Globuli © LuCaAr / stock.adobe.com
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Homöopathie

DIE ZWEI PRINZIPIEN DER HEILUNG

Eine hömöopathische Behandlung regt die Selbstheilungskräfte an. Das geschieht durch potenzierte Arzneimittel. Damit diese individuell wirken können, steht die Krankengeschichte im Mittelpunkt.

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Anders als in der Allopathie, die mit entgegengesetzt wirkenden Mitteln behandelt, geht man in der Homöopathie nach der Simile-​Regel vor: Similia similibus curentur – Ähnliches werde mit Ähnlichem geheilt. Dass das funktioniert, entdeckte Ende des 18. Jahrhunderts Christian Friedrich Samuel Hahnemann am eigenen Körper. Er nahm mehrere Tage lang kleinere Mengen Chinarinde ein. Nach jeder Einnahme entwickelten sich bei Hahnemann für kurze Zeit Symptome, die denen der Malaria ähnlich waren.

Nach dieser Erfahrung verordnete er sich auch andere Substanzen in kleinsten Mengen, unter anderem Tollkirsche und Arsen. Der in Meißen geborene Arzt und Übersetzer medizinscher Schriften führte ein rastloses Wanderleben. Er praktizierte auch als Hygieniker, Psychiater und Pharmazeut. Als Arzneimittelkundiger wollte er gegen die damals gängige Lehrmeinung eine reine Arzneikunde der Erfahrung etablieren. Und zwar mit geprüften Einzelmitteln statt Vielgemischen. Das Standardwerk der neuen Lehre – der Homöopathie – verfasste Hahnemann im Jahr 1810: Das „Organon der rationellen Heilkunde“.

Klassische Homöopathie In der Homöopathie sollen Krankheiten mit stark verdünnten Stoffen geheilt werden, die beim Gesunden dem vorliegenden Krankheitsbild möglichst ähnliche Symptome hervorrufen. Die tatsächliche Krankheit wird von einer künstlich erzeugten, ähnlichen Krankheit überlagert. So werden die Selbstheilungskräfte aktiviert. Zuvor kommt es jedoch zu einer Verschlechterung der Symptomatik – der Erstverschlimmerung. Um die Erstverschlimmerung zu dämpfen, verringerte Hahnemann stufenweise die Dosis der eingesetzten Mittel. Das tat er durch Verschütteln mit Alkohol oder durch Verreiben mit Milchzucker im Verhältnis 1: 100. Wie er überrascht feststellte, nahm die Wirksamkeit der Arzneimittel zu, je höher sie verdünnt waren. So bezeichnete er die Verdünnungen als Potenzen (von lateinisch potentia = Kraft).

Die Kraft der Verdünnung Gebräuchliche Potenzen sind die Dezimalpotenzen D (D1=​1: 10; D2=1:100) und die Centesimalpotenzen C (C1=1:100, C2=1:10 000)). Die Verschüttelungen D/C 4-6-8 werden als tiefe Potenzen bezeichnet. Als mittlere Potenzen gelten D/C 10-12-15 und als Hochpotenzen D/C 30-200-500. So haben die allerhöchsten Verschüttelungen, die LM- (Quinquagintamillesimal-) Potenzen, einen rechnerischen Verdünnungsgrad von 1:50 000. Ab der Verschüttelung C30 werden häufig Einglas-Potenzen hergestellt. Das bedeutet, die ganze Verdünnungsreihe findet in einem Gefäß statt. Das Glas wird immer soweit geleert, dass die für die nächste Potenzierung benötigte Menge enthalten bleibt.

Niedrigere Potenzstufen werden dagegen mit der Mehrglasmethode hergestellt. Dabei wird für jeden Potenzierungsschritt ein neues Gefäß verwendet. Alle homöopathischen Arzneimittel entstehen in Handarbeit nach den Vorschriften des Homöopathischen Arzneibuchs (HOM). Arzneigrundstoffe sind Pflanzen- oder Tierdrogen, Mineralien, synthetische Chemikalien und Organpräparate. Das gesamte Wissen über den Grundstoff ist im Arzneimittelbild zusammengefasst. Bei Pflanzen beispielsweise Botanik, Toxikologie und Pharmakologie sowie Prüfungen am Gesunden und klinische Erfahrungen mit Patienten. Der klinische Wirkungsnachweis kann nur erbracht werden, indem man den therapeutischen Gesamterfolg verschiedener Verfahren vergleicht.

Von der Urtinktur zum Globulus Am Anfang eines Arzneimittels steht meist die Urtinktur (Ø). Das ist eine Mischung aus pflanzlichen Presssäften mit Ethanol, Glycerol oder Wasser. Urtinkturen werden häufig einem tageszeitlichen Warm-Kalt-Rhythmus (RH) unterworfen. Erntefrische Zitronen beispielsweise presst man aus, würfelt die Schalen fein und schließt sie im Mörser gleichmäßig auf. Die Masse bildet zusammen mit dem Saft die Grundlage für einen wässrigen Heilpflanzenansatz. Dieser wird sieben Tage lang rhythmisiert, das heißt morgens und abends dem Licht und dem Dunkel ausgesetzt, tagsüber der Wärme, nachts der Kälte, außerdem der Ruhe und Bewegung.

Der gefilterte Auszug ist sehr lange haltbar und bildet die Basis für homöopathische Präparate. Aus den Verdünnungen (Dilutiones, dil.) entstehen Einreibungen, Suppositorien oder Salben. So wie die Wundsalbe mit Calendula officinalis, die entzündungshemmend wirkt und bei verzögerter Wundheilung oder Vereiterung eingesetzt wird. Aus verdünnten Lösungen entstehen auch Augentropfen wie die potenzierte wässrige Zubereitung von Euphrasia officinalis D2. Augentrost hilft bei Tränenfluss, brennenden Augen und bei Bindehautentzündung, aber auch bei übermäßiger Beanspruchung durch Bildschirmarbeit. Tabletten werden aus Verreibungen (Triturationen, trit.) mit Stärke und Magnesiumstearat gepresst. Man lässt sie langsam auf der Zunge zergehen, sodass sich die Wirkung sanft entfalten kann.

Auf diese Weise werden auch Streukügelchen (Globuli velati) eingenommen. Die unterschiedlich großen Kügelchen (Größe eins bis zehn) bestehen aus Saccharose, die mit einer homöopathischen Lösung imprägniert ist. So beispielweise Magnesium carbonicum Globuli velati D10, die bei Kopfschmerzen, Migräne, bei nervösem Herz und bei Neuralgien eingesetzt werden. Homöopathische Injektionslösungen sind mit Natriumchlorid versetzt, dadurch isotonisch und sind frei von Konservierungsstoffen. Immer beliebter werden Homöopathika in der Tiermedizin. Man behandelt Nutztiere ebenso wie Haustiere, besonders gerne Pferde. Bei der Anwendung kommt es auf die Größe des Tieres an, dementsprechend werden äquivalente Einzeldosen für tiefe Potenzen als Dilution, Tabletten oder Ampullen verwendet.

Reiz und Regulation Von der Wirkung her können homöopathische Arzneimittel in drei Gruppen eingeteilt werden:

  • Die Organotropie/Histiotropie gibt die Wirkung auf Organsystem beziehungsweise Gewebe an. Die Erkrankungen, die damit verbunden sind, können oft durch wenige charakteristische Symptome charakterisiert werden, die „bewährte Indikation“.
  • Funktiotropie bedeutet, dass der Anwendungsbereich über den Organ- oder Gewebebezug hinausgeht. Er setzt bei den Regulationsmechanismen an, also bei den Nerven oder Hormonen. Als Differenzierungsmerkmale dienen die Auslöser der Beschwerden (Causa) sowie bessernde oder verschlechternde Einflüsse (Modalitäten).
  • Personotropie: Zusätzliche Kriterien sind Konstitution, Disposition und Diathese, also die Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen. Besonders wichtig ist die biographische Anamnese. So fragt der Therapeut gezielt nach Gemütsregungen und Empfindungen. Bei den körperlichen Symptomen steht die Qualität im Vordergrund, beispielweise ob der Schmerz als stechend, hämmernd oder klopfend empfunden wird. Ein Bezug wird auch zu Umwelteinflüssen hergestellt: Verbessert oder verschlechtert sich die Krankheit durch Ruhe oder durch Bewegung, Kälte, Wärme oder Berührung? Schließlich spielen auch die Auslöser eine Rolle. Das sind Ereignisse, die unmittelbar vor der Krankheit stattfanden, beispielsweise ein Sturz oder eine Gehirnerschütterung, körperliche Anstrengung, aber auch Demütigung, Ärger oder Trauer.

Fazit: Bei der klassischen Homöopathie steht das Individuum im Mittelpunkt der Krankengeschichte. Stimmt nach der Ähnlichkeitsregel das Krankheitsbild und das Arzneimittelbild möglichst genau überein, ist das Homöopathikum angezeigt. Potenzierungen, das heißt verschüttelte Verdünnungen, erhöhen die Wirksamkeit. Bei sachgerechter Anwendung ist die Homöopathie ohne Gefahr von Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen. So hat die über 200 Jahre alte Therapierichtung auch in der heutigen Zeit ihren Platz.


Den Artikel finden Sie auch in unserem Sonderheft „Phytotherapie und alternative Heilmethoden“ ab Seite 66.

Dr. rer. nat. Christine Reinecke, Diplom-Biologin

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