Mann mit Hut, schwarzen Mantel und Sonnenbrille© feedough / iStock / Getty Images Plus
Das Virus enttarnen und so sichtbar für das Immunsystem machen - das ist der Plan des neuen Wirkstoffs gegen Influenza.

Wirkstoffentwicklung

KEINE CHANCE FÜR INFLUENZA

Dieses Jahr war die Grippewelle außergewöhnlich. Rund 220 000 Menschen haben sich bisher infiziert. Bisher gibt es nur wenige Wirkstoffe gegen das Influenza-Virus, doch das könnte sich in Zukunft ändern.

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Ein Team aus Forschenden an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn hat gemeinsam mit japanischen Wissenschaftler*innen einen neuen Wirkstoff gegen Influenza untersucht. Die Substanz hemmt gezielt ein wichtiges Enzym, das die Viren zur Vermehrung unbedingt brauchen. Gemeinsam mit bereits zugelassenen Wirkstoffen waren die Ergebnisse sogar noch vielversprechender.

Professor Hiroki Kato vom Institut für Kardiovaskuläre Immunologie an der Uniklinik in Bonn gelang es in Versuchen mit menschlichem Lungengewebe und im Mäusemodell unter Tausenden von möglichen Kandidaten diese besondere Substanz zu entdecken. Es handelt sich um Trifluormethyl-Tubercidin (TFMT). Seine Wirkweise ist ein völlig neuer Ansatz.

Schutzkappe für Viren: So trickst Influenza das Immunsystem aus

Viren sind zur Vermehrung auf ihre Wirtszellen angewiesen, da sie keine eigenen Zellen besitzen, sondern fast ausschließlich aus Erbgut bestehen. Dieses schleusen sie in die Wirtszelle ein und programmieren diese so um, dass sie nur noch Viruskopien produziert. Die eigene Proteinsynthese der Zelle kommt dabei zum Erliegen, die Zelle stirbt ab und setzt die Viruskopien frei. Unser Immunsystem erkennt fremdes Erbgut in der Regel recht zuverlässig, denn die eigene RNA (Ribonukleinsäure) besitzt eine besondere Struktur. Diese besteht in einer Art Schutzkappe aus einem methylierten Nucleotid, das an einem Ende angehängt wird. Fehlt die Kappe, erkennen bestimmte Rezeptoren die RNA und aktivieren das Immunsystem. Das fremde Erbgut wird zerstört.

Viele Viren, so auch SARS-CoV-2 oder Hepatitis, können ihre RNA selbst methylieren und so das menschliche Immunsystem überlisten. Dem Influenza-Virus fehlt das dafür nötige Enzym, sodass es einen Trick anwendet: Es überträgt die Methylkappen der zelleigenen humanen RNA auf seine eigene und verschafft sich so Schutz vor den Rezeptoren des Immunsystems. Sind keine oder zu wenige Methylkappen in der Wirtszelle vorhanden, kann sich das Influenza-Virus nicht schützen und wird eliminiert.

Ohne Kappe keine Chance: Das macht der neue Wirkstoff mit der Tarnkappe

Der neue Wirkstoff hemmt zuverlässig das Enzym Methyltransferase r1 (MTr1) in der Wirtszelle, das die RNA methyliert. Er sorgt so dafür, dass das Influenza-Virus keine Methylkappen auf seine RNA übertragen und so die Zelle nicht zur Vermehrung nutzen kann. In den Versuchen zeigte sich eine gute Wirksamkeit bei geringer Toxizität.

Die Forschenden kombinierten in ihrer Studie die neue Substanz auch mit bereits zugelassenen Virostatika wie Oseltamivir (Tamiflu®) und Baloxavir-Marboxil (Xofluza®). Diese wirken an anderen Stellen der Virusvermehrung. Tamiflu® blockiert die RNA-Synthese in der befallenen Zelle, Xofluza® die Freisetzung der gebildeten Viruskopien. TFMT setzt also früher an, bevor die Virus-RNA überhaupt in das Genom der Wirtszelle eingebaut werden kann. Es verwundert daher nicht, dass der neue Wirkstoff in Kombination mit den bekannten Arzneistoffen synergistische Effekte hatte.

Der nächste Schritt, die Anwendung am Menschen, steht noch aus. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Erfolg von TFMT fortsetzt und es womöglich bald eine bessere Behandlungsmöglichkeit für Influenza geben wird.

Quellen:
Informationsdienst Wissenschaft
Spektrum.de
https://www.science.org/doi/10.1126/science.add0875

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