Der Mann mit der Couch

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Sigmund Freud begründete die Psychoanalyse. Er hatte sechs Kinder, liebte seinen Hund über alles und starb elend an den Folgen seiner Nikotinsucht. Das Thema seines Lebens hatte viel mit Sex zu tun.

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Sigmunds Vater Jacob war wohl das, was man heute einen Womanizer nennen würde. Er heiratete in dritter Ehe die bildschöne Amalia Nathansohn, obwohl er finanziell nicht viel zu bieten hatte: Als Wollhändler verdiente man nicht gerade üppig und dann waren da auch noch zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe. Die neue Frau gebar schnell nach der Hochzeit Sohn Sigismund Schlomo und danach noch sieben weitere Kinder. Doch der Erstgeborene sollte Lieblingssohn werden, der einzige mit eigenem Zimmer, ein Überflieger in der Schule, der 1873 seine Matura in Wien mit Auszeichnung ablegte.

Kokain, die neue Substanz Sigmund, der ein völlig anderes Wesen als sein Vater besitzt, schreibt sich für Medizin ein, bekommt ein Jahr später ein Stipendium, seziert für seine Doktorarbeit rund 400 Aale, um zu beweisen, dass sie Hoden besitzen. 1882 tritt er seine erste Stelle an, am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, befasst sich in dieser Zeit mit der pharmazeutischen Wirkung von Kokain, das damals noch wenig bekannt ist. Er probiert es auch selbst aus, ist begeistert, entdeckt erst später dessen Suchtpotential und rudert kleinlaut von den ehemals euphorischen Empfehlungen zurück.

Immerhin, etwas bleibt aus dieser Zeit: eine Studie, die von der lokalanästhetischen Wirkung Kokains auf das Auge handelt – damals eine bahnbrechende Neuerung. In die Zeit seiner ersten Anstellung fällt die Begegnung mit dem Lebensthema: Während einer Studienreise nach Paris lernt er einen Arzt kennen, der „Hysterie“ als echte Krankheit wertet und die Hypnose als Heilungsmöglichkeit. Bisher waren psychische Störungen lediglich von Seiten der Symptome betrachtet worden – jetzt wendet man sich langsam den Ursachen zu.

SIGMUND FREUD …
wurde am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg geboren. Der Neurologe gilt als Begründer der modernen Psychoanalyse, war aber auch Religionskritiker und Kulturtheoretiker. In der Berggasse 19 in Wien behandelte er seine Patienten in der so genannten „Sprechtherapie“. Der mit Martha Bernays verheiratete Wissenschaftler jüdischen Glaubens hatte mit seiner Frau sechs Kinder. Er starb im 1939 Londoner Exil.

Vom Bewussten und Unbewussten Obwohl Freud sich schnell von der Hypnose abwendet, legt sie in ihm doch den Grundgedanken, dass die Psyche des Menschen mehrere Ebenen haben muss. Er verwendet erstmals den Ausdruck des „Unbewussten“, die später in der weltberühmten Veröffentlichung über das „Es, Ich und Über-Ich“ münden soll. Freud postuliert darin das „Es“ als Sitz der Triebe, Bedürfnisse und Affekte und das „Ich“ als Sitz der Vernunft und selbstkritischen Denkens, das nur reagiert, und schließlich das „Über-Ich“, in dem Gebote, Verbote und moralische Wertvorstellungen verankert sind. Sein Denkmodell vom Bewussten und Unbewussten wirft für ihn die Frage auf, ob der Mensch überhaupt noch „Herr im eigenen Haus“ ist.

Sigmund Freud ist besessen davon, die menschliche Psyche zu ergründen. Er kombiniert in der Wiener Berggasse 19 seine Wohnung und die Praxis und lässt sich dort als Nervenarzt nieder; 47 Jahre lang werden seine Patienten die Stufen mit dem fein ziselierten Treppengeländer hochsteigen, um sich bei dem Psychoanalytiker auf die Couch zu legen, ein Möbelstück das heute im Freud Museum in London steht. In seiner „Sprechtherapie“ dürfen Menschen mit psychischen Leiden von ihren Träumen, ihren Assoziationen dazu, von ihrer Kindheit und ihren Ängsten erzählen. So etwas gab es damals noch nicht.

Masturbation als „Ursucht“ Doch Sigmund Freud ist ein Kind seiner Zeit. „Man müsse den „gesellschaftlichen Puritanismus dieses versunkenen Zeitalters berücksichtigen“, wenn man über Freud urteile, schreibt sein Biograf Peter Gay. Es ist die Zeit, in der Masturbation eine schwere Sünde darstellt und angeblich zu Gehirnerweichung und Rückenmarksschwund führt. Sigmund Freud sieht in ihr die Ursache neurotischer Erkrankungen, bezeichnet sie als „Ursucht“, an deren Stelle später erwachsenentypische Süchte wie das Rauchen träten. Freud spricht in seinen Vorträgen von den Folgen sexueller Unterdrückung, von männlicher Hysterie und kindlicher Sexualität. Er wird dafür ausgepfiffen.

Die Ärzte seiner Zeit wollen von solchen Themen nichts hören. Der Wiener Psychiater lässt sich nicht beirren. Bei sich selbst hat er erlebt, was er jetzt griffig den „Ödipuskomplex“ nennt, und schreibt in einem Brief dazu: „Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit.“ Er entwickelt die Traumdeutung zu einer Wissenschaft. An seiner Seite: C. G. Jung, mit dem er sich später überwirft. Freud äußert seine Meinung zur Religion („Der Mann Moses und die monotheistische Religion“), verfasst „Jenseits des Lustprinzips“ und Arbeiten zur Neurosentheorie und Triebverdrängung. Er ist unermüdlich, obwohl schon nicht mehr gesund.

Im Jahr 1933 fallen auch Freuds Werke der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum Opfer.

Schwere Erkrankung 1923, Sigmund Freud ist 67 Jahre alt, wird bei ihm ein Oberkieferkarzinom diagnostiziert. Er zeigt es seinem Arzt erst, als es schon weit fortgeschrit- ten ist. Der starke Raucher lässt auch dann nicht von seiner Sucht, als ihm der größte Teil des Oberkiefers, ein kleiner Teil des Unterkiefers, des Gaumens sowie der Wangen- und Zungenschleimhaut entfernt und in der Folge eine Metallprothese eingesetzt wird. Diese führt zu fortwährenden Entzündungen und stärksten Schmerzen. Insgesamt 34 Operationen lässt der berühmte Psychoanalytiker über sich ergehen, bis er am 22. September 1939 seinen Arzt um eine Überdosis Morphin bittet. Der verabreicht sie ihm in zwei Dosen: Am frühen Morgen des Folgetages stirbt der Psychiater durch Lähmung des Atemzentrums.

Seine letzten Lebensjahre bescherten ihm dennoch eine unerwartete Freude: Für seine Tochter Anna, die später sein Lebenswerk verwalten wird, schafft er einen Schäferhund an. Das Tier begeistert ihn so sehr, dass er sich einen Chow-Chow schenken lässt. „Jofie“ wird der erste Therapiebegleithund der Welt. Die Hündin nahm neue Patienten stets mit ihrem Herrn zusammen in Empfang. Knurrte sie und verzog sich dann unter den Schreibtisch, wusste Freud Bescheid: „Wen Jofie nicht mag, mit dem stimmt etwas nicht.“ Andererseits gesellte die ansonsten nicht gerade schmusige Hündin sich neben Patienten, die sehr aufgewühlt waren; diese durften sie dann streicheln. Nach exakt 50 Minuten ging Jofie zur Tür: Sie wusste, wann eine Therapiestunde zu Ende war.

Den Artikel finden Sie auch in die PTA IN DER APOTHEKE 04/17 ab Seite 98.

Alexandra Regner, PTA, Journalistin und Redaktion

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