Interview mit Cynthia Milz

PRÄVENTION MACHT SPASS

Seit seiner Gründung 2007 hat das Wissenschaftliche Institut für Prävention im Gesundheitswesen (WIPIG) schon viel bewegt. Warum gerade die Apotheken hierbei eine Schlüsselrolle spielen, erklärt Cynthia Milz.

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Welche Ziele verfolgt das WIPIG?
Unser oberstes Ziel ist es, die Apotheke in der politischen Debatte als wichtigen Akteur in der Prävention zu platzieren. Wir haben dafür schlagkräftige Argumente: Mit über vier Millionen Kundenkontakten, einer wohnortnahen Anbindung und hoch qualifiziertem Personal leisten Apotheken einen ernormen Beitrag, wenn es um die gesundheitliche Aufklärung von Verbrauchern geht. Gegenüber den Kassen fordern wir eine Honorierung unserer Präventionsleistungen.

VITA
Cynthia Milz, Jahrgang 1965, ist seit 2010 Sprecherin des Institutsdirektoriums von WIPIG. Als Filial-Leiterin der Nikolai-Apotheke in Kulmbach ist sie weiterhin im Apothekenalltag verwurzelt, sodass der Präventionsgedanke des WIPIG bei ihr keine graue Theorie bleibt. Die Apothekerin ist zudem seit 2002 Delegierte der Bayerischen Landesapothekerkammer und seit 2006 Mitglied des Vorstands der Bayerischen Landesapothekerkammer. Ferner schreibt sie als Autorin für Apotheker-Fachzeitschriften.

Daneben suchen wir auch das Gespräch mit anderen Akteuren in der Gesundheitsvorsorge. WIPIG möchte ein Netzwerk für Präventionsbegeisterte schaffen und diese für Projekte zusammen bringen. Naturgemäß ist die Mehrheit der aktiven WIPIG-Netzwerk-Mitglieder Apotheker.

Aber wir haben einen interdisziplinären Anspruch. Das „W“ in unserem Namen steht für die Wissenschaft. Wir begleiten Präventionsprojekte wissenschaftlich und werten die Ergebnisse aus. Aktuell laufen zwei Projekte, die von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen betreut werden. Mir persönlich ist wichtig, dass WIPIG auch etwas für das Apothekenteam selbst bietet. Ich möchte, dass wir mit unserer Arbeit das pharmazeutische Personal bei der Durchführung von Präventionsaktionen unterstützen – sei es durch Materialien oder durch neue Ideen.

Warum ist Prävention so wichtig?
Für mich bedeutet Prävention vor allem Lebensqualität. Mit der richtigen Vorsorge können wir Krankheiten verhindern oder verzögern und bis ins Alter gesund bleiben. Entscheidend ist: Wir dürfen Prävention nicht als eine Ansammlung von Verboten verstehen. Es sind die Spiel - regeln für ein gesundes Leben mit hoher Lebensqualität und Lebensfreude in jedem Alter. Prävention macht Spaß und muss zu einer Selbstverständlichkeit für uns alle werden! Daneben gibt es auch eine Art gesellschaftlicher Verpflichtung zur Prävention. Wir werden immer älter, die Gesundheitsversorgung wird immer teurer. Da sehe ich es als unsere Pflicht an, aktiv gegenzusteuern und mit Präventionsmaßnahmen künftige Gesundheitskosten zu reduzieren. Für mich als Patientin bedeutet das, dass ich mich selbstständig über Risiken informiere und bewusst lebe. Für mich als Apothekerin bedeutet das noch ein bisschen mehr: Als Heilberuflerin bin ich, mehr als andere, dazu verpflichtet, diese Aufgabe wahrzunehmen und Prävention ernsthaft voranzutreiben.

Welche Projekte unterstützen Sie aktuell auf dem Gebiet der Prävention?
Wir engagieren uns in zwei wissenschaftlichen Projekten. Bei der Aktion „Herzensangelegenheit 50+“ untersuchen wir die Möglichkeiten der Vorsorge für Herzkreislauf-Erkrankungen. Wir sind dazu nach in den Nordosten Bayerns gegangen, da dort bayernweit die meisten Menschen an Herzinfarkt sterben. In Kooperation mit 13 Apotheken vor Ort haben wir die kardiovaskulären Risikofaktoren von 50- bis 70-Jährigen erfasst. Nun wird geprüft, ob deren Ausprägung durch eine individuelle Apothekenbetreuung vermindert werden konnte.

Bei unserem zweiten Projekt „Bestands- und Bedarfsanalyse“ ist der Name Programm: Mit einer Umfrage unter Apotheken haben wir einen Überblick über die bestehenden Präventionsaktivitäten erhalten. Eine Mitarbeiterin wertet derzeit die knapp 600 Zuschriften aus. Zeitgleich versuchen wir über eine Bevölkerungsumfrage herauszufinden, was sich die Verbraucher eigentlich von der Apotheke wünschen. Aus den Ergebnissen erarbeiten wir, in Kooperation mit dem bayerischen Gesundheitsministerium, ein Aktionskonzept, das für Apotheken und Patienten gleichermaßen sinnvoll ist.

Neben den wissenschaftlichen Aktivitäten haben wir natürlich unser Ohr ganz nahe am Netzwerk und erstellen Materialien, die Apotheker und PTA für ihre eigene Präventionsaktion in der Apotheke verwenden können. Derzeit erstellen wir Patientenratgeber zu den Themen Osteoporose und Wechseljahre. Außerdem soll das Projekt XUNDI, Ernährungsberatung in Kindergärten, auf neue Beine gestellt werden. Fertige Vorträge und Unterlagen stellen wir unseren Netzwerkern dann zur freien Verfügung.

Kooperieren Sie mit medizinischen Fachgesellschaften oder Stiftungen?
Eine interessante Zusammenarbeit hat sich im letzten Jahr mit der Deutschen Alzheimergesellschaft zum Thema Prävention von Demenz ergeben. Zudem arbeiten wir seit einigen Jahren mit dem „Netzwerk gegen Darmkrebs“ zusammen und bieten spezielle Online-Schulungen an. Im Bereich der Suchtprävention sind die Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen BAS und der Verein Condrobs e.V. unsere Partner. Darüber hinaus gibt es Kooperationen mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und dem Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth.

Welche Rolle spielen Apotheken – und die PTA – bei der Prävention?
Ich bin der Meinung, dass wir Heilberufler besonders in der Pflicht stehen, uns für Prävention zu engagieren. Meine Erfahrung ist, dass Patienten sich durchaus für gesunde Lebensführung und Vorsorgethemen interessieren. Was ihnen schwerfällt, ist die Umsetzung in den Alltag. Einen Vortrag über gesunde Ernährung anzuhören, ist die eine Sache. Es ist eine ganz andere Sache, das Gehörte auch in den Alltag zu integrieren. Genau hier sehe ich die Rolle der Apotheke: Wir sind für den Patienten wohnortnah zu erreichen. Wir kennen und sehen unsere Patienten häufig. Der Patient vertraut uns. Apotheker und PTA müssen ihn im Alltag begleiten, ihn motivieren und ihm Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Es ist unsere Aufgabe, ihm die Vorsorge so leicht wie möglich zu machen. Das ist für den Patienten eine echte Hilfestellung. Und für das pharmazeutische Personal ist es eine befriedigende Aufgabe, da sie uns wieder näher an den Patienten bringt. Ich mache hier bewusst keinen Unterschied zwischen Apotheker und PTA. Es ist das ganze Apothekenteam, das den Patienten motivieren und unterstützen muss. Wenn wir unser pharmazeutisches Team bei dieser Aufgabe nicht mitnehmen, ist die Vorstellung, wir könnten für den Patienten einen Mehrwert bringen, von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

Wie können sich PTA auf diesem Gebiet fortbilden?
Die bayerische Apothekerkammer hat als erste Kammer bundesweit die Weiterbildung „Prävention und Gesundheitsförderung“ für Apotheker etabliert. Relativ schnell hat sich unser Vorstand dann dazu entschlossen, eine ähnliche Zusatzqualifikation auch für PTA anzubieten. Die Erfahrung zeigt einfach, dass ohne engagierte pharmazeutische Mitarbeiter das Konzept einer Präventionsapotheke nicht denkbar ist. Deshalb organisiert die Kammer für PTA die Zusatzqualifikation „Prävention und Gesundheitsförderung“. WIPIG bietet Aufbaumodule an und bildet PTA im Anschluss zum „Präventionsberater WIPIG“ aus. Inhalte der Zusatzqualifikation sind u.a. Prävention des metabolischen Syndroms, Gesundes Altern, Stressmanagement, Impfen und Ernährungsthemen. Im Januar 2012 startet voraussichtlich ein neuer Kurs.

Wie ist die Resonanz der Apotheken auf Ihre Angebote?
Unser Netzwerk wächst ständig weiter. Momentan haben wir knapp 2400 Teilnehmer und es werden ständig mehr. Wir informieren unsere Netzwerker zeitnah über Veranstaltungen, Fortbildungen oder neues Material, das wir online stellen. Diese Vorab- Information ist ein Mehrwert für die Netzwerk-Mitglieder und wir bekommen darauf nur positive Resonanz. Gerne genutzt werden auch unsere fertigen Vortragsmaterialien. Auf die Unterlagen für „Apotheke ist Klasse!“ haben über 800 bayerische Apotheken zugegriffen. Auch die Weiterbildung „Prävention und Gesundheitsförderung“ ist gut angelaufen. Mittlerweile haben wir 98 Abschlüsse, 66 davon haben sich zusätzlich zum WIPIG-Präventionsmanager® weiterqualifiziert. Ein besonders schöner Erfolg für uns: Die Präventionsmanager haben sich nun zu einem Qualitätszirkel zusammengeschlossen. Sie treffen sich regelmäßig, stoßen eigene Projekte an und tragen den Präventionsgedanken noch weiter in die Breite.

Warum und wie profitieren Kunden von einer Apotheke, die den Präventionsgedanken ernst nimmt?
Wenn eine Apotheke sich als Präventionsapotheke positioniert, hat der Patient einen echten Mehrwert. Zum einen können wir Patienten gezielt auf Risiken ansprechen, die ihnen vielleicht gar nicht bewusst sind. Als Apothekenteam haben wir den Überblick über die Medikation und können im Idealfall auch den Lebensstil einschätzen. Ergeben sich daraus Risiken für die Gesundheit, wird eine Präventionsapotheke den Kunden gezielt darauf ansprechen und individuell abgestimmte Vorsorgemöglichkeiten aufzeigen. Zum anderen profitieren Patienten von einer dauerhaften Betreuung.

Die Apotheke vermittelt, dass gesunde Lebensführung nicht bedeuten muss, auf Genuss zu verzichten. Im Gegenteil: Prävention soll Spaß machen! Das Apothekenteam liefert Motivation, Hilfe zur Selbsthilfe und ist ein unkomplizierter Ansprechpartner, den man jederzeit ohne Termin erreichen kann. Ob Abnehmkurse, Screening-Aktionen oder andere Präventionsangebote, diejenigen, die das Angebot der Apotheken annehmen, profitieren auf Dauer durch einen bewussten Lebensstil.

Wie ist Ihre Erfahrung mit Ärzten – sehen sich diese durch Präventionsangebote in der Apotheke bedroht oder wie können beide sogar kooperieren?
Meine Erfahrung ist, dass viele Ärzte zunächst skeptisch reagieren, wenn zum Beispiel Screening-Maßnahmen in der Apotheke angeboten werden. Wichtig ist dann ein persönliches Gespräch mit dem Arzt, um diese Bedenken auszuräumen. Gerade bei Screenings können wir unsere Vorteile als Apotheke selbstbewusst ausspielen: Wir packen den Patienten im Alltag, wohnortnah, ohne Praxisgebühr oder Termin. Wir klären auf und können eine Sensibilisierung für Risikofaktoren herstellen. Das kann ein Arzt schon allein aus Zeitgründen nicht immer leisten.

Entscheidend ist jedoch, dass wir an keiner Stelle in die Diagnose eingreifen. In allen kritischen Fällen werden wir jeden Patienten immer umgehend an den Arzt verweisen. Dieser Umstand ist vielen Ärzten nicht bewusst und kann zu Missverständnissen führen. Hier hilft ein persönliches Gespräch. Meist klappt die Zusammenarbeit vor Ort ganz wunderbar. Trotzdem gebe ich zu, dass wir hier noch Pionierarbeit leisten müssen. Wie aktiv sind andere Länder bezüglich der Prävention, gibt es hier einen internationalen Austausch? Bei unserem wissenschaftlichen Projekt „Bestands- und Bedarfsanalyse von Präventionsaktivitäten“ hatten wir erstmals Kontakt mit der „FIP – International Pharmaceutical Federation“, einem Zusammenschluss von nationalen Apothekerverbänden, die insgesamt über 2 Millionen Apothekerinnen und Apotheker vertreten. Dadurch haben wir einen Einblick bekommen, welche Präventionsaktivitäten in anderen Ländern bereits laufen. Der Austausch auf internationaler Ebene war sehr fruchtbar für uns und wir hoffen, ihn noch weiter ausbauen und für uns nutzbar machen zu können.

DER PRÄVENTIONSPREIS „HAUPTSACHE PRÄVENTION“ GEHT IN DIE ZWEITE RUNDE!
Nach dem großen Erfolg des ersten WIPIG-DAZ-Präventionspreises mit den vielseitigen und spannenden Konzepten von 80 Bewerbern wird der Preis nun 2011 zum zweiten Mal verliehen. Es war schon 2009 sehr erfreulich zu sehen, wie vielfältig und auf wie vielen Gebieten Apotheken das Thema Prävention aktiv angehen. Das möchten wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten. Deshalb sind alle 80 Bewerbungen aus dem Jahr 2009 für Sie in einem Präventionsband zusammengefasst. Er kann Ihnen einen Überblick über die Bandbreite an möglichen Präventionsprojekten geben und als Anregung für eigene Initiativen dienen. Weitere Informationen finden Sie www.wipig.de/presse/wipig_tipp/49.
Auch für den bayerischen Gesundheitsminister, Dr. Markus Söder, ist es ein Anliegen, den Präventionspreis zu unterstützen. Deshalb übernimmt er, wie im Jahr 2009, erneut die Schirmherrschaft für den Preis. Bewerben Sie sich mit Projekten und Ideen rund um Prävention und Gesundheitsförderung mit Bezug zur Apotheke. Die besten Bewerbungen werden prämiert. Zusätzlich freuen wir uns in diesem Jahr erstmalig einen gemeinsam von der Bayerischen Landesärztekammer und der Bayerischen Landesapothekerkammer ausgeschriebenen Sonderpreis „Beste Kooperation Arzt/Apotheker im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung“ ankündigen zu können. Beide Kammern haben vereinbart für diesen Sonderpreis ein Preisgeld von insgesamt 1000 Euro auszuschreiben. Wir würden uns daher besonders auch über „Kooperationsbewerbungen“ freuen. Weitere Informationen hierzu werden wir Ihnen gemeinsam mit der Ärztekammer in den nächsten Wochen zur Verfügung stellen.
Haben Sie eine Idee oder führen Sie bereits Projekte durch? Dann bewerben Sie sich jetzt! Einsendeschluss ist der 19. September 2011. Weitere Informationen zu den Teilnahmebedingungen und Bewertungskriterien finden Sie in den Ausschreibungsunterlagen unter www.wipig.de/downloads/praventionspreis/ausschreibung_final.pdf.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 03/11 ab Seite 84.

Das Interview führte Dr. Petra Kreuter

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