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01. Mai 2017

Eine ganz besondere Zeit

Schwangere hält Hand auf den Bauch
Die Schwangerschaft ist nicht nur eine Zeit der Freude. Körperliche Veränderungen und nie gekannte Beschwerden lösen Unsicherheiten aus und führen viele werdende Mütter in die Apotheke.

Vor allem besteht eine große Verunsicherung bei den Themen Mikronährstoffversorgung und Arzneimittelgebrauch. Die Contergan®-Katastrophe der 60er Jahre hat allen vor Augen geführt, wie gefährlich die Einnahme von Medikamenten in der Schwangerschaft sein kann. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass circa 90 Prozent aller Frauen zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrer Schwangerschaft Arzneimittel einnehmen. Die meisten Medikamente werden in der Selbstmedikation erworben, vornehmlich um akute, meist schwangerschaftsbedingte Beschwerden zu lindern. Zu einem kleineren Teil lösen Schwangere Rezepte ein, auf denen der Arzt verschreibungspflichtige Präparate zur Behandlung chronischer Grunderkrankungen verordnet hat.

SCHÄDEN IN DEN VERSCHIEDENEN ENTWICKLUNGSSTADIEN
+ Vor der Befruchtung (Konzeption) reifen in der Gametogenese die männlichen und
    weiblichen Keimzellen. Die in diesem Stadium auftretenden Schäden sind
    Erbschäden, da sie durch Veränderungen am genetischen Material ausgelöst
    werden (z. B. Down-Syndrom (Trisomie 21)).
+ In der Blastogenese (Konzeption bis zum 18. Tag) reagiert der Embryo nach dem
    Alles-oder-Nichts-Prinzip. Exogene Noxen führen entweder zum Absterben der
    befruchteten Eizelle (Keimtod) oder die Frucht entwickelt sich unbeschadet weiter,
    da sich die Zellen zu diesem frühen Entwicklungszeitpunkt noch vollständig
    regenerieren können. In dieser Entwicklungsphase werden auch sehr selten   
    Doppelmissbildungen (z. B. Siamesische Zwillinge) beobachtet. Sie entstehen
    durch partielle Trennung der ersten Tochterzellen einer Zygote oder von
    Zellgruppen im frühen Entwicklungsstadium.
+ In der sich anschließenden Embryogenese (19. Tag bis 8. Woche) entstehen
    die Extremitäten, die Körperform und die inneren Organe. Während dieser
    Zeit treten die fruchtschädigenden Veränderungen als Fehlbildungen an den
    Organen auf, die zu diesem Zeitpunkt gerade angelegt werden. Sie können
    von partiellen Schäden (z. B. Spaltbildungen oder Herz- und Gefäßanomalien)
    bis zum Fehlen eines Organs (z. B. des Gehirns bei der Anenzephalie) reichen. 
    Damit ist die größte Gefahr einer potenziellen Schädigung zwischen der 3.
    und 8. Woche gegeben und man spricht daher auch von der kritischen oder
    sensiblen Phase.
+ In der Fetogenese (9. Woche bis Geburt), nimmt die Empfindlichkeit des
    Kindes wieder ab. Da die Organentwicklung bereits abgeschlossen ist, kann es
    in dieser Zeit zu Differenzierungs- und Funktionsstörungen der angelegten
    Organe kommen (z. B. endokrine Störungen, Wachstumsretardierung).

 

 

Hoher Beratungsbedarf Vor der Abgabe sind erst einmal mehrere Fragen zu klären. Ist eine Selbstmedikation überhaupt erforderlich? Welche Medikamente sind während der Schwangerschaft geeignet und können empfohlen werden? Muss die Schwangere eventuell eine schon bestehende Medikation verändern? Gibt es rezeptfreie Alternativen oder muss sie an den Arzt weitergeleitet werden? Heute weiß man zudem, wie wichtig eine optimale Zufuhr mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen für Mutter und Kind ist. Doch was muss die Schwangere beachten?

Welche Mikronährstoffe sollte sie supplementieren beziehungsweise darf sie nicht unbedenklich ergänzen? Es ist also eine gute Beratung in der Apotheke gefragt. Nutzen Sie die Gelegenheit Ihre Fachkompetenz zu beweisen. Bei der Auswahl geeigneter Präparate im Rahmen der Selbstmedikation kann auf Fachliteratur oder online-Datenbanken zurückgegriffen werden, die praktische Hilfestellung bieten.

Plazentagängige Arzneistoffe Eine Arzneimitteltherapie bei Schwangeren muss mit großer Zurückhaltung erfolgen, denn fast alle Medikamente, die oral eingenommen werden, können über die Plazenta von der Mutter auf das Kind übergehen. In der Schwangerschaft gewährleistet die Plazenta die stoffliche Versorgung des Kindes, wobei die Blutkreisläufe von Mutter und Kind völlig getrennt bleiben. Früher glaubte man, dass die Plazentaschranke den kindlichen Organismus vor schädlichen Einflüssen schützt. Heute weiß man, dass es keine absolute Barriere zwischen mütterlichem und kindlichem Organismus gibt und damit von der Mutter eingenommene Pharmaka oder andere chemische Stoffe in den Blutkreislauf des Ungeborenen gelangen und ein Risiko für ihn darstellen. Prinzipiell können Substanzen mit einer relativ niedrigen Molekularmasse (unter 600 bis 800) die Placenta aktiv und passiv passieren, was für die meisten Arzneimittel zutrifft. Zudem durchdringen fettlösliche Substanzen die Plazenta eher als wasserlösliche.

Teratogene Wirkung Die größte Gefahr ist die Teratogenität eines Arzneistoffes. Die fruchtschädigenden Auswirkungen sind meist irreversibel und vielfältig. Fehl- und Missbildungen unterschiedlichen Grades, Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten und Entwicklung, eine Beeinträchtigung der Organfunktion, intrauterine Wachstumsverzögerungen oder gar ein Absterben des Ungeborenen können die Folge sein. Die meisten Missbildungen stehen aber nicht im Zusammenhang mit einer Arzneimitteleinnahme der Mutter. Insgesamt kommen etwa drei bis fünf von 100 Kindern mit einer Missbildung auf die Welt. In den meisten Fällen (mehr als zwei Drittel) sind die Ursachen für ihr Auftreten nicht bekannt, 15 Prozent scheinen genetisch bedingt zu sein und circa zehn Prozent treten durch Genuss- und Umweltgifte (z. B. Alkohol, Tabakrauch) auf. Lediglich ein Prozent der Missbildungen scheint auf den Gebrauch von Arzneimitteln zurückzuführen sein.

Zusammenspiel verschiedener Faktoren Die Gefahr teratogener Schäden ist nicht nur von der auslösenden Noxe abhängig. Entscheidend sind die genetische Konstitution des Kindes sowie Dosis, Einnahmedauer, Anzahl der exogenen Einflüsse und der Einnahmezeitpunkt. Prinzipiell nimmt mit höherer Dosierung die Störung der embryonalen Entwicklung zu. Aber erst das Zusammenspiel verschiedener exogener und genetischer Faktoren führt zur Fruchtschädigung. Grundsätzlich wird bei der Manifestation von Missbildungen von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen. Es lassen sich bei der Entwicklung teratogener Schäden individuelle Unterschiede feststellen. Eine teratogene Substanz löst nicht zwangsläufig Schäden aus.

Viele Frauen bringen gesunde Kinder zur Welt, obwohl sie in der kritischen Phase fruchtschädigende Pharmaka eingenommen haben. Andererseits können Substanzen, die nicht als fruchtschädigend gelten, im Einzelfall doch eine Missbildung verursachen. Eine besondere Rolle spielt der Einnahmezeitpunkt. Das Ungeborene reagiert je nach Entwicklungsstadium unterschiedlich empfindlich auf exogene Noxen. Das Risiko einer potenziellen Fruchtschädigung ist in den einzelnen Entwicklungsphasen der Schwangerschaft unterschiedlich groß und die Art und das Ausmaß der Schädigung ebenso. Besonders kritisch ist der Zeitraum der Organentstehung zum Anfang der Schwangerschaft.