Vertrauen gut, Kontrolle besser?

Was geht vor in den Köpfen von Chefs, die ihre Mitarbeiter überwachen und Mitarbeitern, die bei der Arbeit schummeln? Wie entscheiden wir in sozialen Kontexten?

Kennen Sie das auch? Die Angst davor, von Ihrem Arbeitgeber erwischt zu werden, wenn Sie im Büro mal etwas Privates erledigen? Oder sind Sie umgekehrt vielleicht selber Vorgesetzte und würden gerne wissen, ob Ihre Mitarbeiter auch die Arbeit leisten, für die sie bezahlt werden?

Nun, seit dem neusten Grundsatzurteil zum Thema sind Sie zunächst dann im Vorteil, wenn Sie der Arbeitnehmer in obigem Szenario sind: Laut aktueller Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts (Aktenzeichen: 2AZR 681/16) ist die lückenlose Überwachung von Mitarbeitern am Arbeitsplatz durch sogenannte Keylogger, die jeden Tastendruck am PC protokollieren, in aller Regel unzulässig.

Is Big Brother watching you?

Aber jenseits dieser Rechtslage ist es durchaus spannend, sich die Vorgänge anzuschauen, die in den Gehirnen von Chef und Angestelltem in solch komplexen sozialen Kontexten ablaufen. Hierzu existiert ein interessantes Experiment, das „Inspection Game“ oder zu Deutsch, das Überwachungsspiel. Simuliert wird dabei die beschriebene Situation am Arbeitsplatz, einer der Spieler spielt den Chef, der andere den Mitarbeiter. Der Chef hat dabei in jedem Spielzug (anders als im richtigen Leben) die Wahl, ob er den Mitarbeiter überwachen will oder nicht, der Mitarbeiter hat die Wahl, zu arbeiten oder nicht.

Der Chef erhält Punkte, wenn er den Mitarbeiter erwischt, während dieser geschummelt hat, oder wenn er ihn nicht überwacht und dieser dennoch gearbeitet hat. Der Abgestellte wiederum erhält Punkte, wenn er gearbeitet hat, während der Chef kontrollierte, oder wenn er gemogelt hat, während nicht kontrolliert wurde. Um dieses Strategiespiel erfolgreich zu bestehen, ist es also notwendig, sich in seinen Gegenspieler hineinzuversetzen, um dessen jeweils nächsten Zug möglichst gut zu antizipieren.

Dazu muss der Spieler die mentalen Zustände seines Gegenübers gut interpretieren können (wir sprechen von „Mentalisierung“), also eine „Theory of Mind“ haben, eine Idee davon, was der andere gerade denkt, fühlt, erwartet oder plant. Eine Hirnregion, die für derartige Vorgänge von zentraler Bedeutung ist, ist der temporoparietale Übergangskortex, eine Region der Großhirnrinde zwischen Schläfen- und Scheitellappen, die ebenso wie Teile des präfrontalen Cortex zum sogenannten Mentalisierungsnetzwerks gehört.

Ist diese Region gestört, kommt es zu Defiziten der Theory of Mind, wie es zum Beispiel bei Autismus-Spektrum-Störungen der Fall ist. Auch können betroffene Patienten sogenannte Außerkörperliche Erfahrungen erleben, da das Gehirn dann nicht nur nicht mehr in der Lage ist, fremde Mentalzustände richtig zu deuten, sondern auch die eigenen.

Also, wenn Sie erfolgreich schummeln (oder jemanden kontrollieren) wollen, dann hängt Ihr Erfolg dabei von Ihrer Fähigkeit ab, eine gute Theory of Mind des anderen zu entwickeln um vorherzusehen, wie Ihr Verhalten das seine beeinflussen wird. Oder aber Sie verhalten sich einfach wie ein zuverlässiger Mitarbeiter beziehungsweise vertrauensvoller Chef – klingt nach viel weniger Stress, finden Sie nicht auch?

Zur Person

Prof. Dr. Schulze Hirnforscher
Holger.Schulze@uk-erlangen.de
Prof. Dr. Schulze ist Leiter des Forschungslabors der HNO-Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg sowie auswärtiges wissenschaftliches Mitglied des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Seine Untersuchungen zielen auf ein Verständnis der Neurobiologie des Lernens und Hörens.

www.schulze-holger.de

Den Artikel finden Sie auch in die PTA IN DER APOTHEKE 09/17 auf Seite 12.

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