Viren und eine Hand
Unser Immunsystem bietet Schutz vor einer erneuten Ansteckung mit dem Coronavirus – aber wie lange? © peterschreiber.media / iStock / Getty Images Plus

Immunität | Ausweis

WIRD MAN IMMUN GEGEN CORONA UND WENN JA: WIE?

Unsicherheit macht sich breit: Verschwinden die Antikörper gegen SARS-CoV-2 in Rekordgeschwindigkeit wieder aus unserem Blut? Oder wehrt sich der Körper auf ganz andere Weise gegen eine erneute Infektion?

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Immer wieder geistert es durch die Fachmedien: Menschen mit durchlittener SARS-CoV-2-Infektion zeigen schon bald keine messbaren Antikörper mehr im Blut; besonders bei denjenigen, die nur schwache Symptome gezeigt haben. Heißt das, dass sie ein zweites Mal erkranken können? Bedeutet das, dass es eine Impfung niemals geben wird? Und sind Immunitätsausweise daher sinnlos?

Zur Beantwortung dieser Frage muss man tiefer in das Thema Immunantwort einsteigen. Normalerweise ist das Vorhandensein typischer Antikörper ein guter Hinweis auf eine durchgemachte Infektion. Doch bei Covid-19 scheint das anders zu sein. Das Lübecker Gesundheitsamt belegte, dass bei 30 Prozent (von 110 Patienten) mit nur mäßigen Symptomen keine Antikörper mehr gefunden wurden. Und Forscher aus China publizierten im Fachjournal „Nature Medicine“, dass bei Infizierten ohne Symptome die Antikörper-Konzentration im Blut bereits nach kurzer Zeit deutlich sank. Innerhalb von acht Wochen wurden 40 Prozent der Menschen ohne Krankheitszeichen seronegativ für IgG-Antikörper. In der Gruppe der Symptomatischen war dies nur bei 12,9 Prozent der Fall. Solche Studien lassen natürlich die Aussagekraft von Antikörper-Massentests, die das Ausmaß der Corona-Infektionswelle in der Bevölkerung klären sollen, fraglich erscheinen, zumal die Tests selbst erwiesenermaßen noch recht ungenau sind.

Wenn wir mit leichten Waffen antworten können, brauchen wir keine schweren Geschütze aufzufahren.

Experten wie Dr. Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin oder Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, sehen daher die Einführung so genannter Immunitätspässe skeptisch. Denn man wisse ja noch gar nicht genau, welche Korrelate für den Impfschutz hier zuträfen. Wenige Viren im Hals- und Rachenbereich genügten wahrscheinlich nicht, um eine große Antikörper-Antwort oder T-Zellen-Immunität auszulösen, mutmaßt Jacobs. Für das Immunsystem sei diese angepasste Reaktion durchaus sinnvoll, da wir im Alltag ständig Pathogenen ausgesetzt seien: „Wenn wir mit leichten Waffen antworten können, brauchen wir keine schweren Geschütze aufzufahren.“ Bei Covid-19-Erkrankungen mit schwereren Symptomen werde indes vermutlich ein längerfristiger Schutz aufgebaut.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass es verschiedene Mechanismen gibt, die eine Immunantwort im Körper bewirken. Neben den Antikörper-bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger nämlich genauso wichtig sein. Denn außer Antikörpern ist da noch die zelluläre Immunantwort. Welcher nun genau für Covid-19 zutrifft, gilt es ehrauszufinden.

T-Zellen haben das Potential, ein Gedächtnis auszubilden und dann länger zu bestehen, erklärt Professor Stephan Becker, Direktor des Institutes für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Wenn die Antikörpertiter nach der Infektion abnehmen, dann bedeute das nicht, dass bei einem erneuten Kontakt mit dem SARS-Coronavirus überhaupt keine Immunantwort mehr da sei. Die Zellen könnten sehr rasch reaktiviert werden.

Und hier steckt vielleicht auch des Rätsels Lösung, warum manche Menschen, die die Erkrankung nie durchgemacht haben, scheinbar immun gegen Corona sind. Studien aus den USA und Deutschland belegen, dass bis zu 30 Prozent dieser Menschen bestimmte T-Zellen haben, die auf das Virus reagierten. „Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren – also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen. Ein solcher Kontakt könnte eine Teil-Immunität gegen Covid-19 bieten“, erklärt Jacobs.

Also richtet man die Aufmerksamkeit verstärkt auf T-Zelltests, wie Professor Leif-Erik Sander von der Charité-Universitätsmedizin Berlin bestätigt: „Diese Tests sind aber sehr aufwendig, sodass sie nicht in einem Surveillance-Maßstab durchzuführen sind“. Eine Immunität auf Bevölkerungsebene lasse sich auch mit diesem nicht untersuchen.

Verständlich, dass die Experten also von den geplanten Immunitätsausweisen nichts halten. Derzeit sei die Wissenschaft einfach nicht in der Lage, mit irgendeinem Nachweisverfahren für ein Individuum festzustellen, ob es immun gegenüber einer Infektion ist oder nicht, heißt es ziemlich einstimmig.

Alexandra Regner,
PTA und Journalistin

Quelle: Pharmazeutische Zeitung

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