Ohne geht’s (noch) nicht

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Kein Tier soll für sie gequält oder getötet werden – immer mehr Menschen verschreiben sich der veganen Lebensweise. Doch wenn es um Arzneimittel geht, gestaltet sich das schwierig.

Denn abgesehen von den Inhaltsstoffen, die gemieden werden können wie Gelatine oder Laktose, sind doch praktisch alle rezeptpflichtigen Medikamente durch Tierversuche getestet worden. Das Zulassungsverfahren für neue Arzneimittel schreibt vor, dass jedes Medikament, das auf den Markt kommt, zuvor ein bestimmtes Stufenmodell durchlaufen muss.

Dieses gliedert sich in eine Präklinische und eine Klinische Phase; letztere sieht die Erprobung des Wirkstoffes, streng reglementiert und jederzeit überwacht, am Menschen vor. Doch bevor die Forschung auf Wirksamkeit und Verträglichkeit am Menschen testen darf, muss ein neues Medikament zuerst einmal mit Zellkulturen oder im Tierversuch getestet werden.

Neue Vorschriften So streng waren die Sitten nicht immer. Erst nach dem sogenannten Contergan-Skandal wurde das deutsche Arzneimittelgesetz verschärft. Davor diente es praktisch nur zur Registrierung von neuen Medikamenten. 1961 war das rezeptfreie Thalidomid-haltige Schlafmittel bedenkenlos an Schwangere abgegeben worden – die Klinische Testphase im Vorfeld verdiente ihren Namen damals noch nicht. In einer bestimmten Phase der Schwangerschaft eingenommen, ruft Thalidomid jedoch gravierende Missbildungen des Embryos an den Extremitäten hervor; die Kinder kamen mit verstümmelten Armen auf die Welt.

Drei Jahre später wurde jedes neue Medikament für drei Jahre unter die Verschreibungspflicht genommen. Erst seit 1976 gibt es das Gesetz in seiner heutigen Form. Dr. Corina Gericke, Ärztin vom „Bund für vegane Lebensweise“ schreibt auf der Homepage des Vereins: „Anders als bei der Ernährung ist ein vollständiger Boykott aller tiergetesteten Substanzen nicht möglich“, denn anders als bei der Ernährung würden auf diese Weise keine Tiere gerettet werden. Wir können die Tierversuche der Vergangenheit nicht rückgängig machen, wir können nur dafür sorgen, dass es in Zukunft keine mehr gibt.“

Die Medizinerin setzt dabei auf In-Vitro-Versuche im Labor, die ihrer Ansicht nach auch bessere Ergebnisse liefern würden, „denn Tierversuche halten wegen der falschen Ergebnisse, die sie liefern, nur auf.“

Lange im Handel Ein Tipp, den die PTA ihren vegan lebenden Kunden geben kann, ist, auf Generika zurückzugreifen. Diese nutzen lange bewährte Wirkstoffe in Nachahmer- Präparaten, für die keine Tierversuche mehr nötig sind, wie Paracetamol oder Ibuprofen. Doch Achtung: Nur weil auf solche Versuche verzichtet wurden, heißt das noch nicht, dass die Zutaten vegan sind! Heparin zum Abschwellen von Blutergüssen wird aus dem Darm von Tieren gewonnen und auch hoch dosierte pflanzliche Bärentraubenblätter-Kapseln gegen Blasenentzündung enthalten oft Laktose oder Gelatine.

Es heißt hier also, die Zutatenliste des Medikamentes genau zu prüfen. Und wer es ganz genau nimmt, hat auch mit Generika ein Problem, denn auch diese Wirkstoffe sind einmal an Tieren getestet worden. Doch manchmal gibt es eben keine Alternative: Jemand, der auf Schilddrüsenhormone eingestellt ist, der Insulin spritzt oder gerinnungsfördernde Medikamente nimmt, ist auf Medikamente, die an Tieren getestet wurden, angewiesen.

STUFEN ZUR ZULASSUNG
Jedes neu entwickelte Arzneimittel durchläuft verschiedene Prüfungsphasen, bevor es vom Bundesamt für Arzneimittel (BfArm) zugelassen wird. Vorklinische Prüfung: Der Wirkstoff wird unter anderem auf Toxitizität, Teratogenität und Kanzerogenität im Labor und an Tieren getestet. Phase I der Klinischen Prüfung testet an wenigen gesunden Erwachsenen, Phase II an wenigen kranken Probanden, bis Phase III dann eine Feldstudie an vielen kranken Menschen durchführt. Nach positiver Prüfung der Studienlage erteilt die zuständige Zulassungsbehörde dann die Zulassung für einige Jahre. Danach wird erneut geprüft. Dann erst erfolgt die endgültige Zulassung.

Wer vor einer Operation eine Narkose bekommen soll, kann darauf nicht verzichten. Wer für eine Krebstherapie Chemotherapeutika erhalten soll, weiß, dass dafür Tiere gestorben sind. Denn bei allen Überlegungen bleibt der Grundsatz: Neue Medikamente können nun mal nicht sofort am Menschen getestet werden; immer ist ein Versuch außerhalb des Menschen vorausgegangen.

Tierversuche verboten Nur in der Kosmetik gibt es wenigstens eine begrenzte Auswahl. Tierversuche beim Endprodukt sind schon seit längerem EU-weit verboten, doch auch die Grundlagen (z. B. Jojobaöl, Palmöl, Paraffin) sind häufig an Meerschweinchen, Ratten oder Kaninchen getestet worden. Grundlagen, die nicht nur für Kosmetik verwendet werden, müssen sogar an Tieren erprobt werden – und zwar ausgiebig. Insofern ist das Etikett „tierversuchsfreie Kosmetik“ manchmal mit Vorsicht zu genießen.

Wer Wert auf vegane Produkte legt, kann sich die Positivliste des Deutschen Tierschutzbundes ansehen oder die des Humane Cosmetic Standard HCS. Rezeptpflichtige Medikamente ohne Tierversuche sind also praktisch nicht möglich. Doch wie steht es mit den rezeptfreien, apothekenpflichtigen und apothekenüblichen Waren? Vom Heftpflaster bis zum Durchfallmittel – was darf als vegan bezeichnet werden?

Auch hier gilt: Ein genaues Studium der Zusammensetzung ist unumgänglich. Selbst dann kann jedoch oft keine genaue Zuordnung vorgenommen werden. Ein großer deutscher Pflasterhersteller verwendet Wollwachs und Gelatine in seinen Produkten. Ein anderer schreibt: „Das Pflaster (…) ist ohne tierische Produkte hergestellt. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass aufgrund gesetzlicher Erforderlichkeiten (Zytotoxizitätstests nach EN ISO Nr….) in der Vergangenheit Tierversuche an einzelnen Rohstoffen vorgenommen worden sind.“ Denn Rohstoffe, die aus dem Ausland eingeführt worden sind, unterliegen den deutschen Vorschriften nicht. So sind zum Beispiel in China Tierversuche an diesen Grundsubstanzen sogar vorgeschrieben!

Natürliche Lebensweise Wer weitestgehend auf nicht lebensnotwendige Medikamente verzichten will, kann auch zu eher „altmodischen“ Methoden zurückgreifen. Wer eine Erkältung hat, legt sich ins Bett und trinkt Lindenblütentee. Wer sich den Knöchel verstaucht hat, macht kühle Umschläge mit Arnikatinktur und legt das Bein hoch. Eine gesunde Lebensweise mit wenig Stress oder Stressbewältigungstraining wie Meditation sowie vernünftiger Ernährung plus Bewegung kann sogar das Krankwerden vermeiden.

Diese Ratschläge klingen simpel, jeder weiß auch, dass sie in bestimmten Situationen nicht durchgeführt werden können. Und doch – Nachdenken darüber lohnt sich. Entschleunigen, damit der Körper sich selbst heilt, ist zumindest eine Option.

Tipp Wer sich für das Thema Tierversuchsfreie Medizin interessiert, findet auf der Seite www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/ viele Anregungen.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/15 ab Seite 54.

Alexandra Regner, PTA und Journalistin

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