An der Spanischen Grippe starben mehr Menschen als in allen Weltkriegen zusammen. ©subbotina / 123rf.com

Pandemie

SPANISCHE GRIPPE WÜTETE WELTWEIT

Die Spanische Grippe, die 1918 rund um den Globus auftrat, gilt als schlimmste Pandemie der Moderne. Genau 100 Jahre ist es her, dass diese Influenza vom Typ A in Kansas (USA) ihren Anfang nahm.

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Jedenfalls vermuten das moderne Quellen, unter anderem die Forschungen des australischen Medizin-Nobelpreisträgers Frank Macfarlane Burnet. Zu Beginn des Jahres 1918 fällt dem amerikanischen Landarzt Loring Miner auf, dass eine stattliche Anzahl seiner Patienten an ungewöhnlich heftigen Grippesymptomen erkrankt. Er informiert beunruhigt die staatliche Gesundheitsbehörde und bittet um Unterstützung. Doch die Beamten reagieren nicht.

Hätten sie doch! Dann hätten sie vielleicht verhindern können, dass ein infizierter Koch in einem militärischen Ausbildungslager eine Kettenreaktion in Gang setzt. Ende März sind in Amerika bereits die ersten Todesfälle zu beklagen; 90 Prozent der auf kleinem Raum zusammengepferchten Rekruten sind da bereits erkrankt.

Doch die Welt hat 1918 anderes zu tun als Grippekranke zu zählen. Der Erste Weltkrieg ist noch im Gange und unglücklicherweise verhelfen die Truppenbewegungen dem Virus (das von den zeitgenössischen Ärzten noch als Bakterium angesehen wird) zu außergewöhnlicher Mobilität. Im April erreicht die Grippe Paris, kurz danach Großbritannien, dann Indien. China, Neuseeland und im Juni auch Deutschland, springt dann auf Holland und Skandinavien über.

Die Symptome sind immer die gleichen: Ein heftig und sehr schnell einsetzendes Krankheitsgefühl, Husten, Niesen, Luftnot, Fieber. Häufig erkranken die Menschen an einer Lungenentzündung, die auch in den meisten Fällen für ihren Tod sorgt. Charakteristisch ist auch die bläulich-schwarze Verfärbung der Haut, die vom Sauerstoffmangel herrührt. Auffallend hoch ist die Letalität bei der Altersgruppe der zwischen 20- und 40-Jährigen – während sonst der Influenza meist sehr junge und sehr alte Menschen zum Opfer fallen. Und sie sterben plötzlich: „Morgens krank, abends tot; abends krank, morgens tot“ zitiert der Arzt und Autor Wilfried Witte ein zeitgenössisches Sprichwort.

Ende Mai erkrankt auch der spanische König Alfons XIII. Von dort gelangt die Nachricht in alle Welt und die Pandemie erhält den Namen „Spanische Grippe“. Sie flaut zunächst ab und kommt dann in einer erneuten Welle im Herbst 1918 wieder. Diesmal übertrifft sie alles zuvor Dagewesene. 25 bis 50 Millionen Menschen fallen ihr zum Opfer, das ist mehr als alle Toten des Weltkrieges zusammen. In den Leichenhallen stapeln sich buchstäblich die Toten; Schreiner kommen mit der Herstellung von Särgen nicht mehr nach; Priester verteilen die Sterbesakramente auf offener Straße. Ganze Ortschaften werden ausgelöscht, besonders in entlegenen Gebieten.

In New York steht das Spucken auf die Straße unter Strafe (immerhin 500 Menschen werden verhaftet); Straßenbahnschaffner weigern sich, Passagiere ohne Mundschutz mitzunehmen. Es gibt 1918 noch keine intensivmedizinische Betreuung und auch Antibiotika sind noch nicht erfunden. Sie hätten zwar nicht gegen das Virus geholfen, aber gegen bakterielle Zweitinfektionen, die häufig dazukamen. Der Verlauf einer solchen Pandemie sei „heute nicht vorstellbar“ meint deshalb auch das Robert-Koch-Institut. Erst im Frühjahr 1919 flaut die Spanische Grippe ab.

Inzwischen hat man das Virus genau klassifiziert und seine Geheimnisse gelüftet. Es handelt sich um einen Abkömmling des Influenzavirus H1N1 vom Typ A, einem Vogelgrippevirus, das unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie auf den Menschen übergesprungen war. Von ungewöhnlicher Virulenz, besteht die Vermutung, dass es mit einer 30 Jahre vorher kursierenden Grippeart verwandt ist und dass deswegen ausgerechnet die Altersgruppe der bis zu 40-Jährigen erwischt hatte – wohingegen die Älteren immun gegen die tödlichen Folgen waren. Eine andere wissenschaftliche Theorie besagt, dass das Virus von 1918 eine übermäßige Zytokin-Aktivität aufwies, was eine Überreaktion des Immunsystems zur Folge hatte.

20- bis 40-Jährige verfügen über ein besonders starkes und aktives Immunsystem, was ihnen in diesem Fall zum Nachteil gereichte. Das im Labor rekonstruierte Virus zeigte sich besonders im Epithelgewebe der Bronchien äußerst vermehrungsfreudig, was den häufigen hämorrhagischen Befall der Lungen erklärt. Geschwächt von den Folgen des Krieges, geplagt von der damals noch nicht behandelbaren Tuberkulose waren die Menschen in Europa schlecht ausgerüstet gegen eine solche schwere Infektionskrankheit.

„Genau die gleiche Situation wie 1918 wird so nicht mehr passieren“, sagt die Grippe-Expertin vom Robert-Koch-Institut, Silke Buda. Neben der Tatsache, dass man die aktuellen Viren-Abkömmlinge im Blick behalte, gebe es heute Impfstoffe – und Antibiotika gegen die Folgeerkrankungen. Allenfalls die globale Reisetätigkeit gereiche dem Virus zum Vorteil; ihre Verbreitung geschehe dann noch schneller als im Frühjahr 1918. Übrigens: Ein Subtyp von H1N1 machte 2009 Furore – als vergleichsweise harmlose „Schweinegrippen“-Pandemie.

Alexandra Regner
PTA/Redaktion

Quelle: www.spiegel.de
   www.n-tv.de

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