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Brustkrebs – Teil 2

UNERWARTETER SCHICKSALSSCHLAG

Anders als Angelina Jolie haben die meisten Betroffenen keine besondere Veranlagung zu erkranken. Früherkennung und medizinischer Fortschritt erhöhen die Chancen auf Heilung.

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Die Hollywood-Schauspielerin zählt – aus der Brustkrebsperspektive gesehen – zu einer Minderheit. Bei nur fünf bis zehn Prozent aller Betroffenen liegt wie bei ihr ein familiäres Risiko vor. Sie hatte eine Genveränderung von ihrer Mutter geerbt, die zu einem stark erhöhten Brustkrebsrisiko führt.

In der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle dagegen tritt das Mammakarzinom sporadisch auf, das heißt, die Patientinnen haben keine besondere Veranlagung, an dieser Krebsart zu erkranken. Es kann also jede treffen. Aufklärung ist auch für diese zufällige Form essenziell, da Brustkrebs mit rund 72 000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste Krebsart bei Frauen in Deutschland darstellt.

Risikofaktoren Auch wenn prinzipiell jede erkranken kann, so kennt man doch heute eine Reihe von Faktoren, die einen Einfluss auf das Brustkrebsrisiko haben: Unbestritten ist, dass Hormone eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielen. So erhöhen eine frühe erste Regelblutung und ein spätes Einsetzen der Wechseljahre das Risiko zu erkranken, weil die Brust auf diese Weise über einen langen Zeitraum den Hormonschwankungen durch den Menstruationszyklus ausgesetzt ist.

Auch Frauen, die ihr erstes Kind nach dem 30. Lebensjahr zur Welt gebracht haben, haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko im Vergleich zu jenen, die jünger waren. Viele Schwangerschaften und längere Stillzeiten senken das Brustkrebsrisiko. Belegt ist inzwischen auch, dass eine Hormonersatztherapie zur Linderung von Wechseljahrbeschwerden das Risiko an Brustkrebs zu erkranken erhöht. Für die Pille zur Schwangerschaftsverhütung geht man bei längerfristiger Einnahme von einer leichten Steigerung des Brustkrebsrisikos aus. Das Risiko für andere Krebsarten dagegen scheint sich zu verringern.

»Osteoporose und Wechseljahresbeschwerden sind Folgen einer Hormontherapie.«

Während sich die hormonelle Situation nur begrenzt beziehungsweise gar nicht beeinflussen lässt, sieht dies für die Risikofaktoren, die mit dem Lebensstil zusammen hängen, ganz anders aus: Übergewicht und Bewegungsmangel erhöhen das Brustkrebsrisiko. Das gleiche gilt für Alkohol. Für das – sowieso ungesunde – Rauchen ist dagegen kein eindeutiger Zusammenhang mit Brustkrebs nachgewiesen. Für Umweltfaktoren wie radioaktive und elektromagnetische Strahlung, Kosmetika, Chemikalien und Umweltgifte gibt es ebenfalls keinen gesicherten Nachweis, dass sie das Brustkrebsrisiko erhöhen.

Vorsorge und Früherkennung Die Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen steigt in Deutschland seit Jahren leicht an. Insgesamt macht das Mammakarzinom mehr als ein Viertel aller Krebserkrankungen bei Frauen aus. Die Zahl der Sterbefälle durch Brustkrebs ist dagegen in den letzten Jahren leicht rückläufig, etwa 17 200 Frauen sterben jährlich daran. Die Überlebenschance hängt wesentlich vom Stadium ab, in dem die Erkrankung diagnostiziert wird. Insgesamt sind acht bis neun von zehn Patientinnen fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben.

Um in dieser Altersgruppe entstehende Tumore so früh wie möglich zu entdecken, werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre zur Mammografie eingeladen. Zudem umfasst die jährliche Vorsorge für alle Frauen ab 30 Jahren das Abtasten der Brust und der Lymphknoten im Achselbereich durch den Arzt. Dieser soll die Frauen auch zur regelmäßigen Selbstuntersuchung der Brust anleiten.

Allerdings ist belegt, dass diese allein die Brustkrebssterblichkeit nicht senken kann, da tastbare Tumore nicht mehr klein sind. Sie vermittelt aber ein Gefühl für Veränderungen des Körpers und wird deshalb ausdrücklich empfohlen. Ergänzend zur Mammografie können in bestimmten Situationen auch Ultraschalluntersuchungen oder Magnetresonanztomografien eingesetzt werden. Endgültige Gewissheit bringt eine Biopsie.

Therapie Die Behandlung hängt vom Stadium des Tumors, seinen biologischen und feingeweblichen Merkmalen sowie der individuellen Situation der Frau ab. Den ersten Schritt stellt in den meisten Fällen die Operation dar, bei der der Tumor und befallene Lymphknoten entfernt werden. Dabei wird die Brust so weit wie möglich erhalten.

Eine vollständige Abnahme bringt nach heutigem Kenntnisstand keinen zusätzlichen Schutz vor einem Rückfall, wenn sich nach der Operation eine Bestrahlung anschließt. Schließlich folgt vielfach noch eine systemische Therapie. Hierfür stehen heute eine Chemo-, Hormon- oder eine zielgerichtete Behandlung wie etwa die Immuntherapie zur Verfügung. Während der gesamten Dauer und auch darüber hinaus kann eine psychoonkologische Beratung hilfreich sein.

Ungelöstes Problem: Langzeitfolgen Je mehr Menschen eine Krebserkrankung dank moderner Medizin langfristig überlegen, desto stärker treten, neben den bekannten kurzfristigen Nebenwirkungen, auch langfristige Folgeschäden ins Blickfeld. Darunter versteht man alle Probleme, die später als neun Monate nach der primären Erkrankung und ihrer Therapie auftreten. Zum Teil können Jahrzehnte vergehen. Für die Operation ist schon lange bekannt, dass die Entfernung der Lymphknoten im Achselbereich zu Lymphödemen führen kann.

Im Bereich der Narben können Taubheits- und auch Spannungsgefühle langfristig fortbestehen. Die Strahlentherapie kann auf Dauer sichtbare Veränderungen der Haut sowie Verhärtungen und Vernarbungen zurücklassen. Lagen Organe wie Herz, Lunge, Speiseröhre oder Schilddrüse im Bestrahlungsbereich, so können hier in der Folge Funktionsstörungen auftreten. Auch die Muskulatur kann betroffen sein. Zudem erhöht die Bestrahlung das Risiko für einen weiteren Tumor. Osteoporose und Wechseljahresbeschwerden sind Folgen einer Hormontherapie.

Auch chronische Erschöpfung und psychische Probleme können langfristig durch eine Krebserkrankung und ihre Behandlung verursacht werden. Schließlich weiß man heute, dass bestimmte Wirkstoffe der Chemotherapie das Herz und manche das periphere Nervensystem schädigen können, sodass es zu Gefühlsstörungen in Händen und Füßen kommen kann. Diese Nebenwirkungen können über Jahre oder auch lebenslang anhalten. Doch erst langsam entsteht ein Bewusstsein dafür. Bislang fehlen in Deutschland Strukturen für die systematische Erfassung der Folgen und die Betreuung der Patienten.

Den ersten Teil finden Sie hier.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 08/13 ab Seite 54.

Dr. Anne Benckendorff, Medizinjournalistin

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