Glucocorticoide: Helfer mit schlechtem Ruf
17 Minuten 1 Punkte
- 1Cortisol im Körper
- 2Mit Glucocorticoiden therapieren
- 3Systemische Applikation
- 4Inhalative & intranasale Applikation
- 5Topische Applikation
- 6Alternativen & Ängste
- 7Lernziele
01. Oktober 2026
Behandlung mit Glucocorticoiden
Je nach Indikation und Ziel können unterschiedliche Therapieformen angewandt werden: Bei der Substitutionstherapie, also einer Hormonersatztherapie, setzt man Glucocorticoide ein, um einen körpereigenen Mangel auszugleichen. Dies ist zum Beispiel bei einer NebennierenrindenInsuffizienz der Fall.
Ziel ist hier nicht die gezielte Unterdrückung von Entzündungs- oder Immunreaktionen, sondern eine möglichst physiologische Annäherung an die normale Cortisolversorgung des Körpers. Die Dosis orientiert sich daher am natürlichen Tagesbedarf des Körpers
Davon abzugrenzen ist die pharmakodynamische Therapie. Hier werden Glucocorticoide gezielt wegen ihrer entzündungshemmenden, antiallergischen oder immunsuppressiven Wirkung eingenommen. Die verwendeten Dosen liegen dabei häufig über dem physiologischen Cortisolbedarf.
Glucocorticoide können als Dauertherapie verordnet oder im Rahmen einer sogenannten Stoßtherapie eingesetzt werden. Bei der Stoßtherapie verschreibt der Arzt oder die Ärztin zu Beginn eine höhere Dosis, um eine Entzündungsreaktion rasch einzudämmen. Dann wird langsam reduziert. Erfolgt die Behandlung nur kurzfristig, sind die typischen Nebenwirkungen meist weniger zu erwarten als bei einer Dauertherapie.
Prinzipiell gilt: Je höher die Dosis und je länger die Anwendung, desto wahrscheinlicher werden unerwünschte Wirkungen.
Bei Dermatika, Nasalia, Augentropfen oder Inhalativa treten systemische Nebenwirkungen in der Regel generell seltener auf. Eine systemische Resorption lässt sich jedoch auch hier nicht vollständig ausschließen.
Körpereigene Produktion im Blick behalten
Bei längerer systemischer Behandlung muss außerdem beachtet werden, dass die körpereigene Cortisolproduktion unterdrückt werden kann. Der Grund: Von außen zugeführte Glucocorticoide wirken auf die HPA-Achse wie ein negatives Rückkopplungs-Signal: Hypothalamus und Hypophyse bilden weniger CRH und ACTH, sodass die Nebenniere weniger stimuliert wird und ihre eigene Cortisolproduktion zurückfährt.
Nach der ESE/Endocrine-Society-Guideline besteht dieses Risiko vor allem bei einer Behandlungsdauer von drei bis vier Wochen oder länger und bei Dosierungen oberhalb des physiologischen Bereichs, also über etwa 15 bis 25 mg Hydrocortison beziehungsweise zwischen 4 bis 6 mg Prednison/Prednisolon pro Tag.
Therapieende: ausschleichen
Wird die Therapie zu rasch reduziert oder abrupt beendet, können Entzugssymptome und/oder eine Nebennierenrinden-Insuffizienz auftreten – besonders kritisch ist das während Belastungssituationen wie Infekten, Operationen oder Unfällen.
Deshalb werden systemische Glucocorticoide nach längerer Anwendung in der Regel nicht abrupt beendet, sondern schrittweise ausgeschlichen. Durch die schrittweise Dosisreduktion erhält der Körper Zeit, die körpereigene Cortisolproduktion wieder aufzunehmen.
Wirkstoffgruppen
Glucocorticoide zur systemischen Anwendung werden nach ihrer pharmakologischen Stärke und Wirkdauer eingeteilt. Dabei unterscheidet man zwischen
- kurz wirksamen Substanzen mit einer Wirkdauer von etwa acht bis zwölf Stunden,
- mittellang wirksamen Substanzen mit etwa 12 bis 36 Stunden und
- lang wirksamen Substanzen mit einer Wirkdauer von etwa 36 bis 72 Stunden.
Hydrocortison gilt als kurz wirksames Glucocorticoid und dient häufig als Referenzsubstanz. Prednison, Prednisolon, Methylprednisolon und Triamcinolon wirken stärker entzündungshemmend und werden meist den mittellang wirksamen Glucocorticoiden zugeordnet. Dexamethason und Betamethason besitzen eine deutlich höhere glucocorticoide Potenz, kaum mineralocorticoide Aktivität und eine längere biologische Wirkdauer.
Sogenannte Äquivalenzdosen helfen, die antiinflammatorische Wirkung verschiedener Wirkstoffe miteinander zu vergleichen. Nach der AMK/ABDA-Vergleichstabelle zu oralen Glucocorticoiden besitzen 20 mg Hydrocortison, 5 mg Prednisolon oder Prednison, 4 mg Methylprednisolon oder Triamcinolon sowie 0,75 mg Dexamethason oder Betamethason ungefähr eine vergleichbare glucocorticoide Wirkung.
Solche Tabellen dienen jedoch nur zur Orientierung. Die konkrete Dosierung muss immer auf die jeweilige Indikation, den Krankheitsverlauf, die Therapiedauer und Begleiterkrankungen abgestimmt sein. Maßgeblich bleiben die aktuelle Fachinformation und eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.
Corticoide: Beratungscheck für die Offizin
- Applikationsweg klären: Tablette oder lokal an Haut, Nase, Auge oder zur Inhalation
- Indikation und Therapiedauer ggf. erklären
- Dosis bzw. Wirkstärke prüfen
- Risikostellen beachten: Gesicht, Augen, Genitalbereich, Kinderhaut
- Anwendung erklären: Einnahmezeit, FTU, Inhalations- und Nasenspraytechnik
- Nicht eigenmächtig länger, großflächiger, kürzer oder häufiger anwenden
Beratung: Keine Besserung, Verschlechterung, Infektzeichen, starke Hautreaktionen, systemische Beschwerden, Kinder, Schwangerschaft oder längere Anwendung ärztlich abklären lassen.











