Adipositas-Therapie: Zu Spritzen und Tabletten beraten
7 Minuten 50 Punkte
- 1Lernziele
- 2Adipositas: Was steckt dahinter?
- 3Sensibel beraten
- 4Semaglutid und Tirzepatid
- 5Beratung am HV-Tisch
- 6Abschlussquiz
01. Mai 2027
Mehr als ein paar Kilo zu viel
Adipositas ist nicht bloß eine Frage der Körperform – sie ist eine anerkannte chronische Erkrankung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert sie als eigenständige Krankheit, und auch der Deutsche Bundestag hat Adipositas längst als behandlungsbedürftige Erkrankung anerkannt. Im ICD-10 trägt sie den Diagnoseschlüssel E66.
In Deutschland sind 19 Prozent der Erwachsenen betroffen, über die Hälfte bringt mehr als Normalgewicht auf die Waage. Der Body-Mass-Index (BMI) dient als grober Anhaltspunkt:
💉 BMI 18,5–24,9: Normalgewicht
💉 BMI 25–29,9: Übergewicht
💉 BMI ab 30: Adipositas
Adipositas wird zusätzlich in drei Schweregrade unterteilt:
💉 Grad I: BMI 30–34,9
💉 Grad II: BMI 35–39,9
💉 Grad III: BMI ab 40
Der BMI: nützlich, aber begrenzt
Der BMI wurde als statistische Kenngröße. Die Formel berücksichtigt weder Geschlecht, oder Ethnie noch Fettverteilung und Fitness. Andere Kennzahlen wie das Taillen-Größen-Verhältnis beziehen zumindest das metabolisch aktive Bauchfett mit ein.
Nicht jeder Mensch mit einem BMI über 30 ist automatisch krank. Zwischen 15 und 30 Prozent der Menschen mit Adipositas sind stoffwechselgesund. Umgekehrt können schon bei einem BMI ab 27 Blutzucker, Blutfette und Blutdruck bedenklich erhöht sein. Entscheidend ist das individuelle Risikoprofil. Besonders problematisch ist das viszerale Fett rund um die Bauchorgane. Es ist metabolisch und entzündlich aktiv und produziert Signalstoffe, die sogenannten Adipokine.
Nicht einfach weniger essen
„Iss einfach weniger, dann wird das schon“ – diesen Satz hören Menschen mit Adipositas ständig. Doch Ursachen – und Abnehmen – sind weit komplexer als eine simple Energiebilanz. Genetik, Hormone, Gehirnstoffwechsel, Medikamente und psychische Faktoren spielen zusammen.
Gene und Stoffwechsel
Zu etwa 60 Prozent sind die Erbanlagen dafür verantwortlich, dass jemand Übergewicht entwickelt – einige Zwillingsstudien legen sogar 70 Prozent nahe. Rund 2,1 Millionen Genvarianten an 100 Genabschnitten beeinflussen das Körpergewicht. Das FTO-Gen etwa reguliert, ob Fettzellen Fett speichern oder verbrennen. Eine Mutation am Melanocortin-4-Rezeptor-Gen kann bei einem 1,80 Meter großen Mann zu durchschnittlich 13 Kilogramm Mehrgewicht führen.
Hungriges Hirn
Im Stammhirn sind Hunger- und Sättigungssignale fest verdrahtet – wir können sie kaum willentlich steuern. Bei Menschen mit Adipositas sind zudem weniger Rezeptoren für körpereigene Opioide und Cannabinoide vorhanden. Vermutlich essen sie mehr, um eine ausreichende Belohnungsreaktion zu erzeugen. Auch die Insulinwirkung im Zentralnervensystem, die am Sättigungsgefühl beteiligt ist, kann gestört sein.
Stress und Schlaf
Chronischer Stress lässt den Cortisolspiegel steigen. Cortisol senkt den Energieumsatz und fördert gleichzeitig Heißhunger – ein Teufelskreis. Bereits fünf Nächte mit nur vier Stunden Schlaf führten in einer Studie zur Gewichtszunahme. Langfristig können solche Umweltfaktoren sogar das Erbgut verändern: Durch epigenetische Mechanismen schreibt der Körper einen katabolen Stoffwechsel in die Gene ein.
Medikamente als Auslöser
Auch Arzneimittel können eine Gewichtszunahme begünstigen – darunter Glucocorticoide, bestimmte Antipsychotika wie Olanzapin und Clozapin sowie Antidepressiva wie Mirtazapin oder Amitriptylin.
Beratungstipp: Wenn Kund*innen über eine Gewichtszunahme klagen, fragen Sie auch nach der aktuellen Medikation. Manche Arzneimittel können das Gewicht steigen lassen – ein Hinweis an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt kann sinnvoll sein.
Frage: Ab welchem BMI spricht man laut WHO-Klassifikation von Adipositas?
A. Ab BMI 25
B. Ab BMI 30
C. Ab BMI 35











