Depressionen und Stimmungsschwankungen
20 Minuten
- 1Traurig oder depressiv?
- 2Depression und Hormone
- 3Verlauf und Diagnose
- 4Therapieplanung
- 5Johanniskraut
- 6Antidepressiva
- 7Apotheken als Lotsen
- 8Lernerfolgskontrolle
01. Januar 2026
Episodischer Verlauf
Bei einer Depression ist die schwermütige Gemütslage keine kurzfristige Angelegenheit mehr. Sie dauert vielmehr länger an, unbehandelt meist etwa sechs bis acht Monate. Mit einer adäquaten Therapie lässt sich die Phase auf zwei bis vier Monate reduzieren und in ihrer Symptomatik lindern.
Bei vielen Betroffenen kommt es nach beschwerdefreien Intervallen wiederholt zu depressiven Episoden. Die Intervalle können unterschiedlich lang sein. Bei manchen treten depressive Episoden erst nach Jahren wieder auf, bei anderen können sie sich innerhalb eines Jahres gehäuft einstellen.
In der beschwerdefreien Zeit kann die psychische Gesundheit des Betroffenen komplett wiederhergestellt (vollständige Remission) sein. Aber auch eine unvollständige Genesung (partielle Remission) ist möglich. Dann ist ein Rückfall wahrscheinlicher.
Hält eine depressive Episode länger als zwei Jahre an, liegt eine Chronifizierung vor, die als chronische oder persistierende Depression bezeichnet wird. Etwa zehn bis 15 Prozent der Erkrankten sind davon betroffen.
Unipolar – bipolar
Fachleute bezeichnen eine Depression, bei der sich depressive Episoden mit (nahezu) beschwerdefreien Intervalle abwechseln, als unipolare Depression. Damit grenzen sie diese Form der depressiven Störung von einer bipolaren Störung ab
Eine bipolare Störung ist durch einen ausgeprägten Wechsel extremer Stimmungslagen gekennzeichnet. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, so fasst der Volksmund das Auf und Ab der Gefühle treffend zusammen. Die Betroffenen erleben zwischen den depressiven Episoden Intervalle, in denen sie voller Energie und Tatendrang sind, gepaart mit einer euphorischen Stimmung. Diese kann sich zu Größenwahn und völliger Selbstüberschätzung steigern kann.
In diesen Hochphasen sind die Betroffenen ruhelos und unkontrolliert antriebsgesteigert. Deshalb spricht man von manischen Phasen (griech. Manie = Wut, Wahnsinn, Raserei). Die bipolare Störung ist auch unter dem Begriff manisch-depressive Erkrankung bekannt ist.
Es gibt verschiedene Arten der bipolaren Störung, die sich nach Art und Häufigkeit der Phasen unterscheiden. Betroffene vom Typ Bipolar I leiden unter schweren manischen und depressiven Phasen. Betroffene vom Typ II neigen eher zu depressiven Phasen, die manischen Intervalle sind stark abgeschwächt. Daneben existieren die Formen Rapid Cycling und Ultra Rapid Cycling. Bei der ersten Form treten mehr als vier Krankheitsphasen pro Jahr auf. Bei der zweiten ist es möglich, dass innerhalb von Tagen oder Stunden – quasi über Nacht – die Stimmung wechselt.
Volkskrankheit Depression
Die unipolare Depression ist hierzulande die häufigste psychische Erkrankung. In Deutschland tritt bei etwa jedem achten Erwachsenen im Laufe des Lebens eine depressive Episode auf. Bundesweit leiden derzeit rund sechs Millionen Menschen an einer Depression, wobei man – vor allem beim männlichen Geschlecht – von einer hohen Dunkelziffer ausgeht.
Eine unipolare Depression muss unbedingt therapiert werden, da depressive Störungen die häufigste psychische Ursache für Suizide sind.
Bei Frauen werden Depression doppelt so oft wie bei Männern diagnostiziert. Frauen erkranken häufiger in jungen Jahren, im höheren Lebensalter gleicht sich die Prävalenz beider Geschlechter an. Bei der älteren Generation zählen Depressionen neben demenziellen Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter (Altersdepression).
Prinzipiell kann jeder an einer Depression erkranken. Ob eine Depression tatsächlich ausbricht, unterliegt nicht-steuerbaren Einflüssen. Man geht heute davon aus, dass es sich um eine multikausale Erkrankung handelt, bei der ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu einer Depression führt. Meistens gibt es nicht nur eine Ursache, sondern es kommen mehrere Dinge zusammen.
Dabei scheint eine genetische Disposition eine grundlegende Rolle zu spielen, obgleich nicht alle mit einem risikobehafteten Erbgut an einer Depression erkranken müssen. Zum einen scheinen resiliente Menschen besser vor einem Ausbruch geschützt zu sein. Zum anderen müssen weitere Faktoren für einen Ausbruch einer depressiven Störung hinzukommen. Dazu zählen beispielsweise äußere Belastungssituationen wie Schicksalsschläge (z. B. Tod eines Angehörigen, Trennung vom Partner, Beziehungskrisen) oder besondere Lebensereignisse (z. B. Eintritt ins Berufsleben/Rentenalter, Familiengründung, Geburt eines Kindes).
Auch Mobbing, Erniedrigung, Gewalt, Misshandlung oder Missbrauch können ebenso wie anhaltende Stresssituationen, Überforderung oder Einsamkeit Auslöser sein. Ebenso treten Depressionen bei neurologischen Erkrankungen (z. B. Epilepsie, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Demenz), entzündlichen Darmerkrankungen, Tumorerkrankungen oder kardiovaskulären Ereignissen häufiger ein.
Schließlich können Depressionen auch eine pharmakogene Ursache haben: Dann sind sie Nebenwirkung bestimmter Arzneimittel wie Opiate, Neuroleptika oder Betablocker.
Körperlich-psychisch im Wechselspiel
Zu beachten ist, dass körperliche sowie psychische Erkrankungen mit depressiven Störungen in einem Wechselspiel stehen. Depressionen entwickeln sich nicht nur aufgrund von anderen Grundleiden. Es ist bekannt, dass depressive Menschen umgekehrt beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder für die Manifestation einer Demenz haben.
Diagnose Depression
Wichtig ist, eine depressive Episode rasch zu erkennen. In den meisten Fällen ist sie dann gut behandelbar. Zudem lässt sich mit einer frühzeitig eingeleiteten Therapie einer Chronifizierung entgegenwirken. Erste Hinweise darauf, ob wirklich eine behandlungsbedürftige depressive Störung vorliegt, kann ein einfacher „Zwei-Fragen-Tests“ liefern, den die Patientenleitlinie Unipolare Depression aufführt:
- Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig bedrückt oder hoffnungslos?
- Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?
Die zwei Fragen eignen sich auch für das Beratungsgespräch in der Apotheke. Beantwortet der Kunde beide Fragen mit „Ja“, sollte er an den Arzt oder Psychotherapeuten verwiesen werden.
Fachleute können mithilfe weiterer Verfahren dem Verdacht auf eine Depression genauer auf den Grund gehen und ihn gegebenenfalls bestätigen. Dafür kommt eine Diagnostik nach den Kriterien des Diagnosemanuals ICD-11 zum Einsatz (International Classification of Diseases, 11. Fassung) und in Ergänzung dazu verschiedene Fragebögen und Skalen (z. B. WHO-5-Fragebogen, Hamilton-Depressionsskala, Montgomery-Asperg-Depressionsskala).
Nationale Versorgungsleitlinie
Eine Orientierungs- und Entscheidungshilfe für die Diagnostik und Therapie der unipolaren Depression liefert die nationale Versorgungsleitlinie (NVL). Sie ist von der Bundesärztekammer (BÄK) in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften wie der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker (AMK) 2022 in ihrer dritten Auflage neu überarbeitet und veröffentlicht worden.
Neue Prioritäten
In der NVL wird bei der Diagnosefindung die Lotsenstellung der Apotheke hervorgehoben. Die aktualisierte Fassung sieht modifizierte Kriterien zur Diagnosestellung vor. Bei der Therapie gewinnt die Psychotherapie an Bedeutung, die medikamentöse Behandlung hat nicht immer erste Priorität. Ergänzend werden digitale Angebote berücksichtigt.
Für die Diagnosestellung legt die aktuelle Version der NVL die Kriterien des Diagnosemanuals ICD-11 zugrunde. Die Leitsymptome einer depressiven Episode fasst sie in drei verschiedene Bereiche zusammen. Dazu zählen:
1. Affektives Cluster mit den Leitsymptomen
- Gedrückte, depressive Verstimmung
- Interessenverlust, Freudlosigkeit
2. Kognitives Cluster
- Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
- Hoffnungslosigkeit
- Wiederkehrende Gedanken an den Tod, Suizidgedanken/-handlungen
3. Neurovegetatives Cluster
- Schlafstörungen
- Signifikant verminderter oder erhöhter Appetit
- Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung
- Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit
Für die Diagnose einer depressiven Episode sind fünf Leitsymptome notwendig. Dabei muss mindestens ein Symptom aus dem affektiven Cluster vorliegen.
Schweregrade
Die Einstufung in verschiedene Schweregrade (leichte depressive Episode, mittelgradige und schwere Depression) erfolgt nicht mehr wie früher allein nach der Summe der Symptome. Vielmehr spielen heutzutage auch deren Intensität und der Grad der Funktionseinschränkung sowie psychosoziale Folgen für den Patienten (z. B. im Sozial- und Arbeitsleben) eine Rolle.











