Ein Reißverschluss, der einen geöffneten Mund darstellt© CalypsoArt / iStock / Getty Images Plus
Eine Aphasie kann im schlimmsten Fall Betroffenen den Mund versiegeln.

Aphasie

PLÖTZLICH SPRACHLOS

Die Zahl der Schlaganfälle in Deutschland steigt – und mit ihr auch die Zahl derer, die mit der Folgediagnose Aphasie leben müssen. Jährlich kommen etwa 270 000 Menschen dazu. Neue Aufmerksamkeit erhielt die Krankheit durch den prominenten Fall von Bruce Willis.

Seite 1/1 10 Minuten

Seite 1/1 10 Minuten

Als humorvoller Action-Schauspieler wurde Bruce Willis mit Filmen wie „Stirb langsam“ oder „Pulp Fiction“ weltweit berühmt. Eines seiner Filmzitate prägte sogar eine ganze Generation. Nun beendet der gebürtig aus dem deutschen Idar-Oberstein stammende Autor, Schauspieler, Musiker und Filmproduzent abrupt seine Karriere. Der Grund: Aphasie.

Menschen mit Aphasie verlieren nicht einfach die Fähigkeit zu sprechen, das Krankheitsbild ist differenzierter. Alle sprachlichen Fähigkeiten sind betroffen: Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben. Die Kognition an sich, also inneres Denkvermögen sowie allgemeines und persönliches Wissen, sind nicht betroffen. Ebenso wenig wie Intelligenz und Bewusstsein. Da es für Außenstehende auf den ersten Blick aber so wirken mag, reagieren Aphasiker*innen häufig depressiv, verzweifelt oder gar aggressiv auf die Reaktionen ihres Umfeldes – Missverständnisse, soziale Isolation sowie Schubladendenken belasten Betroffene neben dem schweren Verlust der Verständigung zusätzlich. Auch wenn die Übergänge fließend sind, stehen je nach Form der Aphasie unterschiedliche Symptome im Vordergrund.    

Zentraler Sprachverlust

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ – so lautet ein Zitat von Ludwig Wittgenstein. Passend, wenn man bedenkt, wie frustriert ein kleines Kind reagieren kann, wenn es sich aufgrund seines (noch) geringen Wortschatzes nicht verständigen kann. Oder Menschen mit Kehlkopfentzündung ihre Stimme schonen sollen und von der Pflege anderer abhängig sind. Aphasiker*innen geht es nicht anders: Plötzlich kommen die Gedanken nicht mehr sortiert heraus, das Umfeld reagiert unsicher oder verlegen.

Doch der Unterschied liegt in der Vergänglichkeit der Symptome: Ein Mensch mit Aphasie leidet unter einem zentralen Sprachverlust nach abgeschlossener Sprachbildung, also einer erworbenen Sprachstörung. Dabei sind die Sprechorgane intakt, der Sprachverlust resultiert aus einer Hirnverletzung. In der Regel schließt sich eine Aphasie einem Schlaganfall in der dominanten Hemisphäre an (zu 80 Prozent).

Man geht davon aus, dass diese Gehirnhälfte maßgeblich zum Sprechen und Verstehen von Sprache genutzt wird – bei Rechtshändern ist es die linke, bei Linkshändern die rechte Hirnhälfte. Aber auch Schädel-Hirn-Traumata (10 Prozent), Gehirntumore (7 Prozent) oder Hirnentzündungen, -atrophien und Hypoxien (je 1 Prozent) können die Sprache und all ihre Modalitäten beeinflussen.

Aktuelle Zahlen des Bundesverband Aphasie e. V. zeigen, dass fast jeder Zweite nach einem Schlaganfall eine Aphasie erleidet. Das entspricht etwa ein bis zwei Promille der Bevölkerung, die täglich mit Spracheinbußen zu kämpfen haben. Also mit:

  • Störungen der Sprachproduktion:
    Es ist nicht so, dass Aphasiker*innen nicht mehr reden können. Manche suchen nach den richtigen Worten oder bilden Sätze im Telegrammstil oder sprechen flüssig, verwechseln aber die Wortbedeutungen.
  • Störungen des Sprachverständnis:
    Die Worte werden gehört, aber nicht mehr verstanden oder verstanden, aber der Kontext im Satzbau nicht. Ähnlich klingende Worte können auch vertauscht werden.
  • Lesestörung:
    Vielen fällt nicht nur die gesprochene Sprache schwer, auch lesen oder schreiben können ähnlich mühevoll ablaufen. Wortbedeutungen oder Wortformen können unbewusst vertauscht werden, Wörter nicht richtig entziffert oder nur ein gewisser Wortschatz verstanden werden.

Alle Symptome sind den meisten Betroffenen zu Beginn gar nicht bewusst, die Störungen werden nicht als solche wahrgenommen.

 

Aphasie und Dysarthrie
Im Gegensatz zur Aphasie, die eine Sprachstörungen darstellt, liegt bei einer Dysarthrie eine Sprechstörung vor. Durch eine Schädigung am peripheren oder zentralen Nervensystem können Betroffene ihre Sprechbewegungen nicht mehr richtig steuern oder ausführen, zum Beispiel durch Lähmungen entsprechender Muskel. Die Fähigkeit zu sprechen, zu lesen oder zu schreiben bleibt erhalten. Aphasie und Dysarthrie können allerdings gemeinsam auftreten.


Art der Schädigung begründet Aphasie-Form 

Es existieren verschiedene Formen der Sprachstörung. Es können größere Hirnregionen betroffen sein oder Teilabschnitte. Die Ausprägung der Hirnschädigung hat dabei direkten Einfluss auf die Symptomatik.

  1. Globale Aphasie
    Betroffene sind vor allem zu Beginn schweigsam. Wenn sie sprechen, dann meist kurze Lautwiederholungen wie „dadada“ oder Wortfloskeln wie „jaja“ und „na ja“, die situativ wenig Sinn ergeben. Einzelne, verständliche Worte auszusprechen kostet viel Kraft, die Kommunikation ist extrem erschwert, auch lesen und schreiben funktionieren meistens nicht mehr. Der Grund: eine ausgeprägte Läsion des motorischen und sensorischen Sprachsystems der dominanten Hemisphäre. Es stellt die schwerste Form der Aphasie dar. Zur Erinnerung: Weder die Intelligenz noch die Kognition sind beeinträchtigt. In diesem Fall muss der Großteil der Kommunikation über Gesten oder Mimik stattfinden.
  2. Motorische Aphasie
    Im Stirnlappen liegt das Broca-Sprachzentrum – hier findet die Schädigung statt. Daher wird diese Form auch Broca-Aphasie genannt. Während einfache Satzkonstruktionen verstanden werden, kämpfen Broca-Aphasiker*innen um jedes Wort gesprochener Sprache: Der Sprachfluss ist langsam, mühevoll und mit vielen Pausen gestaltet. Die Sätze sind eher kurz, fast abgehackt mit wenig Sprachmelodie. Dadurch können Witz, Ironie oder Freude schlecht transportiert werden. Stift und Papier können die Kommunikation verbessern, denn beim Schreiben kann man sich Zeit lassen. Trotzdem funktionieren Lesen und Schreiben nicht mehr wie vorher.
  3. Sensorische Aphasie
    Gegensätzlicher können Aphasien sich nicht gestalten: Während Broca-Aphasiker*innen eher wenig sprichen, reden Wernicke-Aphasiker*innen, als welche die sensorische Aphasie auch bezeichnet wird, richtig viel. Es werden lange, verschachtelte Sätze gebildet, teilweise Wortneuschöpfungen genutzt. Doch den Sätzen fehlt der Inhalt, sie sind sinnlos. Das fällt Betroffenen jedoch meist gar nicht auf. So entsteht schnell der Eindruck, sie seien verwirrt. Dazu verfügen Wernicke-Aphasiker*innen über ein gestörtes Sprachverständnis und können das Gesprochene nicht richtig einordnen. Dem Krankheitsbild liegt eine Schädigung im Schläfenlappen, wo die Sprachverarbeitung stattfindet, zugrunde. Da aber die Sprachmelodie erhalten bleibt, können vielfältige Emotionen ausgedrückt werden, über deren Interpretation sich eine Kommunikation empfiehlt.
  4. Amnestische Aphasie
    Diese Form der Aphasie stellt die vergleichsweise mildeste Verlaufsform dar. Meistens leiden Betroffene über Wortfindungsstörungen, ihre restlichen Sprachkompetenzen bleiben erhalten, auch Lesen und Schreiben. Somit gestaltet sich die Kommunikation mit Betroffenen recht gut, fehlende Worte können häufig umschrieben werden (z.B. „das Ding zum Schreiben“ anstatt „Stift“). Oder sie sagen beispielsweise „Teleton“ statt „Telefon“. Da auch Tumoren oder Alzheimer-Demenz eine amnestische Aphasie auslösen können, sollten diese Ursachen ausgeschlossen werden.
  5. Primär Progressive Aphasie (PPA)
    Diese Form unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Aphasien, denn ihr Prozess ist schleichend. Daher wird sie nicht direkt zu den Aphasien gezählt. Den sprachlichen Veränderungen liegen degenerative Prozesse der Hirnzellen in relevanten Sprachzentren zugrunde. Daher handelt es sich hierbei um eine langsam fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, also ein eigenes Krankheitsbild. Die Aphasie ist nicht Folge einer anderen Hirnschädigung. Nach und nach verschlechtert sich die Symptomatik bis Betroffene letztlich auf keinerlei Funktionen mehr zurückgreifen können: Menschen ohne Sprache und Sprachverständnis. Auch andere Hirnfunktionen leiden, es können Vergesslichkeit oder Gedächtnisstörungen eintreten. Das Krankheitsbild ist aber von einer Alzheimer-Demenz abzugrenzen, Betroffene können sich noch sehr gut um sich selbst kümmern und erleiden keine motorischen oder andere kognitiven Einschränkungen. Betroffene sind meist über 60 Jahre, genaue Ursachen sind nicht bekannt.

Neben den kennzeichnenden sprachlichen Einbußen können aber auch die Konzentration, das Gedächtnis oder das Gefühlsleben beeinträchtigt sein. Betroffenen kann es mitunter schwerfallen, sich im Raum zu orientieren, bestimmte Bewegungen geplant auszuführen oder zu rechnen. Da sich eine Aphasie zu 80 Prozent einem Schlaganfall anschließt, müssen Aphasiker*innen zusätzlich mit allen anderen Begleiterscheinungen des Infarkts zurechtkommen. Das können unter anderem Lähmungen, Schluck- oder Sehstörungen sein.

 

Vom Gedanken zum Satz
Die meisten von uns machen es unbewusst jeden Tag: sprechen, einfach so. Doch bis ein Gedanke gesprochen den Mund verlässt, geschieht einiges im Gehirn. Unser „mentales Lexikon“ organisiert auf komplexe Art und Weise sowohl unseren Wortschatz – der bei einem Muttersprachler von 3000 bis zu 200 000 Worte umfassen kann – als auch die Bedeutung der einzelnen Wörter. Im Schnitt können Menschen drei Wörter pro Sekunde produzieren und ebenso schnell Wörter erkennen und verstehen. Zurzeit existieren zwei psycholinguistische Modelle, die versuchen diese Komplexität abzubilden: eines, das mit Hierarchie-Ebenen arbeitet, auf die während der Sprachbildung zurückgegriffen wird; und eines, das sich ein neuronales Knotennetzwerk vorstellt, welches kaskadenartig genutzt wird, sodass eine Art Lückentext entsteht, der nach und nach gefüllt wird. Beiden zugrunde liegt eine Art inneres Regelwerk, das bestimmt, welcher Schritt wie abläuft.


Kommt die Sprache wieder?

Unvorstellbar: Man wacht morgens auf und es fehlen die Worte. Doch genauso plötzlich kann es passieren. Während das Umfeld schockiert und irritiert reagiert, merken Betroffene gerade zu Beginn einer Aphasie gar nicht, wo das Problem liegt. Der erste Schritt besteht darin, dass die Symptome und Defizite von Betroffenen wahrgenommen werden. Nur so kann an deren Verbesserung gearbeitet werden. Meistens handelt es sich um mehrere Baustellen, wofür Aphasiker*innen motoviert sein und gerade in der Anfangszeit genügend Kraft aufbringen müssen, da sich Fortschritte nur langsam einstellen. Die Voraussetzung liegt im Umfeld, im Pflegepersonal und den Therapeut*innen: Ohne angemessenen Umgang und eine angepasste und somit stabile Kommunikation stellen sich schnell Überforderung, Unlust oder Resignation ein.

 

Alltag mit Aphasie: Fragen Sie einen Aphasiker ob er einen Kaffee möchte und er antwortet mit „ja“, kann es genauso gut sein, dass er lieber einen Tee möchte.

 

Sprache ermöglicht ein soziales Leben: Freundschaften, Arbeit, Hobbies, aber auch banale Tätigkeiten wie Einkaufen, Tanken oder Bankgeschäfte – je nach Ausprägung ihrer Sprachstörungen wird Aphasikern ein ausgeglichenes Sozialleben und ein „normaler“ Alltag erschwert. Und nicht jede*r Aphasiker*in befindet sich im Rentenalter, auch junge Menschen haben mit der Sprachstörung und dementsprechend mit ihrer Wiedereingliederung in den Berufsalltag zu kämpfen. Ein perfekter (neuer) Spracherwerb ist daher nicht das Ziel einer Therapie, sondern die Wiederherstellung eines (hoffentlich) erfüllten Lebens mit funktionierendem Alltag.

Die S3-Leitlinie „Schlaganfall“ betont die Notwendigkeit einer hochfrequenten Sprachtherapie von mindestens vier Mal pro Woche für eine Stunde über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen. Und zwar unabhängig von der Erkrankungsdauer und der Schwere der Aphasie. Oder dem Zeitpunkt des Auftretens – denn, warum sollte jemand mit jahrelanger Aphasie nicht ebenso von einer hochfrequenten Therapie profitieren wie jemand, bei dem die Störung erst vor ein paar Tagen oder Wochen aufgetreten ist?

Daran schließt sich eine mehrwöchige niederfrequente Therapieeinheit an, die erneut zu einer hochfrequenten Einheit eskaliert werden kann, sollte das therapeutische Personal diese Notwendigkeit sehen. Der Wechsel sollte so lange bestehen, bis sich erste Lernerfolge zeigen. Hochfrequente Therapien werden sowohl in Aphasie-Zentren als auch in Rehabilitations-Kliniken angeboten.

 

Sprachstörungen als Symptom anderer Krankheitsbilder
Neben Aphasie und Dysarthrie können Sprachstörungen auch (kurzzeitig) als Teil anderer Krankheitsbilder auftauchen. Stress oder Schlafmangel führen schnell zu einfachen Wortfindungsstörungen, da schlicht die Konzentration fehlt. Aber auch ein beginnendes demenzielles Syndrom, langjährige Alkoholkrankheit, Chorea-Huntington im Frühstadium oder ein Gehirntumor können Einfluss auf die sprachbildenden Hirnareale nehmen. Ebenso wie psychotische Episoden oder eine akute Schizophrenie.

 

Der sprachliche Erstkontakt findet dabei schon früh statt, meist nachdem Betroffene nach einem Schlaganfall aufgewacht und stabil sind. Ein Team aus Sprachtherapeut*innen, Linguistiker*innen und Logopäd*innen passen ihre Therapieinhalte und –materialien auf den Zustand der Aphasiker*innen und deren Aphasie-Form an. Es werden dabei alle sprachlichen Modalitäten berücksichtigt, also Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben. Heutzutage nicht mehr nur mit Hilfe von Broschüren oder Ausdrucken, sondern auch computergestützt mit Sprachprogrammen. Wichtige Pfeiler sind:

  • Reaktivierung: Funktionierende Sprachmodalitäten sollen trainiert werden, sodass sie mangelnde Fähigkeiten verbessern sollen, zum Beispiel durch schreiben gesprochenen Wortschatz aufbauen.
  • Reorganisation: nicht betroffene Hirnregionen so trainieren, dass sie betroffene Hirnareale entlasten können
  • Kompensation: mangelnde Fähigkeiten durch funktionierende ersetzen, zum Beispiel mit Hilfe von Gesten kommunizieren (Visual Action Therapy)

Angehörige werden häufig mitgeschult, sie sollen Betroffenen bestenfalls ein aphasiefreundliches Zuhause und einen kommunikationsoffenen Alltag schaffen, sich Zeit für ein Gespräch nehmen und Treffen mit Freunden und Familie organisieren oder bei „Hausaufgaben“ zur Seite stehen.

Wie schnell und in welchem Umfang sich Verbesserungen einstellen, ist individuell und schwer abzuschätzen. Doch eines betonen Fachleute: Eine logopädische Rehabilitation endet für eine*n Aphasiker*in nie. Mehrere Studien konnten belegen, dass sich noch Jahre nach dem Ereignis, sei es ein Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma, sprachliche Verbesserungen zeigen können.

 

Quellen:
Desireé Hoffmann (2019). „Und plötzlich fehlen mir die Worte“, Menschen mit Aphasie richtig „verstehen“ (Facharbeit zum Qualifikationslehrgang Spezielle Pflege auf Stroke Units für Gesundheits-und Krankenpflegekräfte)
https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/bruce-willis-aphasie-100.html
https://aphasiker.de/aphasie/
https://www.dbl-ev.de/logopaedie/stoerungen-bei-erwachsenen/stoerungsbereiche/komplexe-stoerungen/dysarthrie#:~:text=Unter%20einer%20Dysarthrie%20versteht%20man,die%20Ausf%C3%BChrung%20von%20Sprechbewegungen%20betroffen.
https://www.navigator-medizin.de/symptome/sprachstoerungen/aphasie
https://www.dbs-ev.de/index.php?id=24
https://aphasiker.de/wp-content/uploads/2020/11/leitlinie-schlaganfall.pdf
https://www.apotheken.de/symptome/12280-sprachstorungen
https://www.biologie-seite.de/Biologie/Mentales_Lexikon
https://logopaedie-praxis-berlin-brandenburg.de/website1/wp-content/uploads/2017/08/Aphasie-1.pdf

×