millionen in Deutschland. Besonders betroffen sind alte Menschen, die vielfach ihre Schmerzen nicht artikulieren können und deshalb unzureichend behandelt sind. 

Die Erkrankungen des Bewegungsapparates, insbesondere Rückenschmerzen, nehmen mit 16 Prozent den größten Anteil der Ursachen ein. Dauerhafte Schmerzen belasten Betroffene in einem hohen Maße. So gibt die Hälfte der Personen an, dass die Schmerzen direkte Auswirkungen auf ihr Arbeits- und Privatleben haben. 

Die Behandlung von chronischen Schmerzen ist nicht nur eine individuelle Herausforderung, sondern auch eine Herausforderung für die Gesellschaft. Denn aus ihr resultieren kostenintensive Behandlungen, häufige Arztbesuche, Operationen und Krankenhausaufenthalte.

Funktion des Schmerzes

Die Schmerzempfindung ist eine wichtige Schutzfunktion des Organismus. Legt man zum Beispiel die Hand auf eine heiße Herdplatte, führt der Schmerz reflexartig zum Wegziehen der Hand, um weitere Gewebeschädigungen zu vermeiden. 

Akute Schmerzen, zum Beispiel nach einer Verletzung oder einer Operation haben eine Warnfunktion. Sie signalisieren, dass etwas mit dem Körper nicht stimmt und zum Beispiel das gebrochene Bein nicht belastet werden darf. Akute Schmerzen lassen im Laufe des Regenerations- und Heilungsprozesses nach. Sollten sie länger als drei Monate andauern, besteht das Risiko der Chronifizierung. 

Der Weg des Schmerzes

Schmerz beginnt in der Regel mit der Aktivierung spezieller Sinnesrezeptoren, den Nozizeptoren. Sie erkennen potenziell gewebsschädigende Reize. Diese Reize können mechanisch, thermisch oder chemisch sein. Nozizeptoren befinden sich fast überall im Körper. Es handelt sich dabei um freie Nervenendigungen, die auf unterschiedliche Reizarten spezialisiert sind. 

Nozizeption ist der gesamte Prozess der Auslösung sowie Weiterleitung der Signale über Nervenfasern zum Rückenmark und Gehirn (Nervensystem) und die anschließende Verarbeitung von Schmerzen im Gehirn. 

  • Mechanorezeptoren reagieren auf Druck, Zug und Verletzungen, sie werden zum Beispiel bei Unfällen mit Schnitt- oder Quetschverletzungen aktiviert. 
  • Die Thermorezeptoren sind bei Verbrennungs- oder Erfrierungsreaktionen beteiligt, sie sind hitze- und kälteempfindlich. 
  • Chemische Nozizeptoren werden beispielsweise durch körpereigene Botenstoffe wie Bradykinin, Serotonin, Histamin oder Prostaglandine aktiviert. Sie spielen zum Beispiel bei Entzündungsreaktionen eine Rolle sowie bei Allergien.  

Die eigentliche Schmerzwahrnehmung passiert im ZNS und Gehirn. Der Schmerzreiz wird dort in eine Empfindung, zum Beispiel dumpf, brennend oder stechend umgewandelt. Außerdem wird seine Lokalisation, Dauer, Intensität bewusst wahrgenommen und bewertet. Anschließend folgt eine resultierende Aktion, wie das Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte.  

Es werden drei Typen von Schmerzen unterschieden:  

  • Physiologische Schmerzen, verursacht durch mechanische, chemische, thermische oder elektrische Reize, 
  • Pathophysiologische Schmerzen aufgrund von Gewebeschädigung oder Entzündungen, 
  • Neuropathische Schmerzen als Folge einer Schädigung peripherer oder zentraler Nerven. 

Bei umfassenden Schmerzsituationen wie Tumorschmerzen oder chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates, bei denen es zu Gewebe- und Nervenschädigungen kommt, können neuropathische und nozizeptive Schmerzen gemeinsam auftreten, sie werden mit dem Begriff „mixed pain“ beschrieben. Die sorgfältige Anamnese der Ursache und Qualität des Schmerzes ist deshalb zur Therapieplanung und Auswahl der Medikation unverzichtbar. 

Chronifizierter Schmerz und Schmerzgedächtnis

Werden akute Schmerzen nicht ausreichend behandelt – häufiges Phänomen beim Zosterschmerz nach einer Gürtelrose –, ist das ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung chronischer Schmerzen. Bei einer Chronifizierung der Schmerzen ändert sich die Funktion des Schmerzes, die akute Warnsignalwirkung ist nicht mehr gegeben. Es hat sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt. 

Das Schmerzgedächtnis beschreibt die dauerhafte Veränderung in Nerven und Gehirn, die dazu führt, dass Schmerz auch ohne neuen Reiz empfunden wird. Es entsteht durch neuronale Plastizität, also eine Art "Lernen" des Nervensystems. Entscheidend sind drei Mechanismen: 

  1. Zum einen entwickelt sich eine periphere Sensibilisierung. Bei Entzündungen oder Verletzungen werden vermehrt Entzündungsbotenstoffe ausgeschüttet, die die Reizschwelle der Nozizeptoren senken. Die Konsequenz ist, dass Reize, die ursprünglich nicht als schmerzhaft wahrgenommen wurden, nun Schmerzen verursachen. 
  2. Wiederholte Schmerzsignale führen außerdem zu einer gesteigerten Aktivität von Schmerzneuronen, sodass bereits normale Reize Schmerzen auslösen (Allodynie) – das ist die zentrale Sensibilisierung im Rückenmark. 
  3. Als drittes bilden sich Veränderungen im Gehirn aus. Schmerzen werden im Gehirn bewertet und ähnlich wie emotionale Erfahrungen gespeichert. In der Folge zeigen die neuronalen Strukturen zur Schmerzempfindung gesteigerte Aktivitäten und körpereigene Hemmmechanismen lassen nach. Zusätzlich verstärken Emotionen wie Angst, Stress und Schlafstörungen die Schmerzwahrnehmung. 

So bestehen Schmerzen weiterhin, obwohl die eigentliche Verletzung oder Gewebeschädigung längst abgeheilt ist.

Welcher Schmerz ist es?

Unabhängig vom Auslöser beeinträchtigen starke Schmerzen den Betroffenen. Schmerzen belasten psychisch, stören den Schlaf, die Konzentration und behindern die üblichen Alltagsbewegungen. Besonders relevante und häufige Schmerzen sind Kopf-, Rücken-, Tumor- und Arthroseschmerzen. Entsprechend der Schmerzart und Ursache wird unterschiedlich therapiert. Weitere Schmerz-Klassifikationen sind die Unterscheidung nach der Schmerzintensität (leicht, mittel, stark – anhand von Schmerzskalen) oder nach der Schmerzlokalisation. 

Bei akuten Schmerzen liegt der Fokus auf der Ursachenforschung, der Ermittlung der Schmerzintensität und dem Schmerzverlauf. Bei chronischen Schmerzpatienten sollten insbesondere die Schmerzqualität, die Funktionsbeeinträchtigungen und die Intensität überprüft werden.

Schmerztherapie

Oberstes Ziel ist, die Schmerzursache zu beseitigen. Dies ist bei chronischen Schmerzen allerdings oft nicht erreichbar. Dann ist die Reduktion der Schmerzen auf ein für den Patienten erträgliches Maß angestrebt. So sollte über ein multimodales Therapiemodell mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen eine bestmögliche Lebensqualität des Patienten erreicht werden. 

Die medikamentöse Behandlung von chronischen Schmerzen versetzt Patientinnen und Patienten in die Lage, möglichst schnell wieder aktiv zu werden, und sie erleichtert andere Behandlungsmaßnahmen wie Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Die Palette der medikamentösen Möglichkeiten umfasst Nichtopioide, Opioide und bei neuropathischen Schmerzen Koanalgetika. 

In vielen Fällen ist eine Kombination mehrerer Medikamente sinnvoll. Sie entfalten ihre Wirkung an unterschiedlichen Stellen im Körper und haben jeweils andere Wirkqualitäten. 

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