Vor schwarzem Hintergrund liegen 5 oblonge Tabletten, weitere Tabletten liegen halb zerstoßen in einem kleinen, weißen Porzellanmörser.© theeraphat suttisan / iStock / Getty Images Plus
Wie macht man aus Tabletten Gel? Erst einmal mörsert man sie klein.

Rezeptur – Mischen possible

VON DER TABLETTE ZUM GEL

Neben dem Beratungsgespräch im Handverkauf gehört die Rezeptur für PTA zum wichtigsten pharmazeutischen Handwerkszeug. Lea Brachwitz leitet das Rezeptur-Team der Engel Apotheke in Darmstadt. In unserer Serie „Rezeptur – Mischen possible“ gibt sie Tipps, wie Sie mit schwierigen Rezepturen umgehen können.

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In meinem letzten Artikel über eine einfache Harnstoffpaste habe ich versprochen, beim nächsten Mal wieder etwas Spannenderes zu liefern. Und tatsächlich, eines Abends, kurz bevor wir die Rezeptur schließen wollten und schon mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, erreichte uns ein Anruf einer anderen Apotheke mit der Bitte um kollegiale Hilfe. Erst war ich etwas verstimmt, denn immer öfter verweisen Kollegen Rezepturen an uns, dabei sind die meisten nicht sonderlich kompliziert, aber häufig aufwendig oder die Bestandteile teuer.

Dieses Mal bin ich sogar fast dankbar, dass man uns die anstehende Rezeptur zugetraut hat. Da es schon recht spät war, bat ich um ein Fax des Rezepts. Zur Sicherheit bat ich auch noch um den Namen und Telefonnummer der Kollegin, die sich in der anderen Apotheke um Die Rezeptur kümmert. Ich versprach, dass wir uns am nächsten Tag melden würden, wenn ich die Rezeptur mit meiner Kollegin und Rezeptur-Apothekerin durch gesprochen hätte, und wir weitere Erkenntnisse gewonnen hätten, ob die Rezeptur herstellbar und plausibel ist.

Ein Gel aus Fertigarzneimitteln herstellen?

Als ich das Fax in Händen hielt, fiel mir sofort auf, dass es einen Wirkstoff nur noch in Tablettenform gibt. Aus Tabletten ein Gel? Das kann ja spannend werden… Aber hier erst Mal die Rezeptur:

Verordnung auf Rezept:
Ketamin 1 %
Amitriptylin 2 %
Hydrophobes Basis Gel DAC ad 50,0 g

Ketaminhydrochlorid als Substanz kennen wir und haben wir vorrätig, Amitriptylin aber eben nur als Fertigarzneimittel in Form von Tabletten oder Lösung. Gedanken um die Übernahme durch die Krankenkasse machte ich mir nicht, denn es ist ein BG-Rezept, Berufsgenossenschaft, die zum Glück fast alles bezahlen.

Trotzdem stellten sich jetzt die Fragen:

  • Verwenden wir bei vorliegender Rezeptur die Tabletten oder besser doch die Tropfen?
  • Und für was ist das Ganze überhaupt?

Recherche zu Herstellung und Wirkung

Mit wenig Hoffnung befragte ich das Neue Rezeptur Formularium (NRF) und wurde tatsächlich fündig. Allerdings fand ich  keine klassische NRF-Rezeptur mit geprüfter Plausibilität, Herstellungsvorschlägen und so weiter, auch stimmte die Konzentration der Wirkstoffe nicht überein. Im NRF ist Folgendes zu finden:

Aus dem NRF-Rezepturenfinder:
Amitriptylinhydrochlorid 1%
Ketaminhydrochlorid 0,5%
Hydrophobes Basis Gel DAC
(Ursprünglich wurde für diese Wirkstoffkombination ein Poloxamer-Lecithin-Gel vorgesehen, aber diese Gelgrundlage ist in Deutschland unbekannt, alternativ dazu dient eben das hydrophobe Basis Gel DAC.)

Um meine Neugierde zu befriedigen, bei welchem Krankheitsbild diese Wirkstoffkombination in Frage kommt, habe ich dann auch ganz ordinär mal Google befragt und war etwas erstaunt, was mir da ausgespuckt wurde. Zum einen fand ich eine Herstellungsvorschrift vom Universitätsklinikum Erlangen, aber auch verschiedene Berichte, wofür diese Zubereitung verwendet wird beziehungsweise verwendet werden kann. Die Uniklinik Erlangen lässt folgende Konzentration zubereiten: Amitriptylin 1% und Ketamin 0,5%.

Herstellungsvorschrift der Uniklinik Erlangen:
Amitriptylin-Neuraxpharm® Lösung 12,5 g
Ketamin 500Milligramm pro Milliliter Injektionslösung 5,0 g
Hydroxyethylcellulose mit der Quellungszahl 250 1,75 g
Konserviertes Wasser NRF S. 6 27,75 g
Glycerin 85 % 3,0 g.
Die Flüssigkeiten sollen in eine tarierte Fantaschale gegeben werden und der Quellstoff wird aufgestreut. Unter gelegentlichem Umrühren soll das ganze ausquellen und danach in eine Aluminiumtube abgefüllt werden.

Das NRF und Erlangen schlagen eine Haltbarkeit von vier Wochen  vor.

Dem aufmerksamen Leser ist aufgefallen, dass sich die Konzentrationen der beiden Rezepturen unterscheiden. Des Weiteren waren zum vorliegenden Zeitpunkt keine Ketamin-Ampullen in passender Konzentration lieferbar. Aus diesen Gründen haben wir uns dann entschieden, Amitriptylin-Tabletten zu verwenden und Ketaminhydrochlorid als Substanz.

Vorbereitung: Reinstoff in Salze umrechnen

Mit Blick auf meine Verordnung stelle ich fest, dass die Ärztin den Reinstoff meint, also Ketamin und Amitriptylin. Für mich bedeutet das, ich muss das Salz aus beiden Substanzen herausrechnen. Nachdem dies erledigt ist und meine Kollegin noch einmal meine Rechnung kontrolliert hat, beginne ich mit der tatsächlichen Vorbereitung. Ich entnehme dem Schrank eine Fantaschale mit Pistill, einen Mörser aus Porzellan mit Pistill, Löffel, Kartenblätter und Spatel und zur Sicherheit den Drei-Walzen-Stuhl, mein ungeliebtes Objekt.

Herstellung

Als erstes mörsere ich die entsprechende Tablettenmenge von zwölf Stück, denn tatsächlich brauche ich 11,3148 Tabletten. Nach dem Mörsern wiege ich die entsprechende Masse Pulver hab. Dabei habe ich festgestellt, dass die Tabletten recht hart sind und sich nicht leicht verreiben lassen. Also muss ich auf jeden Fall später die Salbenmühle bemühen, damit die Kundin kein Peeling-Erlebnis beim Auftragen des Gels hat. Anschließend wiege ich noch 0,5767 Gramm Ketaminhydrochlorid ab.

Die Pulver werden miteinander gemischt und mit 2,5 Gramm Propylenglykol angerieben, bevor ich anteilig Hydrophobes Basis Gel DAC dazu gebe. Unter häufigem Abschaben füge ich so lange Gel hinzu, bis das gewünschte Endgewicht von 50 Gramm erreicht ist. Da es immer noch deutlich in der Fantaschale knirscht, kommt nun die Salbenmühle zum Einsatz. Mehrmals gebe ich die Zubereitung über die Walzen und mache zwischendurch immer eine Probe, ob noch Partikel spürbar sind.

Wie das NRF vermutet hatte, ist es ein Suspensionsgel; es sind noch winzige orangerote Fleckchen sichtbar, die von der Dragierung der Amitriptylin-Tabletten stammen, aber im generellen ist die Zubereitung homogen und auch die dazu gerufene Apothekerin befindet das Gel für abgabewürdig. Also fülle ich das Ganze in eine Aluminiumtube, drucke das Etikett aus und gebe der Kundin Bescheid, dass sie ihre Zubereitung abholen kann.

Wofür ist die Rezeptur denn nun gedacht?
Leider, wenn man das so sagen darf, habe ich nicht mehr von der Kundin erfahren, ob das Gel ihre Beschwerden gelindert hat. In den Artikeln, die ich bei meiner Rechere gefunden hatte, waren die Aussagen nämlich nicht besonders deutlich, es ist viel die Rede von „kann“ und „vorzustellen ist, dass…“. In Studien deutet aber einiges darauf hin, dass diese Wirkstoffkombination bei einigen Menschen anschlägt und ihre Lebensqualität steigert.

Doch für was kann diese Wirkstoffkombination nun verwendet werden? Auf jeden Fall hat es mit Nerven und/oder Hauterkrankungen zu tun, da sind wir uns bestimmt einig. Ein mögliches Anwendungsgebiet ist bei Chemotherapie-bedingter Neuropathie. Hier wurde sogar eine Zubereitung verwendet, die vier Prozent Amitriptylin und zwei Prozent Ketamin enthält. Die Versuchsteilnehmer berichteten von einer Verbesserung ihrer Beschwerden und es wurden weniger Nebenwirkungen beobachtete als bei der Gabe oraler trizyklischen Antidepressiva.

Da ich bei solchen Projekten von Neugierde übermannt werde, habe ich noch ein bisschen weitergesucht, tatsächlich ist man zum Schluss gekommen, dass diese Kombination bei sämtlichen peripheren Nervenschmerzen Linderung bringen kann. Unabhängig davon, ob die Nervenschädigung durch einen Unfall, eine Krankheit oder eine Therapie (Chemo) hervorgerufen wurde. Als weitere Indikation fällt mir hier noch die Nachbehandlung einer Gürtelrose mit übriggebliebenem Nervenschmerz ein.

Also macht diese Rezeptur durchaus Sinn und könnte wahrscheinlich öfter eingesetzt werden, als sie es wird.

Quellen:
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/08/11/neuropathische-schmerzen 
https://ichgcp.net/clinical-trials-registry/NCT00471445 
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-222016/pharmacon-meran-2016/eine-therapeutische-herausforderung/ 
https://www.uk-erlangen.de/fileadmin/einrichtungen/apotheke/dateien/Infos_f%C3%BCr_%C3%B6ffentliche_Apotheken/Dermatika/Amitriptylin-Ketamin-Gel.pdf 
https://dacnrf.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=rezepturenfinderdetail&uid=2977 
https://flexikon.doccheck.com/de/Amitriptylin 

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