Häuserfront © tupungato / iStock / Getty Images Plus
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Schmöker

BUDDENBROOKS

Angst vor großer Literatur? Brauchen Sie nicht zu haben. Werfen Sie nur einen Blick in die Mutter aller Familienromane, die „Buddenbrooks“ – und es könnte gut sein, dass sie dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen werden.

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Samuel Fischer, der Verleger, war um die vorletzte Jahrhundertwende eine bedeutende Persönlichkeit. Ihm gefiel gut, was der (gänzlich unbekannte) junge Autor da abgeliefert hatte. Eine Sammlung von Novellen, man würde es heute Kurzgeschichten nennen. Thomas Mann hieß der Verfasser, sein Buch „Der kleine Herr Friedemann“. Samuel Fischer ermunterte ihn, „ein größeres Prosawerk“ zu schreiben – „aber nicht zu lang“.

Erste Auflage kostet 12 Mark das Stück Da hatte sich der 25-jährige Lübecker Kaufmannssohn schon hingesetzt und die „Buddenbrooks“ begonnen. Vier Jahre sollte es dauern und über 1000 handgeschriebene Seiten lieferte er ab, weigerte sich darüber hinaus zu kürzen, sodass die ersten Auflagen als zweibändiges Werk erscheinen mussten. Das hatte Samuel Fischer nun davon. Kein Mensch konnte ahnen, dass das Buch, das wegen seines horrenden Preises von zwölf Mark zunächst wie Blei in den Regalen lag, später einmal den Literaturnobelpreis gewinnen würde. Was war und ist es nun, das dieses Werk so zeitlos macht? Das einen beim Lesen kichern lässt wegen der herrlich ironischen Beschreibungen der Personen und betrübt zurücklässt, wenn sich der Niedergang abzeichnet?

Das einen im Wohnzimmer der Familie sitzen lässt, wo die gezeichneten Tapeten deren Figuren plastisch hervortreten lässt, wo einem der Travemünder Wind um die Nase weht, wenn Tony den Honig aus den Waben lutscht. Tja, ein Lösungsansatz ist wohl, dass der junge Schriftsteller ungeniert aus dem Leben abgeschrieben hat. Fast das ganze Personal des Romans stammt aus seiner eigenen Familie – Großvater, Vater, er selbst, sämtliche verschrobenen Tanten, alle pietistischen Frömmler, die Lübecker Honoratioren. Nach Erscheinen des Werkes 1901 lagen in den Lübecker Buchhandlungen Listen aus, die die Romanfiguren entschlüsselten – und Thomas Mann konnte sich jahrelang nicht mehr in seiner Heimatstadt blicken lassen.

Übersichtliches Personenkabinett Der Roman ist in elf Teile gegliedert, aber keine Angst, er ist ganz komfortabel aufgebaut und gleich auf den ersten Seiten treffen sich alle zum Mittagessen. Johann Buddenbrook der Ältere hat die Getreidehandlung gegründet, auf der der Wohlstand der Familie beruht. Er ist verheiratet mit Antoinette, die französischen Flair mitbringt und dafür sorgt, dass der älteste Sohn beider (auch wieder Johann, diesmal der Jüngere) nur Jean genannt wird, was es für Angehörige und Leser leichter macht. Jean wiederum hat zwei Söhne: Thomas und Christian. Während Christian schon in jungen Jahren gern Tänzerinnen am Stadttheater Blumenbukette überreicht, was ihm später zum Verhängnis wird, erfüllt Thomas gern die Aufgabe des verantwortungsbewussten Firmenerben und wird vom Vater von Anfang an dazu erzogen.

Tony, die Tochter, ist ein wenig naiv und der Liebling aller, schwärmt später für Morgenröcke mit Atlasschleifen, heiratet zweimal, lässt sich zweimal scheiden und liebt eigentlich den Bauernsohn aus Travemünde, was sie natürlich nicht darf. Es geht im weiteren Verlauf des Romans um alles: Thomas Mann haut ein Psychogramm nach dem anderen heraus; er verarbeitet die Zeitgeschichte (1848er Revolution), denn Thomas wird später einmal Senator seiner Heimatstadt werden. Es fehlen nicht die Bezüge zum Protestantismus, er verwendet Farben in vollendeter Symbolik, beschreibt die Philosophie Nietzsches und hat darüber hinaus richtig Ahnung von Musik. Falls Sie jetzt fürchten, das Ganze sei zu abgehoben für unseren bürgerlichen Geschmack: ist es eben nicht. Das ganze beachtliche Allgemeinwissen des jungen Autors fließt so mühelos ein, dass wir en passant dazulernen, während wir uns fragen: Bleibt Tony jetzt bei dem biertrinkenden Bayern Alois Permaneder? Warum trifft Thomas immer wieder das schöne Blumenmädchen? Hat Gerda (Thomas‘ Ehefrau) in ihrem Musikzimmer was mit dem Leutnant angefangen? Und musste das nun wirklich sein mit dem teuren neuen Haus?

Jede Figur hat ihren Markenkern Der Autor hat zwecks Plastizität seiner Figuren stets wiederkehrende Charakteristika eingebaut, die wirklich brüllend komisch sein können. Als Tony zur Strafe für ihre Eitelkeit ins Mädchenpensionat einrücken muss, begegnet sie dessen Leiterin, die es stets unternimmt, sie und alle anderen ergriffen auf die Stirn zu küssen und dabei „Sei glöcklich, du gutes Kend!“ zu flüstern – ein sicheres Indiz dafür, dass die Geküssten später recht unglücklich sein werden. Der arme Christian, Thomas‘ Bruder, der aufgrund psychischer Probleme stets scheitert und der leicht an dem Satz „Ich kann es nun nicht mehr“ zu erkennen ist.

Und wenn sich über die heiteren, glücklichen Tage langsam die Melancholie des Abschieds legt, fühlen wir mit, wenn der letzte Buddenbrooks-Spross Hanno mit den Worten beschrieben wird: „…und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die bläulichen Schatten in den Winkeln seiner Augen, – dieser Augen, die, besonders wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen wie ablehnenden Ausdruck dareinblickten, während sein Mund sich noch immer auf jene wehmütige Art geschlossen hielt.“ Stellt man daneben ein Jugendbildnis Thomas Manns im damals üblichen Kieler Matrosenanzug, sieht man deutlich: Er meint sich selbst. Zu sensibel für die raue Welt der Kaufmannschaft, zu einfühlsam für die Härten des Geschäftslebens; seine künstlerische, musische Ader steht ihm im Weg. Der Autor hat den Roman mit „Verfall einer Familie“ untertitelt.

Das ist bitte nicht wörtlich zu nehmen; Thomas Mann hat zweifelsfrei überlebt. Im richtigen Leben heiratet er später seine Jugendliebe, schreibt weitere unsterbliche Werke wie „Der Zauberberg“ oder „Doktor Faustus“, hat sechs Kinder, ist ein nicht unproblematischer Familienvater. Und doch ist dieses erste Buch etwas Besonderes. Es stellt in seiner literarischen Gattung den ersten Gesellschaftsroman in deutscher Sprache von Weltgeltung dar. Die „Buddenbrooks“ erfreuen seit über hundert Jahren ihre Leserschaft, sie werden von Jung und Alt gelesen und immer noch von S. Fischer verlegt. In 38 Sprachen wurden die „Buddenbrooks“ mittlerweile übersetzt, zuletzt ins isländische. Neun Millionen Exemplare sind seit Erscheinen in Deutschland gedruckt und verkauft worden, in immer wieder neuen Auflagen: Für mich ist „Buddenbrooks“ der Schmöker aller Schmöker: zeitlos, aktuell und total spannend.

Den Artikel finden Sie auch in die PTA IN DER APOTHEKE 04/2021 ab Seite 104.

Alexandra Regner, PTA und Journalistin

Thomas Mann
Buddenbrooks Fischer Taschenbuch, 768 Seiten, 14 Euro ISBN: 978-3-596-29431-2

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