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Über das Sterben Franz Kafkas

© Státní archiv v Praze / Franz Kafka, ca. 1917

Letztlich wurde der Schriftsteller Opfer der Tuberkulose. Doch seine Krankengeschichte war vielschichtiger. Geprägt von einer „Karriere“ als Hypochonder, der von vielen Ärzten ebenso vergeblich wie einträglich behandelt wurde.

Wer durfte beziehungsweise musste nicht in der Schule die Werke des „Junggesellen der Weltliteratur“ Franz Kafka lesen? Tragisch ernst, manchmal auch mit einer gewissen Komik stellen ein verborgenes Gesetz, gegen das der jeweilige Protagonist in seinen Werken unwissentlich verstößt, Scheitern, vergebliches Streben beherrschende Themen in Kafkas Werken dar – die er in einem unvergleichlichen Stil darbringt.

Franz Kafkas Freund Max Brod (1884 bis 1968), einst erfolgreicher deutschsprachiger Schriftsteller, Theater- und Musikkritiker, erkannte früh Kafkas Genie, vermittelte diesem auch die erste Buchpublikation beim damals jungen Leipziger Rowohlt-Verlag. Zu seinen Lebzeiten blieb Kafka dennoch einer breiten Öffentlichkeit unbekannt. Als sein Nachlassverwalter führte Max Brod allerdings dessen Willen, alle unveröffentlichten Werke, Kafkas Romanfragmente und Handschriften zu vernichten, nicht aus. Stattdessen veröffentlichte er diese großteils, was letztlich zu Kafkas posthumer schriftstellerischer Bekanntheit, ja Berühmtheit führte.

Rückblick: Schulzeit und solider Beruf Franz Kafka, geboren am 3. Juli 1883 in Prag, entstammte einer jüdischen bürgerlichen Kaufmannsfamilie. Von 1889 bis 1893 besuchte er die Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt in Prag, anschließend das ebenfalls deutschsprachige humanistische Staatsgymnasium in der Altstadt. Schon früh beschäftigte er sich mit Literatur, seine ersten Werke und Tagebücher sind jedoch verschollen, wurden vermutlich von ihm selbst vernichtet. Nach der Reifeprüfung (Matura) folgte von 1901 bis 1906 ein Universitätsstudium, das er nach Ausflügen in die Chemie, Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie schließlich mit der Promotion in Rechtswissenschaften abschloss.

Nach etwa einjähriger Anstellung in einer privaten Versicherungsgesellschaft arbeitete Kafka von 1908 bis zum 1. Juli 1922, also bis zwei Jahre vor seinem Tod, in der halbstaatlichen „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“. Die Tätigkeiten dort sah er als reines Mittel zum Zweck, als Broterwerb an, mehr nicht.

Die Zwiespältigkeit in sich Seine eigentliche Berufung sah Franz Kafka bereits zu Studienzeiten im Schreiben. Sein schriftstellerisches Selbstverständnis ist jedoch geprägt von einer permanenten Spannung zwischen radikalster Entschlossenheit für die Literatur und größten Zweifeln an der eigenen Fähigkeit hierfür. Selbstzweifel und Lebensunfähigkeit, die er wiederum schreibend zu bewältigen versuchte, sind für ihn kennzeichnend.

Der von Kindheit an mit Minderwertigkeitskomplexen und Schuldgefühlen beladene Kafka fühlte sich Zeit seines Lebens bedroht von der Notwendigkeit zur Ausübung eines existenzsichernden Berufes und der Dominanz seines Vaters. Sein Verhältnis gegenüber Frauen war geprägt von einem Wechsel zwischen Bindungsbegehren und -ängsten, die sich in seinen wiederholten Verlobungen und Trennungen äußerten. Die seelischen Konflikte führten rasch zu körperlichen Beschwerden: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden und Gewichtsabnahme.

Sanatoriums-„Hopper“ Da Kafkas Urteil über die Schulmedizin stark von den Vorstellungen der Naturheilkunde geprägt war, er Medikamenten lieber gesunde Ernährung, Bewegung im Freien, Luft- und Sonnenbäder vorzog, sind seine häufigen Sanatoriums-Aufenthalte nicht verwunderlich. Zu Zeiten der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn gehörte es zudem zum guten Ton, immer wieder ins Sanatorium zu gehen.

»Die seelischen Konflikte führten rasch zu körperlichen Beschwerden: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden und Gewichtsabnahme.«

Seinen ersten Aufenthalt hatte Kafka schon 1905 mit gerade einmal 23 Jahren– um sich von der Erschöpfung durch das Universitätsstudium zu erholen. Krankheit war bei ihm positiv besetzt – was auch seinen Willen zum Gesundsein schwächte und dem Drang zur Hypochondrie Auftrieb gab. Er beobachtete permanent seinen eigenen Körper. Für Ärzte sind solche Menschen eine geradezu unerschöpfliche Einnahmequelle. 1910 auf einer Reise nach Paris bildeten sich – nicht ungewöhnlich bei rumpeligen Kutschen und löchrigen Straßen – Furunkel am Gesäß.

Sein Gang zum Arzt machte den jungen Hypchonder wegen „schrecklicher Geschwüre“ und eines „lang dauernden Ausschlages“ jedoch zum Dauerkunden. Es folgten zahlreiche Sanatoriumsaufenthalte. Ständig begleitete ihn die Angst vor einer Erkrankung, die ihn niederwerfen würde. Schließlich kam es dann auch dazu – er infizierte sich mit Tuberkulose, einer damals stark verbreiteten und noch kaum heilbaren Krankheit.

Erster Hinweis auf die ernste Erkrankung gab es durch einen Blutsturz im August 1917. Im September 1917 wurde schließlich eine Lungentuberkulose diagnostiziert. Für den damals 34-Jährigen Kafka war die schwere Erkrankung nur das Symptom eines tiefer liegenden Leidens: „Manchmal scheint es mir, Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. ´So geht es nicht weiter`, hat das Gehirn gesagt und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt, zu helfen.“ Schon vor seiner Krankheit fühlte sich Kafka dem Leben eigentlich nicht gewachsen: „Fast scheint es mir manchmal, dass es das Leben ist, das mich stört; wie könnte mich denn sonst alles stören?“ äußerte er etwa gegenüber seinem Freund Max Brod.

Der Tuberkulose-Tod Nach kurzer Besserung des Gesundheitszustandes erkrankte Kafka im Herbst 1918 an der Spanischen Grippe, was eine mehrwöchige Lungenentzündung nach sich zog. Anschließend ging es permanent bergab – trotz zahlreicher langer Kuraufenthalte. Kleine Anekdote: Bei einem Sanatoriumsaufenthalt 1920 in der Hohen Tatra (Slowakei) konnte er dank Extraterminen gegen Extrahonorar beim zuständigen Sanatoriumsarzt statt einer sicherlich eher tödlichen Arsenbehandlung gegen die Tuberkulose als Therapie zumindest „Fünf mal täglich Milch und zwei Mal Sahne“ erhalten, was Kafkas ausgemergeltem Körper sicherlich eher zugute kam.

Insgesamt sieben Jahre lang litt Kafka an den Folgen der Tuberkulose. Im Winter 1923/24 verschlechterte sich jedoch sein Zustand dramatisch, die Tuberkulose griff auf den Kehlkopf über. Sprechen war nicht mehr möglich, auch Nahrung und Flüssigkeit konnte er nur noch unter Schmerzen zu sich nehmen. Trotzdem korrigierte Kafka, längst bettlägerig, die Fahnen seines letzten Buches „Der Hungerkünstler“. Seine damalige Lebensgefährtin Dora Diamant und sein Freund Robert Klopstock, ein junger, angehender Arzt, waren ständig bei ihm.

Am 3. Juni 1924 konnte er kaum noch atmen. Um die Schmerzen zu lindern, verlangte er Morphium. Sein Freund Max Brod schieb hierzu: „Als Klopstock sich vom Bett entfernte, um etwas an der Spritze zu reinigen, sagte Franz: ´Gehen Sie nicht fort.` Der Freund erwiderte: ´Ich gehe ja nicht fort.` Franz erwiderte mit tiefer Stimme: ´Aber ich gehe fort.`“ Kafka starb um die Mittagszeit im Sanatorium Hoffmann in Klosterneuburg-Kierling nahe Wien – im Alter von nur 40 Jahren.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 11/15 ab Seite 82.

Dr. Eva-Maria Stoya, Apothekerin / Fachjournalistin

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