Cortison und Corticoide
PTA-Fortbildung

Glucocorticoide: Helfer mit schlechtem Ruf

Glucocorticoide gehören zu den wirksamsten Entzündungshemmern und werden häufig verschrieben. Viele fürchten jedoch Nebenwirkungen. Wie wirken die Präparate, worauf kommt es bei der Anwendung an und wie können Sie Ihren Kunden die Cortison-Angst nehmen?

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Kaum eine Wirkstoffgruppe ist so bekannt und zugleich so stark mit Nebenwirkungsängsten verbunden wie die Glucocorticoide: „Verdünnt Cortisonsalbe meine Haut?“ – „Nehme ich mit den Tabletten an Gewicht zu?“ – „Wird mein Immunsystem unterdrückt, wenn ich Cortison einnehme?“. Solche Fragen hören Sie wahrscheinlich häufig, wenn Ihre Kunden eine Verordnung über ein Corticoid einlösen. Die Sorge nachvollziehbar. Ob Nebenwirkungen auftreten, hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab.

Lernziele

In dieser von der Bundesapothekerkammer akkreditierten Fortbildung lernen Sie unter anderem,

  • wie Corticoide wirken und welche Rolle Cortisol im Körper spielt,
  • welche Unterschiede zwischen systemischer, inhalativer, intranasaler und topischer Anwendung bestehen,
  • worauf es bei Dosierung, Therapiedauer und Nebenwirkungen ankommt,
  • welche Anwendungshinweise bei Tabletten, Inhalativa, Nasensprays und Hautpräparaten wichtig sind,
  • wann besondere Vorsicht geboten ist und ärztlicher Rat erforderlich sein kann und
  • wie Sie „Cortisonängsten“ im Beratungsgespräch sachlich begegnen können.

Glucocorticoide wirken stark gegen Entzündungen und werden bei zahlreichen entzündlichen, allergischen, immunologischen und respiratorischen Erkrankungen eingesetzt. Beispielsweise bei Asthma bronchiale, Autoimmunerkrankungen oder chronischen entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn.

Für die Beratung ist deshalb zunächst eine klare Einordnung entscheidend: Welcher Arzneistoff ist in welcher Wirkstärke und Darreichungsform verordnet – und über welchen Zeitraum? Eine kurzzeitig angewendete Hydrocortisoncreme ist beispielsweise anders zu bewerten als eine wochenlange orale Prednisolontherapie.

Verwechslungsgefahr

Der Begriff „Cortison“ wird im Alltag oft als Sammelbegriff für verschiedene cortisonhaltige Arzneimittel verwendet. Fachlich wird jedoch zwischen Corticoiden (Corticosteroiden), Glucocorticoiden, Cortisol und Cortison unterschieden.

Corticoide sind verschiedene körpereigene und synthetisch hergestellte Hormone beziehungsweise Wirkstoffe. Zu ihnen gehören die Mineralocorticoide, die vor allem den Salz- und Wasserhaushalt steuern, und die Glucocorticoide, die Entzündungen dämpfen und ein überaktives Immunsystem bremsen.

Cortisol ist das wichtigste körpereigene Glucocorticoid, Cortison seine weniger aktive Vorstufe. Der Körper kann Cortison in Cortisol umwandeln und umgekehrt Cortisol wieder in Cortison überführen. Diese Umwandlung wird unter anderem durch die 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase gesteuert. Sie beeinflusst, wie stark Glucocorticoide in einzelnen Geweben wirken.

Stresshormon Cortisol

Cortisol wird in der Zona fasciculata der Nebennierenrinde gebildet und gehört zu den lebenswichtigen Hormonen. Der Körper bildet es aus Cholesterin. Chemisch handelt es sich um ein Steroidhormon mit der Summenformel C₂₁H₃₀O₅. Wie andere Steroidhormone besitzt Cortisol ein typisches Steroidgrundgerüst. Es ist fettlöslich und kann deshalb die Zellmembranen gut überwinden.

Cortisol erfüllt im Körper zahlreiche Aufgaben:

  • Es hilft bei Stressreaktionen,
  • beeinflusst den Zucker-, Fett- und Eiweißstoffwechsel,
  • wirkt auf den Kreislauf
  • und reguliert Immun- und Entzündungsreaktionen.

Der Cortisolspiegel folgt einem zirkadianen Rhythmus: In den frühen Morgenstunden ist er am höchsten, nachts sinkt er ab. Körperlicher oder psychischer Stress erhöht die Cortisolausschüttung.

Die Bildung und Freisetzung von Cortisol wird über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) gesteuert. Der Hypothalamus setzt CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) frei, das im Hypophysenvorderlappen die Ausschüttung von ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) auslöst. Steigt der Cortisolspiegel im Blut an, bremst das Hormon über eine negative Rückkopplung die weitere Freisetzung von CRH und ACTH.

Morbus Cushing und Morbus Addison

Bei dauerhaft erhöhtem Cortisolspiegel kann das Cushing-Syndrom entstehen. Typische Folgen sind eine veränderte Fettverteilung mit Betonung am Körperstamm, Muskelschwäche, Bluthochdruck und Störungen des Glucosestoffwechsels.

Man unterscheidet das exogene Cushing-Syndrom, das durch eine starke oder lange Zufuhr von Glucocorticoiden ausgelöst werden kann, von endogenen Formen mit körpereigener Cortisolüberproduktion. Zu diesen Formen zählt auch Morbus Cushing, bei dem der Hypophysenvorderlappen vermehrt ACTH ausschüttet und dadurch die Cortisolproduktion in der Nebennierenrinde antreibt.

Ein Cortisolmangel, etwa bei Morbus Addison, zeigt sich dagegen häufig durch Müdigkeit, Gewichtsverlust, einen niedrigen Blutdruck und eine verstärkte Hautpigmentierung.

Wie Glucocorticoide auf Entzündungsprozesse im Körper wirken

Glucocorticoide binden intrazellulär an den Glucocorticoid-Rezeptor. Sobald ein Glucocorticoid an den Rezeptor bindet, verändert er seine Form: Der Komplex aus Wirkstoff und Rezeptor wandert in den Zellkern und beeinflusst dort die Aktivität zahlreicher Gene. Dadurch entstehen mehr entzündungshemmende Proteine, während die Bildung entzündungsfördernder Stoffe zurückgeht. Damit setzen Glucocorticoide nicht nur an einem einzelnen Entzündungsbotenstoff an, sondern regulieren die Entzündungs- und Immunantwort insgesamt.

Eine wichtige Rolle spielen dabei entzündungsfördernde Transkriptionsfaktoren wie Nuclear Factor kappa B (NF-κB) und Activator Protein 1 (AP-1). Diese Transkriptionsfaktoren aktivieren normalerweise Gene, die die Bildung von Zytokinen, Chemokinen, Enzymen und weiteren Entzündungsmediatoren fördern. Glucocorticoide können die Aktivität von NF-κB und AP-1 dämpfen und so die Produktion solcher Mediatoren reduzieren. Gleichzeitig fördern sie die Bildung entzündungshemmender Proteine wie der Mitogen-activated Protein Kinase Phosphatase-1 (MKP-1/DUSP1) und des Glucocorticoid-induced Leucine Zipper (GILZ).

Die Folge im Körper ist eine deutlich abgeschwächte Entzündungs- und Immunantwort: Gefäße werden weniger durchlässig, Schwellungen nehmen ab, Rötungen und Juckreiz lassen nach. Zugleich werden Immunzellen weniger stark aktiviert und wandern in geringerem Maß in entzündetes Gewebe ein. Diesen Mechanismus macht man sich therapeutisch bei vielen Erkrankungen zunutze, beispielsweise bei Allergien, Autoimmunerkrankungen, Asthma, entzündlichen Hauterkrankungen oder rheumatischen Erkrankungen.

Die starke Wirkung hat aber auch eine Kehrseite. Glucocorticoid-Rezeptoren kommen in sehr vielen Geweben vor. Glucocorticoide beeinflussen daher nicht nur Entzündungs- und Immunprozesse, sondern auch Stoffwechsel, Knochen, Muskeln, Haut, Blutgefäße und die HPA-Achse. Deshalb können synthetisch hergestellte Glucocorticoide, wenn sie über längere Zeit systemisch angewendet werden, neben der gewünschten Entzündungshemmung auch unerwünschte Wirkungen auslösen. Möglich sind unter anderem erhöhte Blutzuckerwerte, Gewichtszunahme, Muskelschwäche, Osteoporose, eine erhöhte Infektanfälligkeit, Bluthochdruck, Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen.

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