Das Weihnachtsrätsel

© Frater Aloisius
© Frater Aloisius

„Weißt du noch…“ Britta Badouin stand schmunzelnd neben dem Regal mit den Seifen-Weihnachtsengeln. Der betäubende Geruch eines Potpourris aus Lebkuchengewürz, Bergamotte und Tannennadeln umwehte die beiden Frauen...

..., die Schulter an Schulter durch das große Schaufenster nach draußen sahen. Das Licht in der Apotheke war bereits heruntergedimmt. Jetzt, um halb sieben Uhr abends, herrschte Feierabendstimmung. Draußen fiel in dicken Flocken der Schnee vom Himmel auf das historische Kopfsteinpflaster. Mitten auf dem Marktplatz, an dem die Bärenbach-Apotheke lag, fand wieder einmal der Weihnachtsmarkt statt, inklusive Glühweinstand, Kinderkarussell, Bratwurstgrill und Kerzenhändler. Über allem schwebte Rolf Zuckowskis Stimme, der in Endlosschleife von der Weihnachtsbäckerei sang. Britta, die Apothekerin, und Annette, die PTA, hörten es schon längst nicht mehr. Heute schauten sie auch nur aus dem Fenster, weil es so dekorativ schneite. Und weil sie sich erinnerten, an das letzte Weihnachtsfest.

Vor genau einem Jahr hatte Annette die Gerüche am Regal mit den Seifen und Badezusätzen, den Cremes und Duftkerzen nicht mehr ertragen. Ihr war regelmäßig schlecht geworden und sie nutzte nur noch die Kasse, die am weitesten entfernt lag. Das hatte seinen Grund.
Die findige PKA Rieke fand heraus, was selbst Annette damals noch nicht wusste: Sie war schwanger. Und nach einer ganzen Kette dramatischer Ereignisse – bei denen ein Notdienst an Heiligabend und ein Ring aus einem Kaugummiautomaten eine Rolle gespielt hatten (siehe „Das Weihnachtsrätsel“ 2016) – mündete das Ganze in dem schönsten Heiratsantrag, von dem Britta je gehört hatte.

Heute trug Annette den Nachnamen ihres Mannes, des Freiherrn Frido von der Leyden, ansässig auf der Grimmburg nahe Herborn. Der kleine Maximilian Friedhart Robert Sigmund schlummerte in seiner historischen Holzwiege aus dem 18. Jahrhundert inmitten handbestickter Bettwäsche und einem spitzenumsäumten Kopfkissen, zärtlich umsorgt von seinem Vater, dem Großonkel, den Großeltern und der allzeit bereiten Elisabeth von der Leyden, die als dienstälteste Matriarchin nun dauerhaft auf der Grimmburg weilte, nachdem sie vor einigen Monaten geholfen hatte, zusammen mit Britta einen Mordfall aufzuklären.

Annette war vor ein paar Tagen aus der Elternzeit an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Das hatte ein mittleres Erdbeben bei den von der Leydens ausgelöst; noch nie war es vorgekommen, dass ein weibliches Familienmitglied nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten ging. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass mit Fridos Geburt vor dreiunddreißig Jahren das letzte Mal ein kleiner Freiherr das Licht der Welt erblickt hatte. Die Welt war seitdem eine andere geworden. Annette hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Berufstätigkeit keinesfalls aufgeben wollte – und Frido, ihr Mann, unterstützte sie bei allem, was sie tat.

Britta war ebenfalls mit einem Mitglied des alten Adelsgeschlechtes liiert: Ihr Lebensgefährte, der Kardiologe Robert von der Leyden, praktizierte in den Räumen oberhalb der Apotheke und war der Onkel Fridos. Britta betrachtete ihre PTA, die längst auch eine Freundin war, mit einem Lächeln. „Und – bereust du deine Rückkehr?“ „Ach – nein“, antwortete Annette gedehnt. „Ich vermisse den Kleinen zwar, aber, weißt du… es ist auch mal ganz schön, keine Windeln zu wechseln oder Fläschchen warm zu machen.“ (Eine weitere schockierende Episode: Annette hatte nach sechs Wochen abgestillt! Elisabeth sprach zwei Tage lang nicht mit ihr). „Und sich ein paar Stunden ausschließlich mit Erwachsenen zu unterhalten, ist auch nicht schlecht.“

Britta lachte. Sie selbst hatte keine Kinder, was sie manchmal bedauerte. Ihre Ehe war vorbei, bevor es zu einer Entscheidung kam und Robert, der Kardiologe, erschien einfach zu spät in ihrem Leben. Und nie, niemals würde sie irgendjemandem erzählen, welche Gefühle sie durchtobten, als sie den kleinen Max im Krankenhaus das erste Mal auf dem Arm halten durfte. Britta hatte die Tränen nicht zurückhalten können. Den anderen erzählte sie, dass sie so gerührt war.

Vor dem eisernen Gitter der Apothekentür erschien ein Schatten. Das dämmrige Licht der Weihnachtsbeleuchtung im Schaufenster beschien das Gesicht einer Frau, die ins Innere spähte. „Nanu?“ wunderte sich Annette. Britta trat einen Schritt vor. „Das ist doch… Frau Gürtler. Wart mal…“ Und die Apothekerin ging auf die Verbindungstür zum Treppenhaus zu, öffnete diese und schlüpfte hindurch. Annette hörte Britta mit der Stammkundin sprechen. Sie verstand nur Wortfetzen.

„Ich weiß, Sie haben schon zu… aber ich habe hier noch ein Rezept, ich brauche das Medikament dringend…“ Frau Gürtler war selbst Ärztin. Und ein Sonderfall. Sie litt nämlich an Multipler Sklerose, hatte die Erkrankung gut im Griff, unter anderem deshalb, weil sie gut eingestellt war. Dazu war es natürlich nötig, dass sie ihre Medikation zuverlässig einnahm. Und da Britta es mit den Öffnungszeiten nicht so genau nahm, war es nur folgerichtig, dass sich eine langjährige Kundin wie Frau Gürtler an sie wandte, wenn ein solcher Fall vorlag.

Britta kehrte zurück in die Offizin, ging in den hinteren Bereich an die Zugschubladen und nahm eine Packung heraus. Sie brauchte nicht in den Rabattverträgen nachschauen, Frau Gürtler bekam immer dasselbe Präparat mit dem Wirkstoff Baclofen. „Ist schon gut, ich verbuche es morgen“, besänftigte sie die Frau, die ein ums andere Mal eine Entschuldigung murmelte. „Danke, vielen Dank“, hörte Annette, als Britta die Tür hinter sich schloss. „Sie hatte noch Dienst im Krankenhaus“, sagte Britta, als sie sich wieder zu Annette begab. „Und sie hätte sonst zum Notdienst zwanzig Kilometer fahren müssen.“ „Es ist deine Apotheke“, sagte Annette. Die Chefin hatte doch ein gutes Herz.

Der kleine Max in der Wiege und ein Labradorwelpe zu ihren Füßen: Babys, wohin das Auge blickt, dachte Annette.


Am Montag nach dem ersten Advent erschien Annette mit dunklen Augenringen zum Dienst. „Na?“ fragte die PKA Rieke, selbst aus einer Großfamilie stammend, mitfühlend. „Wenig geschlafen?“ Annette seufzte und riss eine Rolle Wechselgeld auf, um sie in die Kassenschublade zu füllen. „Weißt du, dass sie jetzt bei der Bank Geld dafür nehmen?“ Sie hielt die orangefarbene Rolle ins Licht. „Wir sind die letzten Dinosaurier. Bei uns bezahlen die Leute noch mit Bargeld.“ Die Münzen klackerten mit einem harten Geräusch in die Hartplastikfächer.

„Und ja, ich bin übernächtigt. Max hatte wieder diese fürchterlichen Blähungen und ich musste ihn stundenlang herumtragen. Jedesmal, wenn ich ihn hinlegte, fing er wieder an zu schreien. Ich hab bestimmt eine Wanderung von mehreren Kilometern gemacht. Ich kenne jetzt jedes Buch in der Bibliothek. Zumindest dem Rücken nach.“ „Konnte denn Frido nicht…“ „Der muss heute Morgen neue Verträge mit den Mietern der Geschäftsräume abschließen. Die wiederum sind Voraussetzung für einen Kredit, den wir zur Ausbesserung des Daches brauchen. Das Dach ist riesig. Und der Kredit auch. Die Leute denken immer, Adlige verfügen über unermessliche Reichtümer. Dabei haben so viele diese alten Gemäuer am Hals, denkmalgeschützt, und sie verschlingen eine Unmenge Instandhaltungskosten. Du machst dir keinen Begriff.“ 

Rieke wusste zwar nur von der Miete für ihre Zwei-Zimmerwohnung, aber das reichte ihr schon. Monatliche Kosten waren monatliche Kosten. Bei den von der Leydens waren sie vielleicht ein wenig höher, aber das musste sich in etwa so ähnlich anfühlen. Die Türglocke bimmelte, und ein Mann betrat die Offizin. Rieke und Annette schauten auf. Der Mann trat an den HV-Tisch. Grau war er im Gesicht und er wirkte matt und erschöpft. „Kann ich mal die Chefin sprechen?“ fragte er. „Natürlich, Herr Gürtler“, sagte Annette. „Ich hol sie gleich.“ Während Britta die Tür zu ihrem Büro hinter sich schloss, um mit dem Kunden ein Gespräch zu führen, raunte Rieke Annette zu: „Der sieht aber schlecht aus.“ „Seine Frau war Freitagabend noch mal hier, nach Geschäftsschluss“, sagte Annette.

Die beiden sahen sich an. „Hoffentlich ist es nichts Schlimmes“, fügte die PTA ahnungsvoll hinzu. Da Britta und Annette so gut befreundet waren, sprachen sie auch einmal über Interna. Das war zwar, streng genommen, verboten, vor allem was die personenbezogenen Daten betraf, aber es blieb ja unter Verschluss. „Der arme Kerl“, bemerkte Britta, als sie mit der PTA in der Mittagspause zusammen saß. Das Nachtdienstzimmer war bereits manches Mal Zeuge streng vertraulicher Gespräche gewesen. „Es muss für einen Mann schwierig sein, darüber zu sprechen.“ Das konnte nur eins bedeuten. Erektile Dysfunktion. Britta nickte Annette zu, sie brauchte es nicht mal auszusprechen.

„Ich hab ihm gesagt, dass er ein Rezept braucht. Ich kann Sildenafil nicht einfach so rausgeben. Er meinte, die wissen doch alle, dass er der Mann von einer Ärztin ist. Aber er will auf gar keinen Fall, dass jemand davon erfährt.“ „Vor allem nicht seine Frau.“ „Genau“, sagte Britta und seufzte. „Und jetzt muss ich zum Apothekerstammtisch. Das letzte Mal vor Weihnachten. Da wird wieder der neuste Klatsch verbreitet…. Aber okay, da muss ich durch.“ Annette dachte: Es sind immer die, die sich nicht dafür interessieren – die erfahren am meisten. Es war sehr, sehr ungewöhnlich, dass Britta Annette unangemeldet zuhause aufsuchte.

In diesem Fall war die Apothekerin allerdings hochwillkommen, denn sie half mit Freuden, das Baby herumzutragen. Max hatte immer noch seine Dreimonatskoliken und Frido befand sich auf einem Jagdtreffen (so nannte Annette es immer). Dort wurden die Pachten neu vergeben, und dabei ging es immer heiß her. Frido hatte die Grenzen im jagdbaren Gebiet seiner Wälder neu gezogen, denn er wollte nun mehr zuhause sein. Und da der Wald vor der Grimmburg vor Wild nur so strotzte, war jeder Freizeitjäger scharf auf ein Areal. Britta übernahm, ohne viel zu fragen, das Baby. Im Fliegergriff trug sie es auf und ab zwischen den Regalen der Bibliothek, denn die Gänge dort waren am längsten und lagen weitab von den Schlafgemächern der übrigen Familie.

„Du wirst es nicht glauben, was ich gehört habe“, begann sie. Max gluckste zufrieden und guckte dabei mit seinen babyblauen Augen auf das Eichenparkett. Annette hatte es sich in einem der ledernen Lesesessel bequem gemacht. Quentin, der braune Labradorwelpe, Nachfolger vom alten Yago, lag zu ihren Füßen. Er schnarchte, auf der Seite liegend, und sein strammer Bauch bewegte sich dabei auf und ab. Hin und wieder pupste er leise. Annette wedelte dann ein wenig mit der Hand, um sich etwas Frischluft zuzufächeln. Babys, wohin das Auge blickt, dachte sie. „Wie das so ist, erzählt man sich von ulkigen Begebenheiten, die man in der Apotheke so erlebt“, berichtete Britta und beschleunigte ihren Schritt. Max schloss selig die Augen und fiel in Schlummer.

„Der eine Kollege berichtete von einem Nasenspray-Süchtigen, der ihm immer neue Geschichten auftischte von irgendwelchen Verwandten, für die er die Fläschchen besorgte. Der andere von einem, der Hustensaft damit kombinierte. Und noch einer versuchte dann, etwas wissenschaftlicher zu wirken und erzählte von einer Kundin, die mit Baclofen allerbeste Erfahrungen gegen ihre MS gemacht hatte.“ Max stieß einen gequälten Schrei aus, da eine erneute Kolik ihn überrollte. „Dann fiel ein anderer ein, der auch so eine Kundin hatte.“ Britta blieb stehen und schaukelte geistesabwesend das Baby. Wie gut sie das macht, dachte Annette. „Am Ende stellte sich heraus, dass alle dieselbe Kundin meinten.“

Die PTA riss die Augen auf und war plötzlich hellwach. „Frau Gürtler?“ fragte sie. „Ja. Annette, ich habe nachgerechnet.“ Und dann zählte Britta leise und dezidiert auf: „Sie hat im Abstand von jeweils zwei Wochen drei N3-Packungen bekommen, von drei verschiedenen Apotheken.“ Es vergingen einige Sekunden, in denen man die alte Standuhr ticken hörte. „Was macht sie damit?“ fragte Annette leise. Die Apothekerin holte tief Luft. „Ihr Mann“, sagte sie, „hat mir gestanden, dass er zu viel trinkt. Schon seit langem. Und vor einiger Zeit hat das Verlangen nach Alkohol einfach aufgehört. Das erwähnte er so nebenbei.“ Annette sah sie fragend an. „Viel mehr beschäftigte ihn allerdings der Tatbestand, dass er keine Lust mehr hatte, mit seiner Frau zu schlafen.“ Britta senkte unwillkürlich die Stimme.

„Er lässt sich immer neue Ausflüchte einfallen. Denn er hat zu allem Überfluss festgestellt, dass er es auch gar nicht mehr kann. Körperlich, meine ich.“ Annette richtete sich auf. „Denkst du, was ich denke?“ fragte Britta. Den Tag, an dem eine verheulte Frau Gürtler Brittas Büro verließ, würde Annette so schnell nicht vergessen. Britta hatte ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie ihren Mann in Eigenregie von seiner vermeintlichen Alkoholsucht zu heilen versuchte. Das war nämlich eine noch nicht durch Studien verifizierte Wirkungsweise des Baclofen: Dem Wirkstoff, der eigentlich die Reizweiterleitung zwischen den Nerven im Rückenmark hemmt und so MS-Patienten hilft, wurde eine Unterdrückung der suchterzeugenden Mechanismen im Gehirn nachgesagt.

Allerdings war dazu eine weitaus höhere Dosierung nötig als für MS-Kranke üblich. Frau Gürtler hatte ihrem Mann, der an Bluthochdruck litt, die Tabletten gegeben. Der schluckte sie im Glauben, es sei Ramipril, das ihm vom Hausarzt verordnet worden war. Und hatte unter den Nebenwirkungen zu leiden: Sexuelle Lustlosigkeit, ein Hang zur Melancholie, allgemeine Gleichgültigkeit. Kein Essen schmeckte ihm mehr und er litt unter Mundtrockenheit. „Was hast du ihr gesagt?“ fragte Annette. „Ich will, dass sie erstmal damit aufhört. Und dass sie einen zweiten Kollegen hinzuzieht, das ist klar. Und dass sie ihrem Mann reinen Wein einschenkt.“

Britta nahm gedankenverloren eins der Päckchen in die Hand, das sie unter dem kleinen Weihnachtsbaum im Nachtdienstzimmer deponiert hatte. Dort lagen wie immer all die kleinen Give-Aways, die von den Pharma-Vertretern das Jahr über in der Apotheke gelassen worden waren. Die Belegschaft würde sie am 23. Dezember unter sich aufteilen. Das war immer sehr lustig. „Wenn ich die die Anti-Falten-Creme bekomme, ist was los“, sagte Annette und lächelte. „Wenn du sie kriegst, gib sie einfach an mich weiter“, grinste Britta.

Den Artikel finden Sie auch in die PTA IN DER APOTHEKE 12/17 ab Seite 118.

Alexandra Regner

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