Allergien bei Kindern
PKA-Fortbildung

Allergieprävention für die Kleinsten

Allergische Erkrankungen sind in westlichen Industrieländern leider sehr verbreitet. Eltern können von Anfang an einiges tun, um Allergien bei ihren Kindern vorzubeugen. Das ist keine Garantie für ein allergiefreies Leben, aber es kann das Erkrankungsrisiko senken.

7 Minuten 1 Punkte

Veröffentlichung der Teilnahmebescheinigung:
01. Januar 2027

Im Beikostalter geht es weiter

Auch mit Einführung von Beikost im Alter von vier (Beginn des 5. Lebensmonats) bis sechs Monaten (Beginn des 7. Lebensmonats) soll weiter gestillt werden. Dabei ist auch die Bereitschaft des Säuglings zu berücksichtigen. Säuglinge mit älteren Geschwistern interessieren sich aus sozialen Gründen oft bereits früher für die Lebensmittel, die in der Familie auf den Tisch kommen.

Wie geht man vor? Zunächst wird nach und nach eine Mahlzeit am Tag durch ungewürztes weichgekochtes Gemüse oder einen Getreidebrei ersetzt. Mit welcher Mahlzeit begonnen wird, hängt von den Lebensumständen in jeder einzelnen Familie ab. Es bietet sich besonders die Tageszeit an, zu der die fütternde Person genug Zeit und Ruhe hat. Bei Babys, die nur wenig Interesse an neuen Lebensmitteln zeigen und lieber weiterhin die Brust oder das Fläschchen bevorzugen, ist es sinnvoll, darauf zu achten, dass das Baby auch ausreichend Hunger hat. Außerdem sollte das Einführen eines neuen Nahrungsbestandteils zeitlich nicht zu nah an den Schlafenszeiten des Babys liegen, damit noch genug Zeit bleibt, um zu beobachten, wie es darauf reagiert. Natürlich kann das Baby auch von einer anderen Person als der Mutter gefüttert werden.

Auf jeden Fall sollte zunächst nur mit wenigen Löffelchen begonnen werden, um weder die Geduld des Kindes noch den Verdauungstrakt zu überfordern. Danach wird wie gewohnt gestillt, bis das Kind satt ist. Mit welcher Gemüsesorte begonnen wird, ist nicht vorgeschrieben. Besonders bewährt haben sich Karotte und Kürbis, sie werden von den meisten Kindern gut vertragen und schmecken recht neutral. Aber Geschmack ist auch bei Babys bereits unterschiedlich.

 

Im Gegensatz zu früheren Empfehlungen wird inzwischen zu einer größeren Vielfalt in der Ernährung bereits in diesem Alter geraten. Das Immunsystem der Kinder soll dadurch frühzeitig Kontakt mit den Allergenen bekommen, auf die es im späteren Leben treffen wird. Dazu gehören auch bei älteren Kindern und Erwachsenen häufig allergierelevante Lebensmittel wie Fisch, Kuhmilchprodukte wie Joghurt und hühnereihaltige Lebensmittel. Bei den hühnereihaltigen Lebensmitteln ist zu beachten, dass diese ausreichend erhitzt (wie in hartgekochtem Hühnerei) oder durchgebacken sind (wie in Hartkeksen, Kuchen, Muffins oder Brot). Nach erfolgreicher Gewöhnung an Hühnerei sollte es in ausreichend erhitzter Form regelmäßig in der Nahrung enthalten sein. Zu den nicht ausreichend erhitzten Formen gehören Rührei, weichgekochtes Ei, Schaumküsse und Makronen. Hier besteht nicht nur die Gefahr mikrobiologischer Infektionen, sondern auch ein stark erhöhtes Risiko für schwere allergische Reaktionen.

Seit ein paar Jahren ist zur Einführung von Beikost anstatt des Fütterns von Brei mit einem Löffel die Baby-led-weaning-Methode (wörtlich: vom Baby geleitete Entwöhnung, Bedeutung: breifreie Beikost) beliebt geworden. Dabei werden anstatt Brei weichgekochte, aber greifbare Nahrungsstückchen gegeben, die das Baby selbstständig greifen, in der Hand behalten und essen darf. Dabei nimmt es am Tisch an den Familienmahlzeiten teil. Das Kind lernt dabei stressfrei den unterschiedlichen Geschmack und die Beschaffenheit der Lebensmittel kennen und trainiert währenddessen seine Feinmotorik sowie die Koordination zwischen Auge, Hand und Mund. Es gibt allerdings auch Kritikpunkte gegenüber diesem Trend: Der größte ist die Gefahr des Verschluckens. Deshalb sollte erst begonnen werden, wenn das Baby selbstständig oder mit leichter Unterstützung sitzen kann. Außerdem darf das Baby während des selbstständigen Essens nie unbeobachtet sein. Es darf auch keine harten Lebensmittel wie Apfelstückchen oder welche mit ungünstiger Form wie Weintrauben bekommen. Ein weiterer Kritikpunkt ist die schwer abzuschätzende Nährstoffzufuhr, da die Menge an tatsächlich gegessener Nahrung nur schwer abgeschätzt werden kann. Besonders kritisch kann dies für die notwendige Eisenzufuhr werden, weil diese ab dem Alter von sechs Monaten nicht mehr ausreichend durch Muttermilch gedeckt werden kann und die kindlichen Eisenspeicher aufgebraucht sein können. Eisenhaltige Lebensmittel sind Fleisch, Fisch und einige Gemüsesorten wie Rote Beete, wobei aus pflanzlichen Lebensmitteln Eisen schlechter resorbiert wird. Nicht zuletzt ist auch der erhöhte Zeitaufwand zu bedenken: Vom punktgenauen Zubereiten der Nahrung für die richtige Konsistenz bis hin zum Putzen des Essplatzes und der bei den meisten Babys erhöhten Menge an Wäsche.

Empfehlungen für Risikokinder

Falls Babys mit Allergikern in der Familie nicht oder nicht ausreichend gestillt werden können, soll eine Säuglingsanfangsnahrung gegeben werden. Für die ersten Lebenstage gilt für alle Säuglinge, dass diese Säuglingsanfangsnahrung aus Aminosäure-Formula (HA-Nahrung) bestehen soll. Darüber, ob im Alter von zwei bis vier Monaten weiterhin keine kuhmilchbasierte Anfangsnahrung gefüttert werden soll, sind die Empfehlungen in Deutschland und der Europäischen Union etwas uneinig. In Deutschland wird eher zur Gabe von Aminosäure-Formula geraten, die für die Europäische Union zuständige Behörde EFSA sieht aufgrund der Datenlage keinen risikoreduzierenden Effekt. Einig ist man sich aber, dass es für verschiedene wie Tiermilcharten wie Schafs-, Stuten- oder Ziegenmilch keine Belege für allergiepräventive Effekte gibt.

Für Säuglingsnahrungen auf Sojabasis gibt es auch keinen allergiepräventiven Effekt. Zusätzlich bestehen hier gesundheitliche Bedenken durch den hohen Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen mit schwach östrogenartiger hormoneller Wirkung. Deshalb wird von der Gabe von sojabasierter Säuglingsnahrung abgeraten. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) rät nur bei besonderer Indikation zu sojabasierter Säuglingsnahrung, zum Beispiel bei Galaktosämie. Dies ist eine angeborene Stoffwechselstörung, bei der der Einfachzucker Galactose nicht ausgeschieden werden kann. Der in Muttermilch und Kuhmilch enthaltene Zweifachzucker Lactose (Milchzucker) wird durch das Enzym Lactase in Glucose und Galactose gespalten und ist deshalb für die betroffenen Kinder nicht verträglich. Soja enthält von Natur aus keine Galactose und ist in diesem Fall sinnvoll, dies hat aber nichts mit Allergieprävention zu tun.

Im Rahmen der Beikostfütterung sind Getreide- und andere pflanzenbasierten Drinks als Ersatz für kuhmilchbasierte Getränke kritisch zu betrachten. Sie enthalten kaum den für das Knochenwachstum notwendigen Mineralstoff Calcium. Er wird zwar in einigen Drinks zusätzlich angereichert, allerdings sind auch der Fett- und Proteingehalt niedriger als in Kuhmilch. Deshalb sollte dies nicht als Ersatz, sondern nur als Ergänzung eingesetzt werden.

Individuelle Empfehlungen für Einzelfälle

Für Familien mit regelmäßigem Erdnusskonsum und Vorliegen einer atopischen Dermatitis beim Säugling sollte gemeinsam mit dem Kinderarzt über die Einführung von Erdnussprodukten in einer altersgerechten Form nachgedacht werden. Dabei soll es sich keineswegs um ganze Erdnüsse oder Stückchen handeln, da diese von den Babys verschluckt und dabei aspiriert werden könnten, also in die Atemwege gelangen und zu lebensbedrohlichen Situationen führen können. Stattdessen könnte Erdnussbutter genommen werden, die regelmäßig dem Brei oder dem Gemüse zugefügt wird. Bei Säuglingen mit moderater oder schwerer atopischer Dermatitis soll vor der häuslichen Einführung erdnusshaltiger Beikost eine bereits bestehende Erdnussallergie ärztlich ausgeschlossen werden.

Nicht nur auf die Ernährung kommt es an

Die S3-Richtlinie zur Primärprävention von Allergien bezieht sich nicht nur auf die Ernährung,

sondern auch auf weiter Bereiche der Lebensführung:

  • Menschen ohne erkennbares erhöhtes Allergierisiko sollen die Haustierhaltung mit Katzen oder Hunden nicht einschränken.
  • Familien mit erhöhtem Allergierisiko sollte von Hundehaltung nicht abgeraten werden. Nach aktuellem Wissensstand reduziert Hundehaltung sogar das Risiko, eine Allergie zu entwickeln
  • Familien mit erhöhtem Allergierisiko oder mit Kindern mit atopischem Ekzem sollten keine Katze neu anschaffen. Eine bereits in der Familie vorhandene Katze kann behalten werden, es sei denn, es liegt bereits eine nachgewiesene Allergie beim Kind vor.
  • Zur Primärprävention sollten keine milbenallergendichte Matratzenüberzüge („encasing“) verwendet werden. Dadurch kann sich das kindliche Immunsystem an eine höhere Biodiversität im Hausstaub gewöhnen. Nur bei bestehender Hausstauballergie ist dies zu empfehlen.
  • Gesunde Säuglingshaut muss nicht täglich mit rückfettenden Produkten eingecremt werden.
  • Schwangere und Kinder sollen von Tabakrauch ferngehalten werden.
  • Ein Schimmelwachstum begünstigendes Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit und schlechter Durchlüftung soll vermieden werden.
  • Innenraumschadstoffe sind zu vermeiden.
  • Kraftfahrzeugbedingte Schadstoffe sollen so weit wie möglich gemieden werden.

Die Autorin versichert, dass keine Interessenkonflikte im Sinne von finanziellen oder persönlichen Beziehungen zu Dritten bestehen, die von den Inhalten dieser Fortbildung positiv oder negativ betroffen sein könnten. 

×