• Chronische Übersäuerung
  • PTA-Fortbildung
01. Februar 2017

Ein sensibler Balanceakt

Frau balanciert auf Stein
Basenbildende Nahrungsmittel

Kompensation bei Überlastung des Säure-Basen- Gleichgewichts Der Körper verfügt allerdings noch über eine Art Notfallmaßnahme, wenn der Zustand der latenten Übersäuerung anhält und nicht anders ausgeglichen wird. Er kann Basen aus den Knochen mobilisieren. Knochen enthalten basische Kalzium- und Magnesiumverbindungen. Die dauerhafte Übersäuerung führt dazu, dass diese aus dem Knochen gelöst werden. Gleichzeitig wird durch die pH-Verschiebung zum Sauren hin die Aktivität der knochenabbauenden Zellen, der Osteoklasten, gesteigert, während die der knochenaufbauenden Zellen, der Osteoblasten, gehemmt wird.

Alle diese Effekte können langfristig zum Verlust von Knochensubstanz führen und eine Osteoporose begünstigen. Zusätzlich hat der Organismus die Möglichkeit, Säuren ins Bindegewebe einzulagern. Zum Bindegewebe gehören neben dem Bindegewebe im engeren Sinne, das zum Beispiel Organe umhüllt, auch Stützgewebe, wie Knorpel, Sehnen und Bänder. Zwischen den kollagenen und anderen fibrillären Fasern, die die Zugfestigkeit des Bindegewebes garantieren, befinden sich Proteoglykane, die stark quellen und vor allem Kompressionskräfte aufnehmen und verteilen können. Proteoglykane sind Makromoleküle, die zu etwa 95 Prozent aus Polysacchariden und zu 5 Prozent aus Proteinen bestehen.

Aufgrund des hohen Polysaccharid-Anteils entsprechen die Eigenschaften denen der Polysaccharide, das heißt, sie sind durch die vielen OH-Gruppen sehr hydrophil und können große Mengen Wasser binden. Dazu kommt, dass sie vielfach sulfatiert sind, also Sulfatreste besitzen, die eine negative Ladung tragen. Dies wiederum erhöht die Hydrophilie und damit das Wasserbindevermögen um ein Vielfaches. Dadurch sind die Proteoglykane ideale Gleitmittel in Gelenken und die perfekte Grundsubstanz für Sehnen, Bänder und Gelenke. Wenn der Körper die Säurelast nicht ausscheiden oder neutralisieren kann, können sich die positiv geladenen Protonen an die negativ geladenen Sulfatreste der Proteoglykane anlagern.

So sind sie zunächst gebunden und belasten das Säure-Basen-Gleichgewicht nicht mehr. Allerdings verliert das Bindegewebe dadurch seine Ladungen und somit auch seine Wasserbindekapazität. Die Folge ist ein Elastizitätsverlust, der die Funktion von Sehnen, Bändern und Knorpel beeinträchtigt. Mechanische Belastungen können schlechter abgefangen werden. Auch die Nährstoffversorgung der Bindegewebszellen ist vermindert. Es kommt leichter zu entzündlichen Prozessen. Die Folge können Rücken-, Gelenkund Muskelschmerzen sein. Naturheilkundler sprechen von „Säurestarre“. Auch die Haut enthält bindegewebige Strukturen, die bei einer Übersäuerung ihr Wasserbindevermögen verlieren. Der Verlust an Elastizität kann sich bei Frauen zum Beispiel als Cellulite äußern.

Chronische Übersäuerung erkennen Immer wieder fragen Kunden in der Apotheke nach Teststreifen, mit denen sie den pH-Wert des Urins messen können. Dies ist nicht sinnvoll. Der pH-Wert des Harns schwankt in Abhängigkeit von Tageszeit und Nahrung auch bei ausgeglichener Stoffwechsellage zwischen 5 und 8. Die Einnahme von Medikamenten oder bestimmte Krankheiten können ihn zusätzlich beeinflussen. Nur etwa ein Prozent der Säure wird zudem als freie Säure über den Harn ausgeschieden. Der größte Teil verlässt den Körper in Form von Ammoniumverbindungen, die von den Teststreifen gar nicht erfasst werden.

Das komplexe Geschehen der chronischen Übersäuerung, das alle Körperzellen, Gewebe und Organe betrifft, kann durch eine einfache Messung im Urin nicht dargestellt werden. Die Methode hat also keine Aussagekraft und Sie sollten Ihren Kunden davon abraten. Möglich ist im Prinzip eine Bestimmung der Netto-Säure- Ausscheidung im 24-Stunden- Sammelurin. Dabei werden für den Säure-Basen-Status wichtige Ausscheidungsprodukte analysiert. Je höher die Netto- Säure-Ausscheidung über die Niere ist, umso höher ist die Säurebelastung des Organismus. Auch die Bestimmung der Pufferkapazität von Harn und Blut ist möglich.

Um die des Harns zu bestimmen, wird zu fünf verschiedenen Zeitpunkten des Tages der pH-Wert und die Pufferkapazität des Harns bestimmt und interpretiert. Es lässt sich ein Säurequotient errechnen, der die Messzahl für die Säurebelastung des Körpers darstellt. Die Pufferkapazität der roten Blutkörperchen lässt sich aus dem Serum bestimmen. Sie gibt ebenfalls Hinweise auf den Grad der Übersäuerung. Diese Verfahren werden von Speziallabors durchgeführt und sind für den Patienten recht kostspielig. Wesentlich einfacher, preiswerter und vielleicht genauso aussagefähig ist die Anamnese über die Ernährungsgewohnheiten.

BESONDERHEIT KAFFEE
Kaffee ist ein wässriger Pflanzenauszug und weist daher sogar einen geringfügigen Basenüberschuss auf. Dies wird jedoch häufig falsch dargestellt, da die fördernde Wirkung des Kaffees auf die Magensäurebildung mit dessen Auswirkungen auf den Säure-Basen-Haushalt verwechselt wird. Die Säurebildung im Magen nach dem Genuss von Kaffee ändert jedoch nichts an der positiven Säure-Basen-Bilanz!

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