Die Sache mit den Gurken

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Keine Beleidigungen oder Stigmatisierungen mehr – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert, dass die Namen neu auftretender Krankheiten ab sofort neutral klingen müssen.

Ab dem Frühjahr 1967 versetzte ein unbekanntes hämorrhagisches Fieber die Einwohner des idyllischen Universitätsstädtchens Marburg an der Lahn in Angst und Schrecken. Vier Mitarbeiter der dort ansässigen Behring-Werke, eines Pharma-Unternehmens, das unter anderem Impfstoffe herstellte, meldeten sich mit Grippe-Symptomen krank. Einige Tage später sind sie tot: qualvoll gestorben an inneren Blutungen, da ihr Gewebe sich regelrecht aufgelöst hatte.

Die fieberhafte Suche nach der Ursache ergibt schließlich, dass die neuartige Krankheit in Form eines stäbchenartigen Erregers von der Affenart übertragen wurde, die man zur Gewinnung des Polio-Impfstoffes nutzte: 700 Grüne Meerkatzen aus dem Versuchslabor wurden auf der Stelle eingeschläfert, damit so etwas nicht wieder passieren konnte. Und die Krankheit hatte ihren Namen weg: Sie heißt bis heute Marburg-Virus.

Vorsicht, Falle! Jedesmal, wenn eine neue Krankheit auftritt, muss sie einen Namen bekommen. Und dabei sollte die namensgebende Gruppe lieber vorsichtig sein: Das Hendra-Virus ließ 1994 in Australien im gleichnamigen Ort die Haus- und Grundstückspreise fallen. Er war dort erstmals auf einer Pferdefarm entdeckt worden. Und wer weiß noch, dass AIDS um den Zeitpunkt ihrer Entdeckung als gay-related immunodeficiency betitelt worden war? Diese Bezeichnung zumindest konnte noch geändert werden.

Denn das Problem ist: Hat der Name erst einmal Eingang in die sozialen Netzwerke gefunden, ist er schwer wieder aus den Köpfen herauszubekommen. Deshalb hat die WHO die Arbeitsgruppe „International Classification of Diseases“ (ICD) gegründet und empfiehlt, Krankheiten nach Symptomen, Auslösern oder der Verbreitungsart zu benennen. Also: Keine Orte, Bevölkerungsgruppen, keine Tiere, keine Worte wie „unbekannt“ oder „tödlich“ als Namensbestandteil. Dann lieber „Creutzfeld-Jakob-Krankheit“ nach seinem Entdecker oder „Malaria“, das heißt „Schlechte Luft“.

Korrekt, aber dröge Doch am liebsten wären den Wissenschaftlern Namen wie Filovirus-assoziiertes hämorrhagisches Fieber zwei (für Ebola) und Filovirus-assoziiertes Fieber eins (für Marburg). „Das wird mit Sicherheit zu langweiligen Namen und viel Verwirrung führen“, ahnt Linfa Wang, ein Spezialist für neue Infektionskrankheiten, den Kai Kupferschmidt von der Süddeutschen Zeitung für diesen Zweck interviewt hat.

AUFGABE DER WHO
Die Weltgesundheitsorganisation koordiniert unter anderem die Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten und gibt Epidemiewarnstufen heraus. Sie erstellt außerdem jährlich den Weltgesundheitsbericht.

Die „Schweinegrippe“ (eigentlich H1N1-Virus) beispielsweise hat unzähligen Schweinen das Leben gekostet. Es kam zu Massenschlachtungen, als bekannt wurde, dass das Virus erstmals bei dieser Tierart aufgetreten war. Allerdings konnten die Tiere es gar nicht auf den Menschen übertragen, sondern es funktionierte nur umgekehrt. Doch das ging in der allgemeinen – auch von den Medien geschürten – Panik unter.

Sprossen statt Gurke Oft werden trotz wissenschaftlich korrekter Schreibweise aberwitzige Ereignisse in Gang gesetzt. Als im Frühjahr 2011 das EHEC-Virus mit der Komplikation HUS die Runde machte (Enterohämorrhagischer Escherichia-coli-Erreger mit hämolytisch-urämischem Syndrom), kannte noch niemand den Auslöser. Und da alle Erkrankten vorher einen Salat mit Gurken gegessen hatten und diese unglücklicherweise aus Spanien importiert worden waren, wurden in Deutschland ganze Wagenladungen spanischer Gurken vernichtet.

Das führte zu ernsthaften Irritationen in den Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. Wie sich dann herausstellte, waren es gar nicht die Gurken – sondern die Sprossenzüchtungen eines Anzuchtbetriebes in Bienenbüttel bei Lübeck, der daraufhin erst einmal seine Schotten dicht machen musste. Doch da waren Import- und Exporthandel mit Teilen der iberischen Halbinsel bereits ein wenig in Schieflage geraten.

Dabei hatten die Spanier sich wohl noch immer nicht vom Ausdruck „Spanische Grippe“ erholt; ein Etikett, das bis heute der schlimmsten Grippe-Epidemie der vergangenen hundert Jahre anhaftet. Genau deshalb taufte die WHO 2002 eine ähnliche Erkrankung nicht „Chinesische Grippe“, sondern SARS (severe acute respiratory syndrome).

Stigmatisierend In England heißen die Masern bis heute „german measles“, mit der „Englischen Krankheit“ bezeichneten unsere Altvorderen hingegen die Rachitis. Die Syphilis hat auch den Beinamen „Franzosenkrankheit“ – wobei bei den Geschlechtskrankheiten immer der Hang bestand, die Benennung jeweils „anderen“ Ländern zuzuschieben (sie hieß in Russland die „Polnische Krankheit“, in Polen wiederum die „Deutsche Krankheit“.)

Auch Professionen waren nicht sicher: Die Legionärskrankheit, übertragen durch die Klimaanlage eines Hotels, verunglimpfte gleich einen ganzen Berufsstand. So übrigens auch die „Schweinehüterkrankheit“ und die „Erbsenpflückerkrankheit“, die 1967 kurzzeitig mit dem „Marburg-Virus“ in Zusammenhang gebracht wurden.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/15 ab Seite 110.

Alexandra Regner, PTA und Journalistin

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