Frau bekommt Spritze in die Stirn. © peakSTOCK / iStock / Getty Images Plus
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Invasive Kosmetik

DAS GEHT UNTER DIE HAUT

Botox, Eigenfett & Co. sollen zurückgeben, was die gelebten Jahre nehmen. Klappt das wirklich und was ist damit in Kauf zu nehmen – nicht nur finanziell, sondern auch an Risiken?

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Sophokles beklagte einst: „Nur den Göttern ist des Alters Bürde fremd“. Der berühmte Tragiker wusste, wovon er sprach. Denn er erreichte das stattliche Alter von neunzig Jahren. Bis heute wünschen sich die Menschen, nicht nur alt, sondern vital und schön alt zu werden. Nun lässt sich die biologische Uhr nicht stoppen oder gar zurückdrehen. Wohl aber langsamer ticken. Denn wann die Stunde der Schwerkraft schlägt, wann die Haut an Elastizität verliert und die Zeichen der Zeit offenbar werden, lässt sich bis zu einem gewissen Maß beeinflussen. So die Idee. Versucht wird das heute nicht durch Kosmetik zum Auftragen auf die Haut, sondern auch durch Substanzen, die unter beziehungsweise in die Haut gehen. Davon ist bereits eine ganze Reihe im Einsatz. Schauen wir einmal, was sie draufhaben und was nicht.

Spritzen statt Skalpell Wer Antifaltencremes und Intensivseren nicht mehr ausreichend fand, suchte Support beim Schönheitschirurgen. Früher – heute sind sanftere Beauty-Behandlungen angesagt, die ohne OP und Vollnarkose die Optik aufpeppen. Für ein frischeres Aussehen will Frau (Mann auch, aber seltener) schließlich nicht gleich unters Messer und wochenlang gesellschaftsunfähig sein

Botox Der Klassiker bei den Beauty-Maßnahmen, die unter die Haut gehen, ist Botulinumtoxin, kurz Botox genannt. Es bügelt die Spuren des Lebens wieder aus. Gemeint sind die sogenannten mimischen Falten, die durch die Aktivität der Gesichtsmuskulatur entstehen. Kein Grinsen und kein Stirnrunzeln bleiben ohne Folgen und deshalb sorgt Botox mit feinen Nadeln an die Nerven für die zuständigen Gesichtsmuskeln gespritzt für deren Entspannung – und damit für Glättung. Sichtbar wird dieser Effekt binnen weniger Tage. Klasse!

Weniger klasse aber ist, dass der Faltenbügler einer der gefährlichsten biologischen Nervengifte ist, die es gibt: das von Clostridium-difficile-Bakterien produzierte Eiweißmolekül Botulinumtoxin könnte sehr rasch ins Jenseits befördern. Denn es löst bei einer Injektion in die Blutbahn Muskellähmungen aus, vor allem an der Herz- und Atemmuskulatur. Nur die sofortige Gabe eines Antiserums und Beatmung können dann lebensrettend sein. Deshalb darf die Injektion nur von einem Arzt gesetzt werden. Einmal reicht allerdings nicht, um die Zornesfalten endgültig verschwinden zu lassen. Denn nach ein paar Monaten ist alles wieder beim Alten – im wahrsten Wortsinn.

Hyaluronsäure In den 1930er Jahren entdeckte der deutsche Mediziner Karl Meyer im Glaskörper des Auges ein Makromolekül aus Disacchariden, das sehr viel Wasser binden kann und äußerst druckbeständig ist. Von ihm Hyaluronsäure getauft, entpuppte es sich rasch als Multitalent. Aufgrund der tollen Fähigkeiten zur Wasserspeicherung und großen Druckbeständigkeit wurde das Glycosaminoglykan zum geschätzten Schmiermittel für erkrankte Gelenke und für die Schönheit. Denn indem es so viel Wasser an sich binden kann, vermehrt es die Feuchtigkeitsversorgung der Haut und polstert auf diese Weise auf: hartnäckige Falten, hängende Lider oder Wangen und vieles mehr.

Die wirksamste Art der Anwendung von Hyaluronsäure – neben der Creme – ist in Form eines sogenannten Dermalfillers. Diese Methode ist auch deshalb geschätzt, da sie natürliche Ergebnisse bringt. Es sieht also nicht so aus, als ob „da was gemacht wurde“. Nachteil der Dermalfiller ist, dass sie vom Körper abgebaut werden. Nach einigen Monaten ist eine erneute Behandlung erforderlich, um nicht wieder alt auszusehen… Die Schmerzen halten sich übrigens in Grenzen, zumal die meisten Dermalfiller heute bereits mit lokal betäubenden Wirkstoffen versehen sind.

Das Motto: „Wer schön sein will, muss leiden“ bekommt heute eine völlig neue Dimension.

Lipofilling Wie der Name schon sagt: Bei der Eigenfettbehandlung werden mit körpereigenem Fettgewebe Falten und Gewebedefizite wie Dellen aufgefüllt. Weitere Anwendungsgebiete sind der Volumenaufbau im Gesicht, etwa zur Vergrößerung der Lippen und Beseitigung von Tränensäcken, Brust- und Povergrößerung sowie Brustrekonstruktion nach Brustkrebsbehandlung. Eigenfett liegt direkt unter der Haut und wird durch eine Kanüle mit Hilfe von Unterdruck entnommen. Entweder wird dazu manuell mit einer Spritze vorgegangen oder das Fettgewebe durch ein Absauggerät gewonnen. Die entnommenen Fettzellen werden anschließend in einem sterilen Behälter aufgefangen.

Nun können sie mit kleinen Spritzen an die zu korrigierende Stelle injiziert werden. Wichtig ist, dass die transplantierten Fettzellen umgehend Anschluss an gut durchblutetes Gewebe bekommen – ansonsten sterben sie ab. Aus diesem Grund lässt sich Eigenfett nicht in größeren Mengen auf einmal verpflanzen, sondern muss schrittweise übersiedelt werden. Entsprechend erfordert jedes Lipofilling eine eigene, neue Fettentnahme. Wird nur wenig Eigenfett transplantiert, erfolgt dies unter örtlicher Betäubung. Bei größeren Eingriffen sorgt ein Dämmerschlaf für Schmerzfreiheit während der Behandlung. Das Risiko für Komplikationen ist sehr gering. Sehr selten kommt es beim Lipofilling zu Infektionen, Blutergüssen, vorübergehenden Schwellungen oder Verhärtungen.

Besonders trendy Neben den genannten vergleichsweise alten Hüten kommen neue Trends total in Mode. Natürlich überwiegend nur bei jenen, die es sich leisten können. Stars und Sternchen etwa oder Models … Das Vampir-Lifting ist schon leicht gruselig, aber total hipp: Bei dieser Behandlung wird Eigenblut entnommen, speziell aufbereitet und wieder in kleinen Dosen in die Haut injiziert. Ziel dieser medizinisch PRP-Eigenbluttherapie genannten Prozedur soll eine Erneuerung der Hautstruktur durch die im Blut enthaltenen Wachstumsfaktoren sein. Das lässt angeblich flugs jünger aussehen und auch Narben verschwinden. Seriöse Daten über den Erfolg des Vampir-Liftings gibt es bislang keine, wohl aber Warnungen vor den Risiken – vor allem vor Infektionen durch das wieder gespritzte Eigenblut.

Schließlich erfordert dessen Aufbereitung sehr hohe Hygienestandards, die bei Beauty-Dienstleistern nicht unbedingt gewährleistet sind. Hinzu kommt ein sattes Autsch bei den Injektionen, weshalb eine lokale Betäubung erforderlich ist. Auch beim Microneedling wird gepikst und zwar ordentlich: Viele Stiche mit vielen kleinen Nadeln verletzen gezielt das Hautgewebe, um die Selbsterneuerung der Haut anzuregen. Je tiefer der Piks, desto höher soll die Wirkung sein. Tatsächlich hoch ist der Risikofaktor. Denn wird im Kosmetikstudio nicht sauber hygienisch gearbeitet, besteht auch bei dieser Methode eine große Gefahr für Infektionen. Wem es jetzt noch nicht reicht, sollte berücksichtigen, dass Microneedling sehr schmerzhaft ist.

Den Artikel finden Sie auch in der Sonderausgabe von DIE PTA IN DER APOTHEKE „Kosmetik – Inhaltsstoffe in Kosmetika“ ab Seite 56.

Birgit Frohn, Biologin und Medizinjournalistin

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