Neben einem Stapel Bücher steht ein geöffneter Laptop.
Onlinehandel spielt für das Lesen eine immer größere Rolle - sei es, um Bücher zu bestellen, oder um digitale Formate wie E-Books zu nutzen. © Nutthaseth Vanchaichana / iStock / Getty Images Plus

Bücher | Onlinehandel

DAS AMAZON VON NEBENAN

Im Onlinehandel lockt uns ein riesiges Angebot, alles ist sofort verfügbar. Leser fordern mehr und mehr digitale Formate. Buchhandlungen vor Ort drohen an der Konkurrenz zu scheitern – oder setzen eigene Angebote entgegen.

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Buchhändlerin Cornelia Haßdenteufel ist in ihrem Element. Ein Herr um die 50 sucht ein Geschenk und vertraut auf die Expertin für Fantasy, Krimis und Reiseführer. Im Nebenzimmer der Buchhandlung erkundet eine Schülerin die Jugendromane, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Das kleine Geschäft schmiegt sich in die Fachwerkfassade der Idsteiner Altstadt. “Hexenbuchladen” steht auf der Markise über dem Schaufenster. Kunden werden hier mit freundlichen Worten und dem Duft dicker Wälzer empfangen. Doch auch die Buchfreunde, die der Niesel in die Lesesessel getrieben hat, holt der Laden ab: mit seinem Onlineshop. “Dafür müssen Sie nicht nach Amazonien” verspricht ein Plakat hinter der Ladentheke.

Der Hexenbuchladen ist eine von etwa 3400 Buchhandlungen in Deutschland, 90 Prozent davon sind kleinere Einzelhändler. Vor 20 Jahren waren es noch 6000. Die Konkurrenz durch Online-Versandhäuser setzt niedergelassene Händler unter Druck. Arbeitnehmer schaffen es nicht immer, während der Geschäftszeiten einzukaufen. Leser begeistern sich zunehmend für digitale Formate, die vor Ort kaum verkäuflich sind: 44 Prozent der Buchleser kaufen auch E-Books, 25 Prozent hören auch digitale Hörbücher. Diesen Trend können Händler – und Verlage – nutzen.

Die Art, wie Menschen leben, kaufen und lesen, verändert sich.

Einige Buchhändler begegnen dem, indem sie einen eigenen onlinebasierten Versand anbieten. Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, begrüßt das: „Die Art, wie Menschen leben, kaufen und lesen, verändert sich. Buchhandlungen und Verlage arbeiten an neuen Wegen, wie sie heute und in Zukunft für Bücher begeistern können.” Dazu soll der Buchhandel digitale mit seinen klassischen Kompetenzen verbinden. Ein solcher Ansatz ist der Buchblog-Award. Er zeichnet Web-Journale aus, die Bücher in den sozialen Medien und eigenen Webseiten vorstellen.

Der digitale Raum schafft Platz für neue Formate. “E-Books haben Fans und sind mehr als nur praktisch. Und sie lassen noch Raum für Print”, heißt es in Listen & Read, einer repräsentativen Analyse zum Konsumverhalten von E-Book-, Audiobook- und Podcastnutzern, die Bookwire im August und September durchführte. Das Frankfurter Unternehmen bietet Verlagen Service, Software und Rat beim Vertrieb digitaler Inhalte. In der Studie nannte rund ein Drittel der Befragten gedruckte Bücher als ihr Lieblingsmedium, ein Viertel E-Books und 15 Prozent digitale Hörbücher.

Es ist eine andere Erfahrung, eine andere Art von Einkauf.

Nicht nur die Formate, auch der Ort des Buchkaufs ändert sich. John Ruhrmann, Mitbegründer von Bookwire, meint: “Stationärer Umsatz zieht in die digitale Sphäre um. Amazon und viele andere Online-Händler haben mit ihren kundenorientierten Angeboten gezeigt, wie gut Einkaufen im Web funktionieren kann. Nichtsdestotrotz hat der Besuch beim Buchhändler vor Ort auch etwas. Es ist eine andere Erfahrung, eine andere Art von Einkauf. Das Gute ist: Wie man einkaufen möchte, bleibt jedem Menschen am Ende selbst überlassen.“ Für Online-Angebote sei es vor allem wichtig, auffindbar zu sein.

Durch die jetzige Situation entdecken Internet-Nutzer, dass ihre Einzelhändler vor Ort auch eine Homepage haben.

Dazu hat das Coronavirus beigetragen: Eine Million Menschen haben hierzulande zum ersten Mal beim stationären Buchhandel online oder telefonisch bestellt, dabei hatten 37 Prozent der Deutschen vorher nicht gewusst, dass das möglich ist. Das ergab eine Analyse der Gesellschaft für Konsumforschung. Cornelia Haßdenteufel bestätigt: “Durch die jetzige Situation entdecken Internet-Nutzer, dass ihre Einzelhändler vor Ort auch eine Homepage haben und der Service dort in der Regel besser, zum Teil umfangreicher und auf jeden Fall persönlicher ist.”

Dies zeigt sich auf der Webseite des Hexenbuchladens. Hier kann man gedruckte Bücher, E-Books und Hörbücher bestellen. Die Mitarbeiter des Ladens empfehlen ihre Lieblingstitel, eine individuelle Beratung ist telefonisch oder per Mail möglich. Den Shop bietet der Buchgroßhändler KNV Zeitfracht an. Einzelne Module pflegt der Laden oder der Großhändler befüllt sie, ein sogenannter White-Label-Shop. Buchhändler lernen in einem Webinar die Grundlagen, weitere Tipps gibt es online. “Die sind von Spezialisten geschrieben und für mich nicht immer ausführlich genug. Wenn man an einer Stelle aber gar nicht weiterkommt, kann man sich bei den IT-Fachleuten Hilfe holen”, verrät Cornelia Haßdenteufel.

Im Ladengeschäft möchten wir dem Kunden gleichbleibenden, guten Service bieten.

Neben den IT-Kenntnissen fordert ein weiterer Faktor die Händler heraus: “Für all diese Dinge, Homepage, Facebook, Instagram, benötigt man viel Zeit. Auch für die Online Aufträge brauchen wir zusätzliche Zeit. Im Ladengeschäft, dem wichtigsten Bestandteil, möchten wir dem Kunden aber gleichbleibenden, guten Service bieten.” Trotzdem findet Cornelia Haßdenteufel es spannend, was die Digitalisierung ermöglicht. Der Hexenbuchladen besteht seit 40 Jahren, trägt den Deutschen Buchhandlungspreis 2020 und ist bereits seit 2004 online. Die Bestellungen im Shop machen inzwischen bis zu 15 Prozent des Gesamtgeschäfts aus.

Die meisten Verlage haben erkannt, dass die Digitalisierung überlebenswichtig ist.

Fast drei Viertel der Befragten suchen laut Bookwires Listen & Read-Studie gezielt online nach neuen Inhalten. Der Weg in den Warenkorb ist für das gefundene E-Book dann nicht mehr weit. Der Umsatz aus Online-Vertriebswegen wächst und liegt mittlerweile bei 20 Prozent, der Sortimentsbuchhandel macht noch knapp 50 Prozent aus, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels angibt. "Anders als noch vor zehn Jahren haben die meisten Verlage erkannt, dass die Digitalisierung für das eigene Verlagshaus überlebenswichtig ist", berichtet John Ruhrmann über die Verlagsseite des Buchhandels. Die Einzelhändler folgen dem Beispiel nach und nach - zwei Drittel pflegen mittlerweile Online-Bestellmöglichkeiten.

Es ist Samstag, halb zwei. Cornelia Haßdenteufel schaltet das Licht aus und schließt den Hexenbuchladen ab. Für sie und ihre Kolleginnen beginnt jetzt das Wochenende. Ihre Kunden stöbern jedoch weiter – bequem von der Couch aus.

Gesa Van Hecke,
PTA und Redaktionsvolontärin

Quellen:
Interview mit John Ruhrmann
Interview mit Cornelia Haßdenteufel
https://www.boersenverein.de/presse/pressemitteilungen/detailseite/frankfurter-buchmesse-das-buch-ist-krisenfest-und-unabdingbarer-teil-unserer-gesellschaft/ 
Umfrage im Juli 2020 zu Mediennutzungs- und Kaufverhalten in Zeiten von Corona "Das Buch in Zeiten von Corona – Veränderte Mediennutzung und Kaufverhalten"
https://www.boersenverein.de/presse/pressemitteilungen/detailseite/buchblog-award-2020-die-finalisten-stehen-fest/
Listen& Read - The Battle for Attention. Eine Analyse zum Konsumverhalten von E-Book-, Audiobook- und Podcast-Nutzern
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/296201/umfrage/unternehmen-im-bucheinzelhandel-in-deutschland/
Idsteiner Zeitung vom 12.11.2020

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