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Heilpflanzen

HÜBSCHER FRÜHLINGSBOTE

Schlüsselblumen beziehungsweise Primeln gehören im Frühling in vielen Gegenden Deutschlands zu den ersten Farbtupfern in der am Anfang des Jahres noch recht farblosen Natur.

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Die Frühblüher sind mehrjährige Stauden aus der Familie der Primelgewächse (Primulaceae), die in einem kurzen, dicken Wurzelstock mit zahlreichen Wurzeln überwintern. Nach ihrer Pflanzengattung Primula sind sie auch unter dem gängigen Synonym Primeln bekannt. Die Bezeichnung Schlüsselblume beruht auf der Ähnlichkeit des Blütenstands mit einem Schlüsselbund, wobei die Blüten den Schlüsselbart und der Blütenstängel das Schlüsselrohr darstellen sollen. Früher war auch der Name Himmelsschlüssel geläufig, da die Blumen der Legende nach den Schlüssel des Apostels Petrus symbolisieren.

Veris und elatior Etwa 500 Arten gehören zu der Gattung Primula, zwei davon werden als Arzneipflanzen genutzt: Die Echte Schlüsselblume (Primula veris L.) und die Hohe Schlüsselblume (Primula elatior L.). Die Echte Schlüsselblume macht mit ihrem frühen Blühbeginn im März ihrem botanischen Namen alle Ehre, denn der Gattungsname leitet sich von lat. prima = die Erste und der Artname von lat. veris = Frühling ab. Daher rührt auch ihr verbreitetes Synonym Frühlings-Schlüsselblume.

Zudem ist sie auch als Wiesen-Schlüsselblume bekannt, da sie vor allem auf Wiesen mit kalkhaltigen Böden in größeren Gruppen zu finden ist. Des Weiteren fühlt sie sich als sonnenliebende Pflanze an Böschungen oder in lichten Mischwäldern wohl. Die nahe verwandte ab April blühende Hohe Schlüsselblume trägt hingegen auch den Namen Wald-Schlüsselblume, was auf ihr häufigen Vorkommen in Laubwäldern mit feuchten, nährstoffreichen Böden zurückzuführen ist.

Dotter- oder schwefelgelb Äußerlich ähneln sich beide Schlüsselblumenarten sehr stark. Die runzeligen, eiförmig länglichen Blätter bilden flache Rosetten, aus deren Mitte sich ein dünner, blattloser Blütenschaft 20 Zentimeter bei der Echten und 30 Zentimeter bei der Hohen Schlüsselblume emporhebt. Er ist wie auch die Blätter samtig behaart. An seinem Ende stehen mehrere Blüten, die zu einer nickenden, einseitswendigen Dolde angeordnet sind.

Bei den bis zu zwei Zentimeter langen Einzelblüten sind die Kelchblätter zu einer Röhre verwachsen, aus der die Blütenkrone mit fünf Lappen hervorgeht. Während die Blütenkrone von Primula veris L. dottergelb mit fünf orangefarbenen Flecken an ihrem Grund ist und einen angenehmen, nach Honig riechenden Duft ausströmt, sind die Blüten der Primular elatior L. schwefelgelb – also heller – und tragen keine Flecken in ihrem Schlund.

Botanische Besonderheit Bemerkenswert ist die Heterostylie der Schlüsselblumen, das heißt das Vorkommen unterschiedlicher Blütentypen innerhalb einer Pflanzenart. So besitzen die Blüten entweder lange oder kurze Griffel mit entgegengesetzt positionierten Staubgefäßen. Auf diese Weise soll der Blütenstaub nicht auf die Narbe der eigenen Blüte fallen und somit eine Fremdbestäubung sichergestellt werden. Schlüsselblumen werden von zahlreichen langrüsseligen Insekten bestäubt, darunter finden sich Schmetterlinge, Hummeln und verschiedene Fliegenarten.

Unter Naturschutz Prinzipiell kann man beiden Schlüsselblumenarten in nahezu ganz Europa begegnen. Allerdings sind sie in Deutschland in freier Natur immer seltener anzutreffen. Intensive Nutzung, Überdüngung und der Umbruch der Flächen zu Ackerland haben in den letzten Jahrzehnten zu einem Rückgang der Primelgewächse geführt. Sie gelten inzwischen nach dem Bundesnaturschutzgesetz als besonders geschützt und dürfen nicht mehr ausgegraben werden.

Alte Einsatzgebiete Sie fehlen im Süden der Mittelmeerländer, weshalb sie wahrscheinlich auch nicht in der Literatur der Antike erwähnt werden. Hingegen spielten sie in der Mythologie der Kelten und Germanen eine Rolle, wo die Schlüsselblume als Zauberpflanze Bestandteil von Hexentränken war. Erst im 12. Jahrhundert gehörte sie zum Arzneischatz damaliger Heilkundler und fand sich in mehreren mittelalterlichen Kräuterbüchern. So empfahl beispielsweise Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) Primula veris gegen die Melancholie.

Und bei Lonicerus (1528 bis 1586) galt sie als ein Hauptmittel gegen Gicht, sollte bei Schlaganfall, Geschwülsten und Wunden wirksam sein und wurde zudem zur Stärkung des Herzens eingesetzt. Die Volksheilkunde schätzte die Schlüsselblume bei Reizbarkeit, Ruhelosigkeit und Angstzuständen. Auch kam sie bei Neuralgien, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zum Einsatz. Später wurde sie vor allem als Hustenmittel gebraucht, was auch ihrem wissenschaftlich anerkannten Einsatzgebiet entspricht.

Schleimlösende Saponin-Droge In der modernen Phytotherapie wird sie aufgrund ihrer kleinen Menge an Triterpensaponinen (0,8 bis 4 Prozent) als Expektorans mit schleimlösenden und auswurffördernden Effekten eingesetzt, meist in Kombination mit anderen Schleimlösern (vor allem Thymian). Verwendet werden sowohl die getrockneten Wurzelstöcke mit ihren langen Wurzeln (Primulae radix, Primelwurzel) als auch die getrockneten Blüten mitsamt den Kelchen (Primulae flos cum calycibus, Schlüsselblumenblüten), wobei beide Drogen von beiden Schlüsselblumenarten gewonnen werden können. Während die Kommission E als Indikation lediglich Katarrhe der Luftwege angibt, sieht die ESCOP zudem noch die chronische Bronchitis als Anwendungsgebiet vor.

Gode Chlond, Apothekerin

Den Artikel finden Sie auch in die PTA IN DER APOTHEKE 09/17 auf Seite 32.

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