Darm ohne Charme

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Wer unter gluteninduzierter Enteropathie leidet, muss sich ein Leben lang glutenfrei ernähren. Nur durch eine konsequente Diät lassen sich die krankheitsbedingten Entzündungsprozesse im Dünndarm stoppen.

Zöliakie ist ein tückisches Leiden, das Patienten aller Altersgruppen treffen kann. Sehr oft tritt die chronische Erkrankung, die auf einer Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten beruht, bereits im Säuglingsalter auf. Nämlich dann, wenn nach den ersten Lebensmonaten glutenhaltige Nahrung – etwa in Form von Grieß- oder Vollkornbrei – auf Babys Speiseplan steht. Durchfälle, Erbrechen, ein aufgeblähter Leib, Appetitlosigkeit und Gedeihstörungen mit Gewichtsstillstand oder -abnahme sind bei den Jüngsten häufige Symptome einer Zöliakie.

Je älter Kinder bei Erkrankungsbeginn sind, umso öfter verläuft bei ihnen die Nahrungsmittelunverträglichkeit aber auch ohne die klassischen Symptome. Selbst Durchfall muss längst nicht immer auftreten, was die Diagnose erschwert. Auch im Erwachsenenalter zeigen sich die klassischen Beschwerden wie Durchfall, Gewichtsverlust und fettige Stühle nur bei einigen Patienten. Andere klagen über Knochenschmerzen, Muskelschwäche, Müdigkeit, Appetitlosigkeit oder auch ständigen Hunger, leiden unter Eiweiß-, Vitaminmangel, Migräne, Depressionen oder Menstruationsstörungen.

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen, wird die Zöliakie von Medizinern auch als „Chamäleon der Gastroenterologie“ bezeichnet. Mindestens vier von 1000 Menschen haben hierzulande eine Zöliakie. Bei dieser genetisch bedingten Autoimmunkrankheit kommt es, ausgelöst durch das Klebereiweiß Gluten in Getreideprodukten, zu einer Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Als Folge daraus bilden sich die Dünndarmzotten zurück, wodurch wichtige Nährstoffe nicht mehr ausreichend resorbiert werden können. Das erklärt, warum Zöliakie Mangelerscheinungen mit sich bringt.

Unklar sind bis heute die genauen Ursachen, die zu einer Glutenunverträglichkeit führen. Neben der genetischen Veranlagung scheinen auch äußere Umweltfaktoren eine Rolle zu spielen. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zöliakie zusammen mit anderen Autoimmunkrankheiten auftreten kann, etwa mit Typ-1-Diabetes und autoimmuner Schilddrüsenentzündung. Aber auch unklare Leberwerterhöhungen, rheumatische Beschwerden, eine leichte Blutarmut oder Osteoporose sind häufig mit einer Zöliakie verbunden. Viele Zöliakie-Patienten vertragen zudem keine Laktose.

Rechtzeitig erkennen Eine möglichst frühzeitige Diagnose und Behandlung ist enorm wichtig, um Mangelerscheinungen und teilweise gefährliche Folgeerkrankungen zu verhindern. Bei Verdacht auf eine Glutenunverträglichkeit wird der Arzt zunächst eine Blutuntersuchung durchführen, um bestimmte Antikörper nachzuweisen. Gefahndet wird dabei unter anderem nach Autoantikörpern gegen das Enzym Gewebetransglutaminase, was auf eine Erkrankung hinweist.

STRENGE KÜCHENHYGIENE
Auch bei der Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln gibt es einiges zu beachten. Essen andere Familienmitglieder im Haushalt glutenhaltig, muss streng darauf geachtet werden, dass die glutenfreie Kost nicht kontaminiert wird. Allein der Brotkrümel im Toaster oder Panadereste in der Fritteuse können einen gravierenden Diätfehler zur Folge haben. Die Beispiele zeigen, dass an die Küchenhygiene sehr hohe Anforderungen gestellt werden. Unerlässlich ist es beispielsweise,
glutenhaltige und -freie Lebensmittel streng getrennt zu lagern sowie Arbeitsflächen und -geräte gründlich zu säubern.

Der Antikörper-Nachweis reicht allein jedoch nicht für eine endgültige Diagnose. Gesichert wird sie durch eine Gewebeuntersuchung des Dünndarms (Biopsie). Die entnommenen Gewebeproben werden auf Veränderungen der Dünndarmschleimhaut untersucht und anhand der sogenannten Marsh- Kriterien beurteilt: Marsh 0 entspricht der normalen Dünndarmschleimhaut ohne Auffälligkeiten; Marsh 3 kennzeichnet schwerwiegende Schleimhautläsionen mit einer teilweisen (3a) bis vollständigen (3c) Rückbildung der Dünndarmzotten. Seit 2014 steht eine neue Leitlinie „Zöliakie“ der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten zur Verfügung, die Ärzten helfen soll, die Autoimmunkrankheit in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen besser zu identifizieren.

Glutenfrei essen Steht die Diagnose „Zöliakie“ fest, hilft nur eines: eine streng glutenfreie Ernährung – und das ein Leben lang. Denn heilbar ist eine Glutenunverträglichkeit nicht. Wird die Ernährung jedoch ganz konsequent umgestellt, regeneriert sich die entzündete Dünndarmschleimhaut meist rasch wieder und das Risiko für Folgeerkrankungen sinkt. Doch schon die geringsten Glutenmengen können neue Entzündungsprozesse nach sich ziehen.

Für Betroffene bedeutet das: Die Diagnose „Zöliakie“ ist mit einer umfangreichen Ernährungsumstellung verbunden. Denn das Klebereiweiß Gluten ist in zahlreichen Getreidesorten und daraus hergestellten Lebensmitteln enthalten, die vom Speiseplan gestrichen werden müssen. Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer, Gerste, Grünkern und Urkornarten wie Einkorn und Kamut gehören dazu – und somit auch Mehl, Grieß, Paniermehl, Teigwaren, Brot, paniertes Fleisch, Pizza, Kuchen, Bier, Salzstangen und, und, und.

Und damit nicht genug: Auch in unzähligen Fertigprodukten ist Gluten als Hilfsstoff zu finden, etwa in Fischkonserven, Wurstwaren und Fertigsuppen. Der Grund: Das Kleberweiß verfügt über hervorragende Gelier-, Binde- und Emulgiereigenschaften, was es für die Lebensmittel-Hersteller wertvoll macht. Glutenfrei und für Zöliakie-Patienten unproblematisch sind hingegen Getreidearten wie Mais, Reis, Hirse, Amaranth und Buchweizen. Auch viele andere Nahrungsmittel enthalten von Natur aus kein Gluten, zum Beispiel Kartoffeln, Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Milch und zahlreiche Milchprodukte.

Seit vielen Jahren besteht eine Deklarationspflicht für glutenhaltige Lebensmittel. Weisen Lebensmittel einen Glutengehalt von höchstens 20 Milligramm je Kilogramm (= 20 ppm) auf, können sie mit der Bezeichnung „glutenfrei“ versehen werden. Die durchgestrichene Ähre, die auf vielen verpackten Lebensmitteln zu finden ist, ist das international anerkannte Symbol für glutenfreie Kost. Sie erleichtert Zöliakie-Patienten den täglichen Einkauf. Wichtig zu wissen ist, dass auch Medikamente und Kosmetika Gluten enthalten können. Ausführliche Informationen und aktuelle Aufstellungen über glutenfreie Lebensmittel und Medikamente hält die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (www.dzg-online.de) bereit.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 11/15 ab Seite 100.

Andrea Neuen-Biesold, Freie Journalistin

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