Die Zeitumstellung wird wahrscheinlich bald Geschichte sein. Doch was kommt dann? Ewige Sommerzeit oder die Rückkehr zur Normalzeit? © RomoloTavani / iStock / Getty Images Plus

Zeitumstellung

MACHT DIE SOMMERZEIT DICK, DUMM UND GRANTIG?

Im März nächsten Jahres wird aller Voraussicht nach zum letzten Mal per EU-Verordnung die Uhr eine Stunde vorgestellt. Danach ist es den einzelnen Ländern überlassen, was sie mit dem Uhrzeiger tun – sollen sie bei der Sommerzeit bleiben oder die Winterzeit dauerhaft einführen? Und warum gibt es das überhaupt, eine Zeitumstellung?

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Die zündende Idee kam Benjamin Franklin 1784, und die Historiker sind sich nicht ganz einig, ob es eine Schnapsidee, ein Scherz oder ein ernstgemeinter Vorschlag war. Der Diplomat aus den USA, der in Frankreich arbeitete, monierte, dass die Pariser viel zu spät aufstünden. „In jeder Straße sollten Kanonen abgefeuert werden, um die Faulpelze aufzuwecken.“ Franklin, der als einer der Gründerväter Amerikas gilt, schlug diese Maßnahme vor, da es ihm als geeignetes Mittel erschien, um Energie zu sparen – es ließen sich seiner Rechnung nach 64 Millionen Pfund an teurem Wachs für Kerzen einsparen. Klar war ihm aber auch, dass die Menschen nicht allzu begeistert auf seinen Brachial-Vorschlag reagieren würden. Er dachte aber praktisch: „Wenn man Leute dazu zwingt, um vier Uhr aufzustehen, dann gehen sie auch bereitwillig schon um acht Uhr abends ins Bett.“

Von da an geisterte Franklins Idee durch die Jahrzehnte, die Nationen und die verschiedenen Regierungen. Deutschland führte die Sommerzeit – in der die Uhren eine Stunde vorgestellt werden, während des Ersten Weltkrieges einmal ein, schaffte das ganze wegen Unpopularität aber bald wieder ab. Das wiederholte sich während des Zweiten Weltkrieges, angeblich wegen der Energieeinsparung. Das war auch der Grund, weshalb die Sommerzeit 1980 dauerhaft eingeführt wurde; die Ölkrise hatte Bundesdeutschland ernsthaft zum Nachdenken gebracht. Um morgens Licht zu sparen, wurde ab dem 6. März die Uhr eine Stunde vorgestellt (von da an immer am letzten Märzwochenende). Bis 1995 erfolgte die Rück-Umstellung (Zeiger wieder um eine Stunde zurück) jeweils am letzten Wochenende im September, ab 1996 vier Wochen später, am letzten Wochenende im Oktober.

Ein ziemliches Verwirrspiel also, zumal so viele Bereiche davon betroffen sind: Zug- und Busfahrpläne sind davon betroffen, die Daten auf den großen Rechnern geraten durcheinander. Von den Schwierigkeiten, die die Eltern kleiner Kinder beim Zubettbringen und die Landwirte mit ihren Kühen haben, mal ganz zu schweigen.

Das gewichtigste Argument, das der Energieeinsparung, stellte sich inzwischen als bedeutungslos heraus: Zwar sparten die Menschen an Licht, erhöhten dafür aber die Heizkosten am Morgen, was unter dem Strich sogar eine Negativbilanz ergab. Als schön empfindet man es, dass die lauen Sommerabende im Biergarten jetzt eine Stunde länger dauern, da es ja im Sommer länger hell ist. Aber sollte das alles sein?

Schlafsensible Menschen empfinden die Zeitumstellung als Mini-Jetlag. Denn unsere innere Uhr lässt sich nicht austricksen: Sie ist auf das Tageslicht eingestellt. Wenn es durch die Sommerzeit abends eine Stunde länger hell ist, setzt auch die Produktion des Schlafbotenstoffes Melatonin später ein. Man wird also nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett – denn unser Alltag funktioniert nach der sozialen Zeit, nicht nach dem Tageslicht. Mit der Zeit droht ein chronischer Schlafmangel. Wird also die „normale“ Zeit („Winterzeit“) verstellt, hat das Auswirkungen auf die Chronobiologie. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es riesige Probleme geben, mahnt Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München: „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

In einer Umfrage, die die Europäische Union online gestartet hatte, hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen, was der Befragung schnell den Spitznamen „Cloxit“ verpasste. Die meisten waren für eine dauerhafte Sommerzeit. Doch man hat dabei die Kehrseite der Medaille nicht bedacht, findet Roenneberg: „Je nach Wohnort haben Sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“ Und er formuliert die ganze Geschichte einmal anders: „Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, dann wären die Leute auf der Straße gewesen.“ Ingo Fietze, Autor des Buches „Die übermüdete Gesellschaft“ (DIE PTA IN DER APOTHEKE, Ausgabe 09/2018) und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité, sagt: „Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

Auch die deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) spricht sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus: „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichtverhältnisse für unseren Schlaf-wach-Rhythmus am günstigsten ist“, sagt DGSM-Vorsitzender Alfred Wiater und warnt vor der Beeinträchtigung von Konzentration und Aufmerksamkeit, was zu Fehlern im Job und Unfällen führen könne.

Fietze findet, Symptome wie Schlafstörungen oder Unwohlsein im Zuge der Uhrenumstellung seinen noch verkraftbar. Dennoch fragt er sich, was das Ganze soll: Die Umstellung sei schlicht Unsinn. „Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-Dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn und das versteht der Körper auch nicht.“

Alexandra Regner,
PTA und Journalistin

Quelle: Hamburger Abendblatt
    Focus online
    Spiegel online

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