Eine schwangere Frau steht auf der Waage. Sie hält sich ihr Kleid unter ihrem schwangeren Bauch näher an den Körper, um das Gewicht ablesen zu können - sonst wären Kleid und Bauch im Weg.© ElenaNichizhenova / iStock / Getty Images Plus
Regelmäßiges Wiegen gehört zur Schwangerschaftsvorsorge, weil ein hohes Gewicht oder eine starke Zunahme während der Schwangerschaft Risikofaktoren für einen Gestationsdiabetes sind.

Risiko

METFORMIN IN DER SCHWANGERSCHAFT MEIDEN

Bereits seit zwei Jahren darf Metformin bei Schwangerschaftsdiabetes in der EU angewendet werden. Allerdings war schon vorher bekannt, dass der Wirkstoff die Plazentaschranke überwindet. Welche Auswirkungen das hat, ist bisher unklar.

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Etwa acht Prozent der Schwangeren entwickelt einen Gestationsdiabetes. Der zeigt zwar meist keine Symptome, birgt aber Risiken für Mutter und Kind. Deshalb ist es wichtig, ihn zu behandeln. Seit zwei Jahren ist dafür Metformin zugelassen, obwohl es die Plazentaschranke überwindet.

Eine neue Studie an Mäusen liefert Hinweise, dass Metformin die Gehirnentwicklung der Ungeborenen während der Schwangerschaft beeinflusst. Denn es verändert eine wichtige Signalkaskade. Was bedeutet das für das ungeborene Kind – und wie sonst ist der Schwangerschaftsdiabetes behandelbar?

Metformin beeinflusst Mäusebabys

Dr. Lídia Cantacorps vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam Rehbrücke (DIfE) und ihr Team haben Mäuse und ihre Babys untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass Metformin die Gehirnentwicklung der Mäusebabys beeinflusste. Aber nicht nur das.

Die Muttertiere in der Studie waren entweder vor der Schwangerschaft bereits stark übergewichtig oder nahmen während dieser viel Gewicht zu. Sowohl Übergewicht der Mutter vor wie auch eine starke Zunahme während der Schwangerschaft gelten auch bei Menschen als Auslöser von Schwangerschaftsdiabetes.

Die Gehirnentwicklung bei Mäusen während der Stillzeit entspricht der von Menschenbabys während des dritten Schwangerschaftstrimesters. Deshalb erhielten nicht schwangere, sondern stillende Mäuse entweder Metformin, Insulin oder Placebo. Doch alle Mäusebabys nahmen stärker zu und wiesen andere Hormonspiegel auf als die Babys von Mäusen ohne Diabetes. Die Gabe von Metformin oder Insulin konnte das nur teilweise mildern.

Die Babys, deren Mütter Metformin erhielten, wiesen zudem Veränderungen im sogenannten AMPK-Signalweg des Hypothalamus auf. Dieser spielt eine Schlüsselrolle für das Wachstum der Axone von Nervenzellen. Weil der Hypothalamus essenziell für die Regelung des Energiehaushaltes ist, könnte die Einnahme von Metformin während der Schwangerschaft hier Einfluss nehmen, so die Forscher.

Auch Väter im Fokus
Eine Studie aus dem Jahr 2022 untersuchte die Daten von über einer Million Neugeborenen. Es zeigte sich, dass unter den Kindern von Vätern, die zum Zeitpunkt der Spermatogenese (also drei Monate vor der Kindszeugung) Metformin eingenommen hatten, die Fehlbildungsrate erhöht war. Die Forschenden halten es für wahrscheinlich, dass Metformin die Spermienqualität beeinflusst.

Metformin-Wirkung zu wenig untersucht

Ob die Ergebnisse auf Menschen übertragbar sind, ist noch nicht klar. Man weiß aber schon länger, dass Metformin bis zu 250 unterschiedliche Angriffspunkte in Leberzellen besitzt. Einige davon sind noch weitgehend unerforscht. Möglicherweise stehen zwei im Zusammenhang mit der Übertragung von zellulärem Stress. Welche Zielstrukturen von Metformin bei Entwicklungsprozessen des Gehirns und anderer Organe eine Rolle spielen, weiß man aber noch nicht.

Bei der Zulassungserweiterung von Metformin für den Einsatz in der Schwangerschaft wurden Daten vorgelegt, die keine negativen Effekte auf das Ungeborene oder die späteren Kinder zeigten. Allerdings empfiehlt auch das Portal Embryotox, das vom Pharmakovigilanzzentrum der Berliner Charité betrieben wird, das besser erforschte Insulin bei Schwangerschaftsdiabetes einzusetzen. Die Ergebnisse der aktuellen Studie unterstützen dieses Vorgehen.

In Deutschland werden die meisten Fälle von Schwangerschaftsdiabetes mit Insulin behandelt. Anders sieht es in Großbritannien aus: Bis zu 85 Prozent der Patientinnen erhalten mittlerweile Metformin statt Insulin.

Die Autoren der aktuellen Studie fordern weitere Untersuchungen für ein besseres Verständnis, wie Eingriffe in den Metabolismus der Mutter den Nachwuchs beeinflussen. Sicher ist: Solange nachteilige Effekte von Metformin auf das Ungeborene nicht vollständig ausgeschlossen werden können, bleibt die Behandlung mit Insulin die Therapie der Wahl bei Schwangerschaftsdiabetes.

Quellen:
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/metformin-bei-schwangeren-zurueckhaltend-einsetzen-145131/
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2212877823001941?via%3Dihub
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/mehr-targets-als-vermutet/
https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/schwangerschaftsdiabetes-100.html 

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