Die Krankheit des Lazarus

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Sie war im Mittelalter der Schrecken schlechthin: Lepra, auch Aussatz genannt, wurde schon in der Bibel beschrieben und galt als göttliche Strafe. Betroffene wurden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Bevor man überhaupt wusste, dass es Mikroorganismen gab, versetzte das Erscheinungsbild dieser Infektionskrankheit, hervorgerufen durch den Erreger Mycobacterium leprae, die Menschen in Angst. Betroffene litten unter typischen knotigen Auswüchsen im Gesicht, die mit der Zeit zum sogenannten Löwengesicht verschmolzen. Durch die Nervenschädigungen an den Extremitäten kam es außerdem zu Verstümmelungen und Lähmungen.

Rätsel der Herkunft Selbst der modernen Medizin ist es noch nicht gelungen herauszufinden, wo der Erreger überhaupt herkommt. Fest steht nur, dass er ausschließlich den menschlichen Wirt besiedelt und sich bei Ausbruch in dessen Zellen explosionsartig vermehrt . Es ist heute mit einer bestimmten Antibiotika- Kombination ohne weiteres möglich, ihn sehr schnell abzutöten. Dabei ist die Lepra keinesfalls ausgerottet, ihre Fallzahl geht allerdings in den entwickelten Ländern gegen Null und existiert nur über Einschleppung.

Hauptsächlich in Afrika, Brasilien, Indien und Südostasien finden sich noch bis zu 300 000 Neuerkrankte jährlich. Die Krankheit hat eine lange Inkubationszeit – im Schnitt 4 Jahre, es können aber auch 20 sein – und wird vorzugsweise übertragen, wenn Menschen sehr lange in sehr schlechten hygienischen Verhältnissen dicht beieinander leben. Auch dann erkrankt aber wegen der geringen Virulenz nur einer von 20 Menschen daran; man vermutet auch eine familiäre Disposition.

Gestraft von Gott Nichts von dem wusste man im Mittelalter. Das furchterregende Äußere der Kranken im Gesicht und an den Gliedmaßen ließ auf eine Gottesstrafe schließen. Die Kranken wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und zwar mit sehr drastischen Maßnahmen. Während ferne Länder sogenannte „Lepra-Kolonien“ gründeten, entstanden in Deutschland „Leprosorien“; spezielle Siechenhäuser, die ausschließlich Leprakranken als Unterkunft dienten.

Das Kölner Melatenhaus („mal ladre“, Krankheit des Lazarus) ist dabei wegen des angrenzenden, heute noch bestehenden Friedhofes vielleicht das Bekannteste. Anders als um die an Pest Erkrankten kümmerte sich die Kirche um diese Menschen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Heilung des „aussätzigen“ Lazarus bereits in der Bibel beschrieben wurde.

Mittelalterliches Attest Für die Aufnahme ins Leprosorium nahm zunächst eine Ärztekommission die „Lepraschau“ vor und fällte erstaunlich genaue Urteile: Sie testete die Sensibilitätsstörungen, suchte nach Geschwüren in den Nasengängen, veranlasste den Betroffenen zu einer „Singprobe“, um die typische raue Stimme zu hören. War die Krankheit festgestellt, erfolgte der Ausschluss aus der Öffentlichkeit.

Das Edikt des Langobardenkönigs Rothar legte 634 erstmals fest, den Kranken aus seinem Haus zu vertreiben und ihn fortan wie einen Toten zu behandeln. 757 erlaubte die Synode von Compiègne sogar, dass eine Ehe geschieden werden durfte, wenn einer der Partner an Lepra erkrankt war – in den Zeiten der Unauflöslichkeit der Ehe ein brachialer Akt. Die weitreichendsten Beschlüsse fasste dann das Dritte Laterankonzil von 1179: Aller Besitz und der Gemeindestatus wurde den tamquam mortuus, den lebenden Toten, genommen; Kirchen durften nicht mehr besucht, die an Lepra gestorbenen Menschen nicht mehr auf den allgemeinen Friedhöfen bestattet werden.

Barbarische Sitten Teilweise musste der Erkrankte an seiner eigenen Totenmesse teilnehmen. Der Pfarrer ermahnte ihn dabei vor der Trauergemeinde, sich künftig von Gesunden fernzuhalten. Danach musste der Leprakranke in die ausgehobene Grube steigen; ihm wurde symbolisch Erde auf den Kopf gestreut. Die Leprosorien standen oft an belebten Straßen oder Wegkreuzungen, sodass die in einer Art klösterlicher Gemeinschaft lebenden jedenfalls betteln konnten. Sie wurden dazu in den charakteristischen dunklen Kapuzenmantel gehüllt und hatten eine Art Klapper, um Gesunde vor sich selbst zu warnen.

URSPRUNG
Die Krankheit Lepra erreichte früh den Mittelmeerraum, möglicherweise durch das Heer Alexanders des Großen (333, bei Issos‘ Keilerei), das das Mycobacterium leprae aus Indien mitbrachte. Im
12. Jahrhundert erreichte die Erkrankungszahl ihren Höhepunkt und ging dann langsam zurück. Noch im 19. Jahrhundert wurden in Norwegen besonders viele Fälle nachgewiesen.

Die Hausordnung selbst war streng; alle Dinge, die der Zerstreuung dienten wie Singen oder Lachen, waren verboten. Die Tage wurden im Gebet verbracht. So war den Kranken nicht nur ihre Familie genommen, sondern sie mussten auch das Stigma der Ausgrenzung ertragen. Und doch ging es den meisten in Deutschland, den Niederlanden oder Norwegen (einem Land mit besonders hoher Durchseuchungsrate) immer noch besser als anderswo, wo die Menschen auf der Straße leben mussten.

Endlich geklärt Auf die Spur kam man dem Bakterium erst 1873. Da entdeckte der norwegische Arzt Gerhard Henrik Armauer Hansen den stäbchenförmigen Organismus unter dem Mikroskop. Mycobacterium leprae gehört damit zu den am frühesten entdeckten Krankheitserregern überhaupt. Der Spuk nahm damit ein Ende: Das Unerklärliche wurde zu einer ganz normalen Infektionskrankheit, auch wenn es bis zur Entdeckung der Antibiotika noch ein wenig dauerte.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/15 ab Seite 124.

Alexandra Regner, PTA und Journalistin

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